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Sachsen

SPD-Wahlsieg in AfD-Kernland: "Als schwuler Bürgermeister bin ich ein Vorbild"

Bei den Kommunalwahlen in Sachsen gelingt es Bürgermeister Jens Krauße, der offen schwul lebt und mit einem Mann aus Peru verheiratet ist, seine SPD zur stärksten Partei zu machen. Wie schafft er das? Ein Besuch in Großharthau.


SPD-Bürgermeister Jens Krauße (re.) und Ehemann Marco in ihrem Garten in Großharthau (Bild: Bert Hoffmann)

Es gibt viele Gründe, Sachsen als Kernland des Rechtsextremismus zu bezeichnen. So bekam etwa die AfD bei der Europawahl am 9. Juni 2024 fast ein Drittel der Stimmen. Die queer­feindliche Partei hat die politische Karte des Bundeslandes nahezu flächendeckend blau eingefärbt. Umso erstaunlicher ist dagegen das Ergebnis der Gemeinde Großharthau in Ostsachsen, einem laut Tagesspiegel "gallischen Sozi-Dorf", das sich erfolgreich gegen die AfD-Flut wehren konnte. Bei den am selben Tag stattfindenden Kommunalwahlen gelang es dem offen schwulen Bürgermeister Jens Krauße, entgegen dem Trend 46 Prozent für die Sozialdemokratie zu holen. Die SPD wurde in seiner Gemeinde mit großem Abstand stärkste Kraft, während sie landesweit nur noch 6,9 Prozent der Stimmen für das EU-Parlament errang.

So bemerkenswert das alles schon ist: Der 58-jährige Krauße ist zudem seit vier Jahren mit einem 38-jährigen Mann aus Peru verheiratet – also mit jemandem, der aufgrund seiner Herkunft und seiner Hautfarbe zu einer von rechtsextremer Verfolgung betroffenen Gruppe angehört. Krauße versichert bereits beim Vorgespräch am Telefon, sie hätten noch nie fremdenfeindliche Anfeindungen erlebt. Auch als schwules Pärchen gebe es ihnen gegenüber in der Gemeinde keinerlei Vorbehalte. Er regiert den Ort seit nunmehr über zwanzig Jahren. Bei der ersten Wahl zum Bürgermeister 2001 bekam er 61,2 Prozent, 2022 waren es 98,2 Prozent. Da mag man sich ungläubig die Augen reiben und fragen: Wie macht er das?

"So machen wir das hier im Ort"

Großharthau zählt rund 3.000 Einwohner*­innen und liegt zwischen Dresden und Bautzen, "im Herzen der atemberaubenden Oberlausitz", wie es auf der offiziellen Homepage der Gemeinde heißt. Jens Krauße wohnt unmittelbar am Ortsrand; gegenüber von seinem Grundstück fängt der Wald an. "Ich habe dort schon Wölfe beobachtet", wird Marco später berichten – er ist der Gatte des Bürgermeisters und erscheint zur Begrüßung an der Tür. Die beiden laden an einem Samstagnachmittag für ein Interview zu sich nach Hause ein, auch der Vater des Ortsvorstehers kommt zu Besuch. Dieser stellt sich mit seinem Vornamen vor. Später gesellt sich noch ein hetero Pärchen aus dem Bekanntenkreis dazu, ebenfalls in deutsch-peruanischer Konstellation. Jens Krauße schlägt vor, dass wir uns alle duzen. "So machen wir das hier im Ort", sagt er.


Großharthau: ein Ort "im Herzen der atemberaubenden Oberlausitz", wie es auf der offiziellen Homepage der Gemeinde heißt (Bild: Derbrauni / wikipedia)

Es ist heiß an diesem Sommertag, dazu weht ein kräftiger Wind. Wir sitzen im Grünen unter einem flatternden Sonnenschirm, der hin und wieder droht, von einer Böe erfasst und umgestoßen zu werden, doch Marco behält ihn im Auge und hievt Gewichte auf den Schirmständer. Lebhaft und weithin sichtbar weht die Regenbogen­flagge an einem gut vier Meter hohen Mast, und an einem weiteren gleich daneben die Deutschlandfahne.

Dem weitläufigen Garten sieht man an, dass er gut gepflegt wird. "Für mich ist die Gartenarbeit ein Ausgleich zu meinem Beruf", sagt der gebürtige Bautzener. "Hier komme ich zur Ruhe." Aus einem Lautsprecher unter einem gläsernen Pavillon schallt Discomusik in gemäßigter Lautstärke. Dem Gespräch tut das keinen Abbruch. Hin und wieder winkt Jens mit fröhlicher Miene in Richtung eines der Nachbargrundstücke, von wo ihm jemand ein "Hallo" zuruft.

