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Reisebericht

Kann man jetzt nach Israel reisen?

Wegen des Gaza-Kriegs fiel der legendäre Tel Aviv Pride in diesem Jahr aus, das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Israel. Das staatliche Verkehrsbüro lud uns dennoch zu einem Presse-Trip ein. Das hat unser Autor erlebt.


Israel – insbesondere Tel Aviv – gelten als sehr queerfreundlich. Doch ist dem wirklich so?

Ob durch breitgestreute Cross-Media-Kampagnen wie "Two Cities One Break", israelische Superstars wie die Eurovision-Siegerin Netta (hier im Interview) oder den berühmt-berüchtigten Pride in Tel Aviv – an Israel kommt man seit einigen Jahren definitiv nicht mehr vorbei. Schließlich bietet der Mittelmeer-Anrainerstaat in Vorderasien den perfekten Mix aus Moderne und Tradition, vereint Glauben und Vielfalt und gilt in vielen Bereichen wie der veganen Ernährung oder der Technologie als absoluter Vorreiter.

Spätestens seit dem 7. Oktober vergangenen Jahres gibt es allerdings auch viele Menschen, für die eine Reise nach Israel (vorerst) nicht mehr in Frage kommen dürfte – denn seit dem Angriff der Hamas auf Israel und dem Gaza-Krieg gibt es Bedenken, wie sicher ein Besuch in dem jüdischen Land ist und ob man eine touristische Reise mit seinen eigenen Werten vereinbaren könnte. Ich hatte die Gelegenheit, mir selbst ein Bild zu machen und reiste für eine Woche u.a. nach Tel Aviv, Jerusalem und Nazareth.

Israel: Ein magisches Land mit jahrtausendalter Geschichte

Die vom Staatlichen Israelischen Verkehrsbüro organisierte Pressereise startete ziemlich "magisch", denn im Flugzeug von El Al wurden die Passagier*innen auf den Bord-Bildschirmen von niemand Geringerem als dem israelischen Mentalisten Lior Suchard begrüßt. Auf unterhaltsame Art und Weise gab er eine Sicherheitseinführung – und lies dabei natürlich keinen Kartentrick aus. Immerhin spielt Magie eine große Rolle in Israel, was unter anderem auch durch ein Uri-Geller-Museum in Tel Aviv oder die vielen Sagen, beispielsweise über eine Wunschbrücke im Abrasha-Park, ersichtlich wird.

Den größten Zauber versprüht aber sicherlich Jesus von Nazareth, dem man vor allem in Jerusalem an fast jeder Ecke "begegnet" – denn die Hauptstadt Israels ist voll von Kirchen, Monumenten und Pilgerstätten. Egal, ob es sich dabei um den Saal des letzten Abendmahls, den Ort der Kreuzigung oder sein (vermeintliches) Grab handelt, nirgends sonst auf der Welt hat man das Gefühl, Jesus und seiner Geschichte so nah zu sein wie dort. Und überraschenderweise sind viele der Orte sogar kostenlos und frei besuchbar.

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Ungewohnte Ruhe im "Heiligen Land" – aufgrund der Reisewarnungen?


Der auf Social Media relativ bekannte Abt Nikodemus Schnabel hält die pauschalen Reisewarnungen für absolut unangemessen

Doch während laut des israelischen Tourismusministeriums im Jahr 2019 noch 4,5 Millionen Besucher*­innen im "Heiligen Land" zu Gast waren, herrscht an vielen Sehenswürdigkeiten heute fast schon Totenstille. Teilweise trifft man dort keine einzige Person an und verspürt deshalb beinahe ein mulmiges Gefühl im Magen. Doch ist dieses gerechtfertigt? Und warum feiern wenige Kilometer weiter, in den Innenstädten von Jerusalem und Tel Aviv, Tausende von Menschen ganz unbeschwert in Bars und Clubs?

Eine mögliche Antwort dürfte unter anderem in der pauschalen Reisewarnung des Auswärtigen Amtes liegen. Dieses warnt explizit vor Reisen nach Israel und spricht von einem "formellen Kriegszustand". Und tatsächlich gibt es insbesondere im Norden sicherlich ein erhöhtes Risiko für Tourist*­innen. Doch in Tel Aviv und Jerusalem ist faktisch nun mal nicht wirklich etwas vom Krieg zu spüren, weshalb die Israelis weiterhin ausgehen und das Leben (bestmöglich) genießen.

