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Literatur

Wie kam die junge trans Studentin Lily ums Leben?

Mit "Wildhonig" haben Jodi Picoult und Jennifer Finney Boylan nicht nur einen fesselnden Spannungsroman geschrieben, sondern auch ein Plädoyer für die geschlechtliche Selbstbestimmung.


Die Autorinnen Jodi Picoult (l.) und Jennifer Finney Boylan (Bild: Tim Llewellyn)

Warum müssen trans Frauen immer sterben? Sicher, wir müssen früher oder später alle sterben, aber warum trans Frauen immer (oder meistens) zuerst? Zumindest in Romanen und Filmen und leider manchmal auch im Leben, woran uns der Trans Day of Remembrance jedes Jahr erinnert. Wann hören wir auf, immer nur Opfer zu sein?

In dem Roman "Wildhonig" (Amazon-Affiliate-Link ) (erschienen im C. Bertelsmann Verlag und übersetzt von Elfriede Peschel) ist es die bezaubernde, kluge, noch junge, angehende Musikstudentin Lily, die ihr Freund Asher eines Tages in ihrem Haus tot, am Treppenabsatz liegend vorfindet.

Geschrieben haben den Roman zwei sehr erfolgreiche Autorinnen – Jodi Picoult, die bereits mehr als 25 Bücher veröffentlichte und Jennifer Finney Boylan, die auf immerhin mehr als 15 Bücher kommt. Und weil beide mit ihren literarischen Werken viel Erfolg haben, dürfen wir sicher sein, dass sie wissen, wie man gut verkäufliche Bücher schreibt.

Spannende Erzählung einer Gerichtsverhandlung


Der Roman "Wildhonig" ist Ende Mai 2024 im C. Bertelsmann Verlag erschienen

Von Boylan stammt der Plot des Romans. Sie ist selbst trans und im US-amerikanischen Literaturbetrieb auf der Karriereleiter ganz oben angekommen, nämlich als Präsidentin von PEN America. Lange Zeit schrieb sie eine Kolumne für die "New York Times". Es ist also ihre Idee, das trans Mädchen Lily sterben zu lassen. Aber das gibt Jodi Picoult die wunderbare Vorlage für einen Mordprozess und die über mehrere hundert Seiten reichende spannende Erzählung der Gerichtsverhandlung.

Am Ende präsentiert uns das Duo Picoult/Boylan die Wahrheit, wie sollte es anders sein, die hier natürlich nicht verraten werden darf – nur so viel, dass die erzählerische Spannung in einer bewegenden Gerichtsverhandlung nicht nachlässt und durch einen Überraschungsauftritt im Zeugenstand am Ende eine unerwartete Wendung nimmt. Seit Hitchcock wissen wir von der Macht des Suspense.

Der Vorwurf: Mord aus Transphobie

Aber so wichtig wie die Frage ob Mord oder nicht Mord ist in "Wildhonig" die Liebesgeschichte zwischen Lily und Asher, ein Traumpaar, deren Lovestory abrupt und gewaltsam endet. Nein es gibt keineswegs nur Sonnenschein in dieser jungen Liebe, aber sie sind auf einem guten Weg, wie man so sagt. Denn die Gefühle und Empfindungen für einander wirken echt und tief. Nur gerät eben Asher in den Verdacht, Lily ermordet zu haben, und das um so mehr, als bekannt wird, dass Lily ein trans Mädchen ist. Denn sofort ist der Vorwurf Mord aus Transphobie zur Hand.

Doch das wusste Asher längst, weil es Lily ihm gesagt hatte. Weshalb er im Verhör bekennt: "Ich sagte ihr, es sei nicht wichtig. […] Ich sagte ihr, ich liebe, wer sie ist … und nicht, was sie war." Ob die Geschworenen im Gerichtssaal jener erfundenen Kleinstadt Adams in New Hampshire Asher glauben oder nicht, erfährt, wer den Roman bis zu Ende liest. Picoult versteht es jedenfalls perfekt, uns Leser*­innen in die Geschichte hineinzuziehen.

Zu den Besonderheiten des Romans gehört: Sowohl Lilys als auch Ashers Mutter sind alleinerziehend und haben sich von ihren Männern getrennt. Beide Ehemänner geben Musterbeispiele für toxische Männlichkeit – der eine ist ein brutaler, psychopathisch anmutender Schläger und gleichzeitig ein erfolgreicher Chirurg, der andere weigert sich vehement, das Transsein seines Kindes zu akzeptieren. Als es zu einem Suizidversuch kommt, zieht Lilys Mutter die Notbremse und flieht mit ihrem Kind bei Nacht und Nebel.

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Transition und Bienenzucht

Der Roman hat zwei Erzählerinnen – Ashers Mutter Olivia und Lily, die sich kapitelweise abwechseln, wobei Olivias Erzählung die Gegenwart wiedergibt und so auch den Fortgang der Gerichtsverhandlung, während Lilys Erzählungen Rückblenden sind und von ihrer Kindheit und Jugend handeln, von den Schwierigkeiten, trans zu sein, von ihrem Ehrgeiz, eine gute Cellistin zu werden, und schließlich von ihrer Liebe zu Asher.

Die Autorinnen packen nach meinem Empfinden allerdings ein wenig zu viel in den Roman hinein, der so auf immerhin weit über 500 Seiten angeschwollen ist. Aber wer gut erzählen kann, kann offenbar damit nicht aufhören. Und so wird uns Leser*innen auch noch eine Menge über die Bienenzucht und die besonderen Eigenschaften von Honig beigebracht, denn Olivia ist Imkerin und verdient mit dem Verkauf von Honig ihren Lebensunterhalt. Am Ende des Buches gibt es sogar noch eine kleine Rezeptsammlung, was man alles mit Honig kochen und backen kann.

Auch wenn ich mir wünschen würde, dass Autor*innen von Romanen und Drehbüchern endlich anfangen, trans Menschen als Held*innen nicht vor der Zeit sterben zu lassen, so bleibt doch die Erkenntnis, dass Picoult und Boylan mit "Wildhonig" ein Plädoyer für die geschlechtliche Selbstbestimmung geschrieben haben. Nur so funktioniert das Leben richtig – und erst recht, wenn wir uns dafür nicht verstecken müssen, sondern es offen, sichtbar leben können. "Aber die Menschen sehen nie, wer du bist, sie können nur sehen, wer du warst", stellt Lily frustriert fest. Ob sich das einmal ändert?

Infos zum Buch

Jodi Picoult, Jennifer Finney Boylan: Wildhonig. Roman. Aus dem Amerikanischen von Elfriede Peschel. 560 Seiten. C. Bertelsmann Verlag. München 2024. Paperback: 29 € (ISBN: 978-3-77040-899-3 ). E-Book: 24,99 €

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