Kraußes Erfolgsrezept

Marco serviert Kaffee und bietet auch alkoholische Getränke an, dazu gibt es einen saftigen Karottenkuchen, den Jens eigenhändig gebacken hat. Dieser kündigt an, dass später noch der Grill angeworfen wird. Er hat Steaks und Bratwürste besorgt und ein paar Salate zubereitet. Es ist ihm wichtig, dass wir uns Zeit nehmen für das Gespräch. Denn genau so macht man das hier im Ort, sagt der Bürgermeister, oder so macht zumindest er es: das Formelle erhält einen privaten, ganz persönlichen Touch. Bald wird deutlich, dass genau das Teil seines Erfolgsrezepts ist – seine SPD-Mitgliedschaft ist es jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil.


"Wir gehen mit unserem Schwulsein sehr offen um", sagt Jens Krauße (Bild: Bert Hoffmann)

"Ja, ich bin Mitglied der SPD, und ich bin sehr loyal", sagt Krauße. "Und ich bin auch nicht mit allem einverstanden. Manchmal denke ich: Der einfachste Weg wäre, mein Parteibuch abzugeben. Macht euren Mist alleine! Aber das ist ja nicht die Lösung." Als Politiker müsse er immer mit den Leuten reden, sich auch viele unangenehme Sachen anhören, er sei auch sehr oft in der Defensive. Aber wer seine Beschlüsse in einfachen Worten erkläre, wer sich Mühe gebe, dass seine Politik von allen verstanden werde und so viele Menschen wie möglich mit in die Verantwortung nehme, werde auch das Vertrauen der Bevölkerung finden. "Ich bin da recht unverblümt, wenn es um sowas geht. Ich trage das Herz auf der Zunge. Das ist der Grund für unseren Erfolg." Doch die Politik auf Landes- und Bundesebene wirke "unnahbar" und habe sich zu weit vom "einfachen Bürger" und dem "Menschen auf der Straße" entfernt, meint Krauße.

Keine Gratulation aus Berlin

Haben sich bei ihm eigentlich schon Kevin Kühnert, Klaus Wowereit oder Olaf Scholz gemeldet, um ihm zu seinem Wahlerfolg zu gratulieren? "Mit Kevin Kühnert hatten wir im letzten Jahr auf dem Berliner Motzstraßenfest ein kurzes Gespräch", berichtet Jens Krauße. Aber, nein, ein offizielles Glückwunschschreiben von der Bundes-SPD nach dem 9. Juni gab es nicht. Und darüber ärgert er sich: "Man gönnt jemandem den Erfolg in einer kleinen Gemeinde nicht. Da bekommst Du null Anerkennung. Andererseits fühle ich mich frei, auszuteilen und meine Meinung zu sagen" – so geschehen in einem ganzseitigen Interview der "Sächsischen Zeitung", für das er in seiner Gemeinde viel Bestätigung erntete. "Das hat so eingeschlagen, dass mich die Leute auf der Straße noch heute darauf ansprechen. Sie sagen, du weißt schon, warum das Ergebnis in Großharthau so ist. Das bist Du! Du kannst Leute mitnehmen und überzeugen. Und dann sag ich natürlich immer: Ja, das bin ich, und das sind auch die anderen." Das Gefühl der Zustimmung sei gut, sagt er. "Aber man hat natürlich auch sehr viel Verantwortung. Das ist eine Verpflichtung."

Die Karten offen auf den Tisch legen – dazu zählt auch sein Schwulsein und seine Liebesgeschichte mit Marco. Die beiden haben sich im April 2019 kennengelernt, als Jens mit seinem Exfreund den Urlaub in Mexiko verbrachte. Marco arbeitete damals im Botanischen Garten von Puerto Vallarta, einer schwulen Ferienhochburg. Die Begegnung fand in einer Sauna statt, es hat schnell zwischen beiden gefunkt. "Allerdings sprach er kein Wort Englisch und kein Wort deutsch, ich fast kein Wort Spanisch und auch kein Englisch. Und dann haben wir erst mit Händen und Füßen gestikuliert und dann unsere Handys rausgenommen." Die Translate-App hat dann alles übersetzt. "Das haben wir eine ganze Weile so beibehalten, bis ich ein bisschen mehr Spanisch verstanden habe und er ein bisschen mehr Deutsch gesprochen hat."