Vielmehr sind sie verwundert, warum es diese pauschalen Reisewarnungen überhaupt gibt, und zeigen sich traurig darüber, dass Israel deshalb kaum noch Tourist*­innen anzieht – so auch Nikodemus Schnabel, Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem. Er meint, dass man vor allem Jerusalem besten Gewissens bereisen könne und die pauschale Reisewarnung "absolut unangemessen" sei.

Queerness und Israel – wie sehr passt das zusammen?

Genauso sehr ärgert er sich darüber, dass gläubigen Menschen – oder in diesem Fall Ländern – immer direkt vorgeworfen wird, dass diese homophob seien. Ihm sei zwar bewusst, dass es Menschen mit einer "sehr fragilen Identität" gäbe, die homosexuelle Menschen durchaus als "Feinde" ansehen könnten, der Großteil der Gläubigen lehne Hass aber entschieden ab. Zwar würde er LGBTI-Pärchen in vereinzelten Teilen Israels (dennoch) davon abraten, Hand in Hand zu laufen, verweist aber auch auf die vielen "Oasen" und "Safe(r) Spaces", zu denen er auch seine Arbeitsstätten in Tabgha und Jerusalem zählen würde.

An einigen dieser queeren "Oasen" habe ich mich genauer umgesehen und kam dort mit einigen Personen aus der LGBTI-Community in Kontakt. In der "Baroque"-Bar in der Ben Sira Street in Jerusalem unterhielt ich mich beispielsweise mit dem Bar-Inhaber Noam (32) und seinem schwulen besten Freund Gilad (34). Noam, der selbst heterosexuell ist, sei es besonders wichtig, einen Ort für alle zu schaffen, weshalb er das "Baroque" auch als "everybody's place" bezeichnet. Laut Gilad sei es nicht untypisch, in Jerusalem schwule Pärchen zu sehen, und er würde im Alltag auch keinerlei Homophobie spüren. Lediglich in sehr ultraorthodoxen Orten sollte man sich etwas zurückhalten.

Tel Aviv oder Jerusalem? … Oder doch beides?

Auf die Frage, ob sie queeren Tourist*innen eher Jerusalem oder Tel Aviv als Reisedomizil empfehlen würden, finden Noam und Gilad keine klare Antwort. Zwar sei Tel Aviv mittlerweile sehr stark auf die LGBTI-Community ausgerichtet und auch sehr international, dennoch hätte auch Jerusalem seinen ganz eigenen Vibe und würde eine gewisse "Originalität" und "Wärme" ausstrahlen. Es sei deshalb eher die Frage, ob man nach etwas "Verrücktem" suche oder einfach sein Leben als queeres Pärchen genießen möchte.


Noam, Betreiber der "Baroque"-Bar in Jerusalem, und sein schwuler bester Freund Gilad

Definitiv mehr Schwulenbars und -clubs gibt es jedoch in Tel Aviv. An einem Donnerstagabend war beispielsweise die Cocktailbar "Shpagat" in der Nahalat Binyamin Street rappelvoll. Viele Männer feierten in sehr knappen Outfits. Wobei man diese auch in Jerusalem zu Gesicht bekommen kann, unter anderem in der "Video pub gay bar", welche in der Regel zwischen Mittwoch und Samstag geöffnet hat.

Kein reines LGBTI-Paradies, aber auch keine reine "Glaubenshochburg"

Zugegebenermaßen: Israel ist vielleicht (noch) nicht ganz so bunt wie viele europäische Hauptstädte, doch queere Tourist*innen finden hier definitiv Orte, an denen sie sich wohlfühlen und im gewünschten Fall auch "austoben" können. Ein "reines" Queer-Paradies, in dem man wirklich überall angstfrei sein kann, ist es wahrscheinlich nicht, aber eben auch keine Hochburg des Glaubens, in der Diversität ein Fremdwort ist. Ich habe mich als queerer Mensch in Israel sehr wohlgefühlt und kann das Land wärmstens für einen kurzen oder auch längeren Trip empfehlen – auch in der aktuellen Situation.

Dass Israel nicht nur in Sachen "Queer Culture" einiges zu bieten hat, beweist die nachfolgende Bildergalerie, in der ich einen Einblick in die Kulinarik, die Sehenswürdigkeiten, aber auch die schönen Strände (unter anderem am Toten Meer) gebe.

Galerie:
Pressereise Israel 2024
12 Bilder
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