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Interview

Melissa Etheridge: Es hilft immer, über persönliche Erfahrungen zu sprechen

Wir sprachen mit der lesbischen Sängerin über ihr neues Livealbum "I'm Not Broken", das 2023 bei einem Konzert in einem Frauengefängnis aufgenommen wurde, und den gleichnamigen Doku-Zweiteiler bei Paramount+.


Melissa Etheridge in der Doku "Melissa Etheridge: I'm Not Broken" (Bild: Paramount+)

Musik macht Melissa Etheridge, geboren 1961 im Bundesstaat Kansas, seit ihrer Kindheit, und spätestens seit ihrem 1994 erschienenen vierten Album "Yes I Am" gehörte sie zu den bekanntesten und erfolgreichsten Rockmusikerinnen der Welt. Insgesamt hat Etheridge, die seit 2014 mit der Autorin und Produzentin Linda Wallem verheiratet ist, bislang 16 Studioalben veröffentlicht, mehrere Grammys gewonnen und wurde für den Song "I Need to Wake Up" sogar mit dem Oscar ausgezeichnet.

Am 26. Juli erscheint nun ihr neues Livealbum "I'm Not Broken", das 2023 bei einem Konzert in einem Frauengefängnis in ihrem Heimatstaat aufgenommen wurde. Wie es dazu kam, zeigt der Doku-Zweiteiler "Melissa Etheridge: I'm Not Broken", der ab dem 10. Juli bei Paramount+ zu sehen ist. Wir sprachen dazu mit der 63-Jährigen im Interview.


Der Doku-Zweiteiler "Melissa Etheridge: I'm Not Broken" ist ab dem 10. Juli 2024 bei Paramount+ zu sehen

Ms. Etheridge, Sie wuchsen in Leavenworth, Kansas, im Schatten jenes Gefängnisses auf, in dem 1970 Johnny Cash einen legendären Auftritt hatte. Aber auch schon vorher assoziierten Sie das Gefängnis nicht unbedingt mit etwas Schlechtem, richtig?

Wir wohnten zwei Blocks von dem Gefängnis entfernt, und es gehörte von frühster Kindheit einfach ganz selbstverständlich zu meinem Leben dazu. Ich kannte auch viele Kinder, deren Väter dort als Wärter arbeiteten. Außerdem versteht man in einer Gefängnisstadt sehr schnell, dass man vor den Insassen eigentlich keine Angst haben muss. Denn wenn tatsächlich mal jemand ausbricht, nimmt der ja so schnell wie möglich Reißaus, statt sich in der Nachbarschaft herumzutreiben. Als Teenager trat ich dann übrigens selbst in einigen Gefängnissen der Region auf, mit einer lokalen Musikgruppe, in der ich spielte.

Wie erinnern Sie sich an diese Auftritte?

Wie umständlich es war, erst einmal hineinzukommen in diese Gefängnisse, hat sich mir sehr eingeprägt. Wie man durchsucht wurde und sich vor und hinter einem immer wieder irgendwelche rostigen, alten Metalltore schlossen, bevor man wirklich im Inneren war, das war schon eine echte Tortur. Aber einmal angekommen, fühlte sich die Bühne kaum anders an als andere Orte, an denen wir damals auftraten. Wobei das Publikum wirklich Eindruck auf mich machte, denn diese Männer waren so begeistert und dankbar, selbst wenn ich ein selbstkomponiertes Lied sang, das sie noch nie gehört hatten. Man merkte wirklich, wie hungrig sie nach Unterhaltung, Ablenkung und schönen Erlebnissen waren. Deswegen hatte ich schon seit vielen, vielen Jahren vor, mal wieder in einem Gefängnis zu spielen. In den 1990er Jahren hatte ich mal Pläne mit Tammy Wynette, doch leider starb sie kurze Zeit später.

Wie kam es dann vergangenes Jahr im Frauengefängnis von Topeka zu jenem Konzert, das nun in "Melissa Etheridge: I'm Not Broken" zu sehen ist?

Vor ungefähr zehn Jahren wechselte ich mein Management, und als mich mein neues Team damals fragte, welche Träume ich als Musikerin noch habe, holte ich die Idee vom Auftritt im Gefängnis wieder aus der Tasche. Als dann 2020 mein Sohn Beckett an den Folgen seiner Opioidabhängigkeit starb, war das für mich eine zusätzliche Motivation, schließlich sind Sucht und Drogenkriminalität heutzutage untrennbar mit dem Strafvollzug verbunden. Über die Jahre fanden wir Mitstreiter*­innen, mit denen sich der Plan umsetzen ließ, von der Gefängnisleiterin in Topeka, die für die Idee offen war und verstand, worum es mir ging, bis hin zu einer Produktionsfirma, die Lust hatte, das Ganze filmisch zu begleiten.