"Den behältst Du"


Marco: "Im Kindergarten hat mich ein Kind gefragt: Bist Du der Mann vom Bürgermeister?" (Bild: Bert Hoffmann)

Marco kam zwei Monate nach dem Kennenlernen für vier Wochen nach Großharthau, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. "Ich hab ihm gesagt: Ich kann dir viel erzählen. Du musst dir anschauen, ob das hier was für dich ist, und ob ich dir auch die Wahrheit gesagt hab. Ich hab ihm Familie und Freunde vorgestellt. Damals war ich ja noch verheiratet mit Ines, mit der ich einen gemeinsamen Sohn habe. Nachdem sie ihn kennengelernt hatte, nahm sie mich beiseite und sagte: Den behältst Du."

Danach ging es Schlag auf Schlag: Heiratsantrag in der Silvesternacht am Strand von Puerto Vallarta, der Umzug von Marco in die Oberlausitz im Februar, sein Coming-out gegenüber den Eltern in Lima per Video-Call und schließlich die aufgrund von Corona-Vorschriften eingeschränkte Hochzeitszeremonie im September 2020 in der Partnergemeinde Schwieberdingen in Baden-Württemberg, bei der Jens' Sohn dafür sorgte, dass die Familie in Peru per Livestream mitfeiern konnte.

Als Jens und Marco nach Großharthau zurückkamen, wurden sie vom Gemeinderat mit einem Hochzeitsgeschenk überrascht, das offiziell bei einem Sektempfang übergeben wurde: eine große Schlafdecke, auf dem ein auf Großformat hochgezogenes Foto von den beiden abgebildet ist.


Stolz zeigen Marco und Jens die Schlafdecke, mit der sie als Hochzeitsgeschenk vom Gemeinderat überrascht wurden (Bild: Bert Hoffmann)

"Wir gehen damit sehr offen um", betont Jens, "wir verstecken uns nicht, im Gegenteil. Das stört die Leute auch nicht, ob jetzt zwei Männer zusammen kommen, wenn sie sich normal verhalten oder wenn sie sich in die Gesellschaft einbringen. Marco hat fleißig Deutsch gelernt, der hat anderthalb Jahre Bundesfreiwilligendienst im Kindergarten geleistet."

Marco erzählt in einer Anekdote, dass die Kinder eines Tages zu tuscheln begannen. "Ein Kind hat mich gefragt: Ist der Bürgermeister dein Mann? Ich hab geantwortet: Ja, warum? Weil meine Mutter sagt, im Kindergarten arbeitet der Freund vom Bürgermeister, und der ist sehr sexy."

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Akzeptanz durch Authentizität

"Dadurch hat Marco viele Leute kennengelernt", sagt Jens. "Und dann haben sie gemerkt, dass er sich sehr engagiert, dass er arbeitet, dass er ein ganz normales berufliches Leben anstrebt. Er war beschäftigt, er hat mit Menschen Kontakt gehabt. Und was ganz wichtig war: Er musste eben auch Deutsch sprechen. Die Kinder sind da sehr rigoros. Die fragen immer wieder nach und nehmen keine Rücksicht." Derzeit ist Marco als Pflegeassistent im Nachbarort Bischofswerda tätig, wo er für seine Tätigkeit viel Anerkennung bekommt; nebenher ist er sechs Stunden pro Woche als Friedhofsmeister beschäftigt. Die Arbeit und das Wissen darum, gebraucht zu werden, haben seinen Selbstwert gestärkt. Er fühlt sich inzwischen rundum integriert, auch wenn das aufgrund des Spracherwerbs eine Weile gedauert hat. Zu Beginn hatte sich das Marco einfacher vorgestellt.

"Um in der Gesellschaft akzeptiert zu sein, sollte man authentisch leben", sagt Jens Krauße. "Wenn man mit sich im Reinen ist und keine zwei Leben nebeneinander führt, gelingt einem viel mehr. Dafür muss man sich selbst lieben, sonst ist man unglücklich und zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Als schwuler Bürgermeister fühle ich mich dabei als Vorbild." Krauße ist zudem Vorsitzender des Kreisverbands der Arbeiterwohlfahrt, wo er sich seit Jahren für queere Belange engagiert. Zuletzt war er in dieser Position Schirmherr vom CSD in Dresden.

"Die Leute merken, wenn man mit einem stärkeren Selbstbewusstsein durch den Ort geht. Marco und ich gehen auch in Bautzen Hand in Hand. Und man kennt mich dort. Wir haben damit nie ein Problem gehabt."

-w-