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Buchkritik

"Jahrbuch Sexualitäten": Ohne Tritte gegen trans Menschen geht's wohl nicht

Wer Lesenswertes über trans Themen sucht, sollte auch die neueste Ausgabe des "Jahrbuchs Sexualitäten" besser links liegen lassen. Was jedoch nicht heißt, dass es darin nicht auch Lichtblicke gibt.


Notwendige Kämpfe auch in der queeren Community: Person beim CSD München 2024 (Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire)

Das "Jahrbuch Sexualitäten" war in Sachen trans zumindest in den letzten Ausgaben nie sonderlich freundlich aufgestellt bei diesem Thema, dafür immer ausgesprochen meinungsstark, um es so zu umschreiben (Kritik der Ausgabe 2023). Aber mit einer starken Meinung kann man trotzdem ganz schön daneben liegen.

Und wie ist das mit der neuesten Ausgabe? Nun ja, so ganz ohne Tritte gegen die trans Community und geschlechtliche Selbstbestimmung geht es wohl nicht. Weshalb ich mir die Frage stelle: Kann man enttäuscht sein, wenn man bekommt, was man erwartet? Nein, höchstens traurig sein. Aber das habe ich mir abgewöhnt und mich damit abgefunden, dass die in dem besagten Druckerzeugnis behauptete Diskursoffenheit reiner Etikettenschwindel ist.

Kurz und gut, wer Lesenswertes über das Thema trans sucht, sollte auch die neueste Ausgabe des Jahrbuchs besser links liegen lassen. Was jedoch nicht heißt, dass es darin nicht auch Lichtblicke gibt, doch die machen zuverlässig einen großen Bogen um das trans Thema. Einer dieser Lichtblicke bildet den Auftakt in dem Band.

Sehr lesenswerter Essay von Marko Martin


Das "Jahrbuch Sexualitäten 2024" ist Ende Juni 2024 im Wallstein Verlag erschienen

Angenehme Überraschungen sind also möglich. Es ist der Essay des Schriftstellers Marko Martin, der sich in seinem Leben besonders gern und oft vom Fernweh treiben ließ, um die Welt zu erkunden. Die Liste seiner Publikationen ist mit Romanen, Erzählungen und Reisebeschreibungen mittlerweile mächtig angewachsen und zeugt von einer bemerkenswerten literarischen Produktivität.

"Kreuz & Quer. Reisen Schwule anders?" lautet die vielversprechende Überschrift. Dass Martin die Antwort auf die Frage am Ende wohl vergessen hat, macht nichts, denn dafür entschädigt er mit lauter ineinander verwobenen "Fragmenten einer sehr subjektiven Erfahrung" im Unterwegssein, so der Untertitel des Essays. Denn die sprachlich verdichtete Subjektivität, die der Autor souverän als eine Art Verschachtelung von unterschiedlichsten Wahrnehmungen und Erlebnissen beherrscht, hat ja immer nur ihn selbst als Zentrum. Er nennt den Essay treffend einen "Zickzack-Text".

Da geht es nicht um Tourismus im Hochglanzformat, da werden mehr die tourismusfernen Pfade gesucht. Der Lebensalltag in fernen Ländern ist stets näher als die abgeschottete Urlauberwelt. Im Gegenteil, die wird partout gemieden. Und dann reist immer auch das Begehren mit, sozusagen der andere Blick. Dass das Ausschweifen in andere Länder und Milieus angeblich "kulturell übergriffig" sei, hält er nicht unberechtigt für eine "westlich-akademische Bigotterie" und schlägt sich damit auf die Seite der "gutgelaunten Verspotter".

Fasziniert hat mich sein sicherer Blick für Widersprüche, wie überhaupt seine klaren Worte über all das Ungereimte in der Welt. Etwa seine kritischen Anmerkungen zu "Queers for Palestine". Eine wichtige Rolle spielen auch Reiselektüren: "Diese bis heute anhaltende Dankbarkeit für Lektüren, ohne die dem eigenen Erleben, Reisen und Schreiben etwas gefehlt hätte, das unverzichtbar ist." Um dann Namen wie André Gide, Jean Genet, Nadine Gordimer, James Baldwin, Milan Kundera und viele andere samt ihrer Werke aufzurufen.

Thematisch breit aufgestellt

Empfehlenswert auch der Beitrag von Blake Smith und Tae Ho Kim "Building a Gay World", der sich dem im letzten Jahr verstorbenen US-amerikanischen schwulen Aktivisten Michael Denneny und seinem Verhältnis zu Hannah Arendt und Michel Foucault widmet. Arendt wurde zum Fixpunkt in der von ihm vertretenen Schwulenpolitik. Denneny war Mitbegründer und Mitherausgeber des einflussreichen Schwulenmagazins "Christopher Street" und spielte eine ebenso wichtige Rolle als Ermöglicher schwuler Literatur durch die Gründung der Publikationsreihe "Stonewall Inn Editions" im Verlag St. Martin's Press.

Auch Aaron Geblers Text "Geschichte als Argument?" ist als Beitrag "Zur Rezeption historischer Forschung in der Debatte um Geschlechtsidentitäten" lesenswert, weil für ihn die Diskussion nur auf dem Boden von Tatsachen Sinn ergibt, und er deshalb vor vorschnellen Antworten warnt. Er greift darin die Frage auf, ob es Nicht-Binarität schon in der menschlichen Frühzeit gegeben habe und was Grab-Beigaben über die soziale geschlechtliche Identität aussagen können. Mir fiel da eine andere Lektüre ein, bei der es um den Ursprung der kulturell betonierten Geschlechterdifferenz ging und wo die Evolutionsbiologie Aufschlussreiches mitzuteilen hat: "Die Wahrheit über Eva. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern" von Carel van Schaik und Kai Michel.

