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Kunst
Peter Paul Rubens: Barocker Sex unter Männern
Im Rubens-Saal der Alten Pinakothek in München hängt ein monumentales Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, auf dem gleichgeschlechtlicher Analverkehr dargestellt wird. Sichtbar wird das erst auf den zweiten Blick.

Peter Paul Rubens, Der trunkene Silen, um 1618
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13. Juli 2024, 05:11h 4 Min.
Silen heißt der wohlbeleibte Nackedei im Zentrum des Bildes. Betrunken gerät er ins Taumeln, umgeben von einer bunten Gefolgschaft. Bei der munteren Schar handelt es sich um eine Prozession zu Ehren von Bacchus – dem Gott des Weines, der in der griechischen Mythologie unter dem Namen Dionysos bekannt ist. Der bacchantische Zug ist ein beliebtes Motiv in der Kunstgeschichte, bei dem sich die Gelegenheit bietet, Rausch, Exzess und Ekstase in den schillerndsten Farben darzustellen. Hier greift Silen mit der rechten Hand zu den Weintrauben, die ihm ein Satyr anbietet, am linken Arm wird er "von einem hinter ihm stehenden dunkelhäutigen Begleiter gestützt", wie ein Kunsthistoriker das rund vierhundert Jahre alte Gemälde von Peter Paul Rubens beschreibt, wobei "ein beherzter Griff in den Oberschenkel" auf die "Abgeschlafftheit" von Silens Körper hinweisen soll.
Doch ein genauer Blick offenbart Unerhörtes, das in der Kunst des Barock seinesgleichen sucht: Rubens zeigt in dieser Szene homosexuellen Analverkehr – und obendrein auch noch in einer interethnischen Konstellation. Silen wird von dem "dunkelhäutigen Begleiter" nicht nur gestützt, sondern penetriert. Neben dem Kniff in den Hintern spricht dafür auch die ihm zugewandte Hüfte und die Ausrichtung des Kniegelenks des Penetrierenden, sowie dessen ekstatisch zurückgeworfener Kopf mit den nach oben gerollten Augen. Die Bacchus-Jüngerin neben ihm lächelt uns bei der Entdeckung des Vorfalls schelmisch zu, als würde sie sich über unsere nach unten fallende Kinnlade amüsieren und sagen: "Jawohl, ihr seht schon richtig!"
Schaut der heranwachsende Dionysos zu?
Ein weiterer Wink mit dem Zaunpfahl ist das kopulierende Ziegenpaar am unteren rechten Bildrand – wie auch der Knabe, der mit der rechten Hand an die Hörner des Bocks greift und gebannt das Geschehen auf Hüfthöhe von Silen beobachtet. Handelt es sich bei ihm etwa um den heranwachsenden Dionysos, der mythologischen Erzählungen zufolge von Silen aufgezogen wird? Dionysos gilt nicht nur als Gott des Weines und der Ausschweifung, er ist auch ein im heutigen Sinne des Wortes queerer Schutzpatron, der Männer und Frauen begehrt, sich gerne in Leopardenfell hüllt und eine Vorliebe für Cross-Dressing hat. Die Szene könnte darum als frühkindliches Schlüsselerlebnis für ihn konzipiert sein.
Zu sehen ist das monumentale Gemälde mit dem Titel "Der trunkene Silen" (1618) im zentral gelegenen Rubens-Saal der Alten Pinakothek in München. Die eher heiter-groteske Grundstimmung kontrastiert auffällig zu apokalyptischen Werken wie dem Engelssturz (1621) oder dem Großen Jüngsten Gericht (1617), die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befinden.
Peter Paul Rubens gilt als Meister der Barockkunst – und als Propagandist der Gegenreformation. Das Publikum sollte durch den Einsatz von dramatischen Effekten und intensiven Emotionen für die katholische Kirche zurückerobert werden. Der menschliche Körper und dessen Nacktheit sind im Werk des flämischen Künstlers ein zentrales Element. Es dient ihm nicht nur der Darstellung menschlicher Schönheit und sexueller Anziehungskraft, sondern auch der Vermittlung von Verletzlichkeit und menschlichen Schwächen.
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Eindeutig erotisch konnotierter Männertypus

Peter Paul Rubens, Zwei Satyrn, 1617
Silen – das muss man so sagen – entspricht nicht dem klassischen Schönheitsideal. Doch ähnlich der heute als "Rubensfrauen" bezeichneten üppigen weiblichen Körper, die zu ihrer Zeit als sinnlich und erotisch angesehen wurden, könnten auch die männlichen Zeitgenossen in diesem Sinne wahrgenommen worden sein. Wer sich mit Rubens Œuvre beschäftigt, wird immer wieder auf einen bestimmten idealisierten und eindeutig erotisch konnotierten Männertypus stoßen, dem Silen gar nicht so unähnlich ist – wie etwa auf dem Gemälde "Zwei Satyrn" von 1617, das sich in einem Nebenraum der Pinakothek befindet. Darauf sehen wir ein vollbärtiges Modell, das Haut an Haut vor einem Geschlechtsgenossen steht und sich frontal an das betrachtende Publikum wendet, mit einem aufreizend-provokanten Lächeln und geneigtem Kopf.
Indes sind von Rubens keine gleichgeschlechtlichen Neigungen überliefert. Mit dem Motiv vom trunkenen Silen stellte er sich womöglich einer moralischen Agenda in den Dienst, zu der die Warnung vor Kontrollverlust bei übermäßigem Alkoholgenuss gehört, ganz im Sinne von: Seht her, was euch zustoßen kann, wenn ihr zu viel trinkt! Es macht jedoch fast so den Eindruck, als hätte sich Rubens damit gut ausgekannt.
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