Sie wussten also schon vor der direkten Begegnung mit den inhaftierten Frauen, wie viel Raum die Opioidkrise und das Thema Sucht in diesem Zweiteiler einnehmen würden?

Nein, das nicht. Ich war dann doch erschüttert, dass jede einzelne Frau, mit der ich sprach, ein Drogenprobleme hatte. Die Direktorin berichtete mir, dass ihr Gefängnis in erster Linie eine Art Therapieort ist, weil 95 Prozent aller Insassinnen mit Trauma-Erfahrungen bei ihr landeten, die letztlich auch fast immer die Ursache für ihre Sucht waren. Ich verstand das auch durch die Briefe, die mir die Frauen vor unserer Begegnung schrieben. Ihre jeweiligen Geschichten waren höchst unterschiedlich. Aber Drogen und traumatische Erlebnisse in jungen Jahren waren ihnen allen eigentlich gemein. Was mich ehrlich gesagt vermuten lässt, dass wir über das System Gefängnis vielleicht nochmal ganz neu nachdenken sollten.

Sie erwähnten gerade den Verlust Ihres Sohnes, den Sie auch schon vergangenes Jahr in Ihrer zweiten Autobiografie "Talk to My Angels" thematisierten. Fällt es Ihnen leicht, derart persönliche Gefühle und Erfahrungen öffentlich zu machen?

Leicht trifft es nicht, denn natürlich gibt es eigentlich kaum etwas Schwierigeres. Aber spätestens als ich in den 1990er Jahren mein öffentliches Coming Out hatte und über meine Homosexualität gesprochen haben, lernte ich, dass die Bereitschaft, mit solchen Dingen offen umzugehen, absolut hilft. Und zwar mir genauso wie anderen. Bis heute sprechen mich Menschen darauf an, wie wichtig es für sie damals war, mich als lesbisches Vorbild zu haben. Als ich 2005 an Krebs erkrankte und auch darüber in der Öffentlichkeit nicht schwieg, gab es ähnliche Reaktionen.

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Aber der Tod des eigenen Kindes ist natürlich nochmal etwas ganz anderes, oder?

Das stimmt. Und natürlich könnte ich mich leidend zurückziehen und in Depressionen verfallen. Aber darüber zu sprechen, ist mein Weg, durch diese Erfahrungen durchzukommen. Außerdem gibt es da draußen hunderttausende von Familien, deren Kinder ebenfalls abhängig sind und die ähnliches durchmachen. Wenn ich da jemanden mit dem Teilen meiner Erlebnisse und Emotionen helfen oder irgendwen inspirieren kann, ist das sehr viel wertvoller, als im stillen Kämmerlein zu trauern.

Sich vom Leben nicht brechen zu lassen, das ist – wie auch der Titel des Doku-Zweiteilers und des Albums andeuten – Ihr fester Vorsatz?

Das habe ich im Zuge meiner Erkrankung vor 20 Jahren gelernt. Damals habe ich verstanden, dass ich mich selbst an erste Stelle setzen muss, wenn ich überleben will. Wenn ich mich nicht selbst liebe und auf mich aufpasse, war's das für mich, das spürte ich sehr deutlich. Selbst als dann später mein Sohn mit der Sucht kämpfte und ich sah, wie er litt, und sich abzeichnete, dass er sie womöglich nicht überlebt, musste ich trotzdem auch an mich denken. Das war fürchterlich und erschöpfend, aber ich musste lernen, dass nur er sich selbst retten kann und nichts, was ihm passiert, meine Schuld war. Anderenfalls wäre auch ich unter die Räder gekommen.

Entsprechend positiv und erhebend ist auch der Grundtenor in "Melissa Etheridge: I'm Not Broken". Wobei es dann doch ein wenig erstaunt, wie wohlwollend Sie über die Menschen sprechen, die in den Gefängnissen arbeiten!

Ich glaube, die Bilder, die wir von den Machtstrukturen in Gefängnissen und von Verbrechen und Strafe im Kopf haben, sind ziemlich veraltet. Oder plumpe Klischees aus Filmen und Serien, die von Sadismus und Missbrauch dominiert werden. Im Zuge meines Gefängniskonzerts und in meinem Kontakt mit den einsitzenden Frauen bin ich jedenfalls nie einem schlechten Menschen begegnet. Ich hatte bei allen Menschen, von der Direktorin bis zu den Wärter*innen, das Gefühl, dass sie das Beste für diese Frauen wollen. Dass alle darum bemüht sind, sie wieder raus ins Leben und auf einen besseren Weg zu bekommen. Mag sein, dass das alles Ausnahmen waren. Aber die Gefängnisleiterin, die wir im Film sehen, ist mit diesem Ansatz zumindest so erfolgreich, dass sie inzwischen befördert wurde und mittlerweile eine ganze Reihe von Gefängnissen beaufsichtigt. Das spricht doch dafür, dass sie etwas richtig macht.

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