https://queer.de/?50238
Berlin
Queering the Spree!
Mit dem Dampfer "MS Audrey" hat sich die Berliner Dragqueen und Reederin Audrey Naline einen Traum erfüllt. Das Schiff mit Platz für 75 Personen bietet außergewöhnliche Ausflüge an.

Auf der "MS Audrey" werden Drag-Shows, Quizabende, Lesungen, Talk-Formate und (Sozio)Kultur geboten (Bild: Charlotte Kunstmann)
- 13. Juli 2024, 06:45h 4 Min.
Die Dragqueen Audrey Naline hat sich den Traum einer jeden Hobbymatrosin erfüllt und fährt ab sofort mit dem eigenen Dampfer, der "MS Audrey", über die Gewässer der buntesten Hauptstadt des Universums. Klingt verrückt? Ist es auch.
Drag-Shows, Quizabende, Lesungen, Talk-Formate und (Sozio)Kultur sollen geboten werden – zusätzlich zu einem Angebot an klassischen Charter- und Linienfahrten, mit und ohne Dragqueens, aber immer mit Lust am Infotainment und einem großen Herz für Berlins schräge Seiten und schräge Vögel.
Dank eines erfolgreichen Crowdfundings mit über 17.000 Euro Spenden beginnt schon diesen Sommer die "Audreyfizierung" der "La Belle", einem 1965 gebauten Fahrgastschiff, das zuletzt für die Reederei Berlin Cityschiffsfahrten gefahren ist. Das Schiff mit Platz für 75 Personen unter freiem Himmel und im Salon kann alle Berliner Brücken passieren und kommt damit (fast) überall hin.
Zukunftsvorhersagen, Charme und Esprit
Auf der schwimmenden Bühne ist ein buntes Programm geplant: Bei der Literaturperformance "KonzeptFeuerpudel" auf der Spree interpretiert die Dragqueen Texte anonymer Autor*innen mit Live-Illustration. "Audrey Ahoi!" heißt die Spreefahrt mit Dragqueen, Zukunftsvorhersagen, Charme und Esprit, und auf "Die Sirenen" mit Jade Pearl Baker und Alice Dee darf man auch schon gespannt sein. Hin und wieder sprechen Lehnert/Naline auch mit Überraschungsgästen.
Ganz aus heiterem Himmel fiel die Idee mit dem eigenen Schiff nicht – Alexander Lehnert, wie Audrey bürgerlich heißt, arbeitet bereits seit mehr als zehn Jahren als Stadtbilderklärer und "Spreesprecher" und ist mittlerweile auch selbst Matrose / Motorenwart in der Binnenschifffahrt. Lehnert verwischt die Grenzen zwischen touristischer Dienstleistung, Aufklärungsarbeit und Performance. Immergleiche Ansagen vom Tonband gibt es auf der "MS Audrey" nicht. Der Tagesausflügler ist genauso willkommen wie kulturaffines Publikum, internationale Tourist*innen oder Studierende mit Familienbesuch.

"Die Sirenen – Drag auf der Spree" läuft in diesem Jahr sechsmal (Bild: Anne Kathrin Müller)
Montags pendelt die "MS Audrey" als kleines City-Shuttle mit Live-Stadtbilderklärung vom Holsteiner Ufer zur East Side Gallery und wieder zurück. Wer länger auf dem Wasser bleiben möchte, kann sich eine der Klassikertouren zum Müggelsee, Wannsee, Tegeler See oder durch den Landwehrkanal aussuchen.
Die Unternehmung ist nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein soziales Projekt. "Ich will dorthin gehen, wo es noch etwas Neues zu entdecken gibt – und ein kleines bisschen Space ein kleines bisschen sicherer machen", sagt Naline. Ihre Aufnahme in den Berliner Reederverband als wohl einzige Dragqueen, die gleichzeitig auch Reederin ist, hat ein kleines Stück queere Geschichte geschrieben. "Als Dragqueen bist du Künstlerin, Clown, Identifikationsfigur und Zielscheibe in einem. Warum sollte ich an Orte gehen, wo alle schon alles wissen? Wenn dann ein anderer Reeder locker dabei steht und fragt: 'Wie soll ich dich ansprechen?' und ich ihm das erklären kann ohne eine Horde Internet-Trolls, ist für mich so viel mehr gewonnen, als wenn ich mich in meiner Bubble auskotze, wie schlimm alles ist und wieder nächtelang Hasskommentare löschen muss."
|
Die Binnenschifffahrt ist ein durch und durch traditionsbewusster Bereich. "Nur weil etwas alt ist, muss es ja nicht gleich altbacken sein", sagt die Dragqueen, die ihr eigenes Alter für sich behält. Durch Charter- und traditionelle touristische Angebote will Naline sich auch für künftige Veränderungen in der Kulturförderung wappnen. "Es gibt keine Drag-Stipendien mehr; im Gegenteil: Überall wird gespart und die Kultur bildet da keine Ausnahme. Ich möchte von meiner Arbeit leben – aber mir ist es auch wichtig, einen Ort zu schaffen, an dem man sich fröhlichen Herzens begegnet und miteinander im Gespräch bleibt", sagt die Dragqueen. (dd/pm)
Über "Die Sirenen – Drag auf der Spree"
Nach dem großen Erfolg der "Spreefahrt mit Drag Queen(s)" im letzten Jahr setzt die Reederin gleich sechs drauf: Sechsmal fahren "Die Sirenen" die Spree rauf und wieder runter, mit Sektchen zum Einstieg und ganz bezaubernd im Abgang. "Die Sirenen" – das sind Audrey Naline, Alice Dee und Jade Pearl Baker, und was es bedeutet, wenn diese drei Drags die Spree unsicher machen, ist eigentlich im besten Sinne unberechenbar. Sie versuchen es trotzdem: Sechs Spreefahrten mit drei Dragqueens für zweieinhalb Stunden auf dem Wasser = unendlicher Spaß. Gemeinsam singen, tanzen, stadtbilderklären, föhnen und verwöhnen sie das geneigte Publikum ins Glück, alte Seebären wieder auf Mitte 20 und gegebenenfalls beenden sie sogar das Patriarchat (Entscheidung: spontan).
Die Route führt durch die Innenstadt, Start ist am Holsteiner Ufer in Berlin-Moabit. Vorbei am Schloss Bellevue, mit der Vorstellung, wie es wäre, Königin von Deutschland zu sein. Es wird geschaut, ob am HKW die Regenbogenfahne gehisst wurde und am Kanzler*innenamt, ob Olaf da ist. Durchs Regierungsviertel Richtung Friedrichshain-Kreuzberg, werden der Nofretete auf der Museumsinsel Grüße zugerufen, es wird über das Stadtschloss gelästert und den anderen Touris im Nikolaiviertel zugewunken. Nach der Mühlendammschleuse geht es zur Mediaspree und der Oberbaumbrücke und wieder zurück. Die Fahrt endet wieder in Moabit und alle sind um ein paar harte Fakten aus der Geschichte Berlins und ein paar Promille reicher.
Links zum Thema:
» Infos & Tickets














