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Kinostart
Verzweifelte Suche nach der trans Nichte
Irgendwo in Istanbul soll Tekla leben. Als ihre pensionierte Tante Lia davon erfährt, macht sie sich sofort auf den Weg von Georgien in die Türkei. "Crossing: Auf der Suche nach Tekla" erzählt die zärtliche Geschichte einer Reise, bei der Lia mehr findet als gedacht.

Ungleiches Paar: Achi (Lucas Kankava) begleitet Lia (Mzia Arabuli) auf ihrer Suche nach ihrer Nichte Tekla in Istanbul (Bild: MUBI)
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15. Juli 2024, 06:44h 4 Min.
Bei Achi zu Hause ist es unaushaltbar. Das provisorisch wirkende Häuschen steht zwar direkt am Schwarzen Meer, doch die Wohnung ist eng, der Vater schreit rum. Plötzlich kommt Lia (die bekannte Theaterschauspielerin Mzia Arabuli in ihrem erst zweiten Film) vorbei, sie kennt Achis Vater. Lia, eine pensionierte Lehrerin Anfang 70, sucht ihre Nichte. Tekla, eine junge trans Frau, habe doch früher in der Nähe gewohnt, ob er etwas gehört habe.
Eine trans Frau? Achis Vater weiß nichts von ihr, Lia geht ernüchtert. Doch der Teenager Achi (in seinem allerersten Film und eine echte Entdeckung: Lucas Kankava) rennt ihr hinterher. Er kenne Tekla und habe sogar ihre Adresse in Istanbul. Und er könne Lia bei ihrer Suche begleiten, dass er Englisch spricht und ein paar Brocken Türkisch kann, sei doch hilfreich. Kennt er Tekla wirklich – oder will er als Trittbrettfahrer seinem traurigen Zuhause entkommen?
Eine Schicksalsgemeinschaft voller Kontraste

Poster zum Film: "Crossing" startet am 18. Juli 2024 bundesweit im Kino
Lia zweifelt. Und sagt doch zu, unter einer Bedingung: kein Alkohol, keine Drogen. Achi kann es kaum glauben, er ist euphorisch, denn er will unbedingt einen Job in Istanbul finden. Die Stadt ist seine große Hoffnung. Und schon am nächsten Morgen soll es losgehen. Das Roadmovie beginnt.
Die Seniorin Lia ist das genaue Gegenteil. Sie ist ruhig, dabei aber streng. Sie macht ihrem unerwarteten Reisebegleiter unmissverständlich klar, dass sie nicht dafür da ist, um sich um ihn zu kümmern. Sie hat nur ein Ziel: ihre Nichte zu finden. Doch die kontrastreiche Schicksalsgemeinschaft wird sich im Laufe des Films bei allem Auf und Ab deutlich verändern.
Die Sexarbeiterinnen kennen Tekla nicht
"Crossing: Auf der Suche nach Tekla" ist der zweite Spielfilm des georgisch-schwedischen Regisseurs Levan Akin. Sein Debüt "Als wir tanzten" von 2020 wurde weltweit auf Festivals gezeigt und gefeiert. Das Drama um einen schwulen traditionellen Tänzer war der erste queere Film, der in Georgien spielt. Seitdem folgten mehrere queere Dokumentationen oder im März dieses Jahres Veit Helmers lesbische Seilbahngeschichte "Gondola", die ganz ohne Worte auskommt.
Diese noch ganz junge Entwicklung des queeren Films aus und in Georgien lässt sich auf Levan Akins neue Hauptfigur übertragen: Dass die Anfang-70-Jährige Lia ihre Nichte unbedingt finden möchte, dafür unfassbar mutig und stoisch in ein fremdes Land reist, um ihr Ziel zu erreichen – das ist ein Vorhaben, das lange in ihr gereift haben muss, das letztendlich die tiefe Verbundenheit mit ihrer Familie zeigt. Auch Lia musste Akzeptanz womöglich erst lernen – und zieht jetzt die Konsequenzen daraus, bevor es zu spät ist.
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Istanbuls queere Parallelwelt
Die verzweifelte Suche lässt Lia Erbstücke aus Gold in ein paar Lira eintauschen, um die billige Absteige für sich und Achi bezahlen zu können. In der angeblichen Adresse in einer eher schäbigen Gegend leben tatsächlich viele trans Sexworkerinnen. Doch von Tekla hat hier noch niemand gehört.
"Crossing: Auf der Suche nach Tekla" feiert diese queere solidarische Parallelwelt, die sich in Istanbul bei aller gesellschaftlicher und politischer Unterdrückung bilden konnte – und musste. Das Haus der Sexarbeiterinnen gibt es tatsächlich so, erzählt Levan Akin in einem Interview mit der "taz". Und auch die positive und Hoffnung ausstrahlende trans Frau Evrim, die als Menschenrechtsanwältin arbeitet, ist an echte Personen angelehnt. Sie hilft nicht nur ihrer Community, sondern unterstützt auch Lia so gut es geht.
Auch wenn die Suche für Lia immer ernüchternder wird, möchte sie nicht aufgeben. Und sie erlebt unerwartet glückliche Momente, die sie weiter motivieren. Je länger sie in Istanbul ist, desto mehr kann sie sich öffnen – in einer schlaflosen Nacht sogar Achi gegenüber, der plötzlich gar nicht mehr so nervig ist, wie sie anfangs dachte.
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Mehr finden als man gesucht hat
Levan Akin erzählt mit seinem zweiten Film "Crossing: Auf der Suche nach Tekla" eine zärtliche Geschichte von Solidarität über Länder-, Alters- und Geschlechtsgrenzen hinweg. Denn die titelgebende Überquerung trifft all diese Differenzen, die Menschen sonst so oft trennen.
Seine Erzählweise wirkt zwar vor allem im ersten Drittel stellenweise zu ruhig. Doch wie er das Publikum durch eine parallele Geschichte zunächst auf eine falsche Fährte lockt, ist sehr geschickt. "Crossing" ist kein Drama der vielen Überraschungen – doch die wenigen, die er bereithält, wirken dafür umso besser. Denn manchmal kann man während einer Suche viel mehr finden, als man eigentlich wollte.
Crossing – Auf der Suche nach Tekla. Drama. Dänemark, Frankreich, Georgien, Schweden, Türkei 2024. Regie: Levan Akın. Cast: Mzia Arabuli, Lucas Kankava, Deniz Dumanlı. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: MUBI. Kinostart: 18. Juli 2024
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