Das "Jahrbuch Sexualitäten 2024" ist thematisch breit aufgestellt und die Palette an Beiträgen reicht von der Situation des queeren Films, über einen Nachruf auf den Journalisten und Schriftsteller Martin Reichert, über queeres Theater und queere Perspektiven auf die Kunst bis hin zu Leihmutterschaft und eine kritische Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche.

Es lebe der Ausschluss!

Erfreulich die lesbische Sichtbarkeit im Jahrbuch. Weniger erfreulich, was dort nun wieder erwartungsgemäß zum Stichwort trans und Selbstbestimmungsgesetz zu lesen ist. Inhaltlich bleibt dieses Segment unausgewogen, mal zu hochgestochen, mal zu platt. In dem einen Fall setzt Chantalle El Helou "Grenzen der Inklusion" (es lebe der Ausschluss) und beantwortet die Frage "Warum lesbisch nicht in 'queer' aufgeht". Klar, es geht um die Frage, wer darf lesbisch sein und wer nicht. Die ziemlich abgehobenen intellektuellen Pirouetten machen am Ende die Anatomie zur Alles-Entscheiderin nach dem Motto Vulva liebt Vulva. In dem anderen Fall ist es eine "Fotoromanza" von Wiebke Hoogklimmer mit dem Titel "Wir Lesben auf Kreuzfahrt". Ich wusste wirklich nicht, dass es so etwas gibt – um mit Shakespeare zu antworten: As you like it. Aber gehört so etwas in ein sich wissenschaftlich verstehendes Jahrbuch?

Im Mittelpunkt steht ein Gespräch mit der Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch über die Schwierigkeiten, die sie mit ihrem Lesbischsein in intoleranten Zeiten hatte und mit den beruflichen Kämpfen in einer männerdominierten Wissenschaft. Erinnert wird damit an ihre Verdienste um eine feministische Sprachkritik, in der sie eine herausragende Rolle spielte. Und dann kam die Frage zum Selbstbestimmungsgesetz, die zwar nicht ins autobiografische Konzept des Interviews passte, die aber als Antwort zuverlässig die übliche Wadenbeißerei einer "Emma"-treuen Lesbe lieferte. Die Antwort gibt auch zu verstehen, dass intelligent und klug nicht dasselbe sind. Geschenkt. Schlechte Verlierer*innen disqualifizieren sich nur selbst.

Sigi Lieb sollte Luise Pusch lesen

Sigi Lieb, Autorin des Buches "Alle(s) Gender" müht sich ab mit Selbstbenennungen queerer Menschen und fragt "In oder out: Wer ist wir, wer queer und wer gehört nicht dazu?" Gewiss, die Sprachregelungen und Begrifflichkeiten sind kompliziert geworden und damit unübersichtlich. Dass wir sie so wichtig nehmen, hat aber, wie ich vermute, vor allem den einen Grund, dass wir alle in unserer Verschiedenheit ernst genommen werden wollen. Ja, das ist anstrengend, aber wohl gerecht.

Sigi Lieb möchte ich antworten: Erstens das sprachbegabte Tier Mensch kennt nur Sprechakte (siehe hierzu John L. Austin "Zur Theorie der Sprechakte") – die sind keine Spezialität von trans Menschen, aber dahinter steht immer eine Lebenswirklichkeit. Zweitens hat Luise Pusch das Problem treffend erklärt: "Sprache ist ja immer im Wandel, es hängt von vielen Faktoren ab, wie sich welches Neue durchsetzt. […] Ich plädiere erst einmal dafür, dass nichts per Dekret verordnet wird." Bleiben wir locker, offen, wohlwollend und beobachten.

Aufklärung bei körperverändernden Eingriffen

Zum Schluss noch der Hinweis auf den Beitrag der Wissenschaftsjournalistin Martina Lenzen-Schulte "Transformation braucht Information. Nebenwirkungen und irreversible Folgen einer Geschlechtsangleichung". Ihre Forderung nach einer umfassenden Aufklärung und Transparenz bei körperverändernden Eingriffen kann ich nur unterstützen. Denn Risiken und Nebenwirkungen müssen bei geschlechtsangleichenden Operationen benannt werden. Tabus sind da fehl am Platz und Detransitionen eine Realität, der wir uns stellen müssen. Zu berücksichtigen bleibt allerdings, dass sich die Situation mit Blick auf Minderjährige in Deutschland anders als in Großbritannien und den USA darstellt. Auch wenn die Unzufriedenheit nach OPs statistisch zahlenmäßig abgebildet werden kann, so bleibt dennoch die Frage: Unzufrieden womit? Hier verlangt es nach Differenzierung.

Fazit: Das "Jahrbuch Sexualitäten" wird erst dann diskursoffen sein, wenn die Kritisierten von den Verhandlungen nicht ausgeschlossen bleiben, wenn argumentativ nicht nur in eine Richtung geschielt wird und wenn Austeilen das Einstecken miteinschließt.

Infos zum Buch

Jahrbuch Sexualitäten 2024. Herausgegeben im Auftrag der Initiative Queer Nations von Jan Feddersen, Marion Hulverscheidt und Rainer Nicolaysen. 294 Seiten.22 zum Teil farbige Abbildungen. Wallstein Verlag. Göttingen 2024. Hardcover mit Schutzumschlag: 34 € (ISBN 978-3-8353-5725-9). E-Book: 33,99 €

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