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Buchtipp

Liebe und Wut: James Baldwin

Das gelungene Porträt "James Baldwin. Der Zeuge" widmet sich der Spannung zwischen dem politischen Aktivisten und literarischen Autor. Der Journalist René Aguigah erklärt, wie eng beide zusammengehören.


James Baldwin im Jahr 1967 (Bild: R. L. Oliver / Los Angeles Times / wikipedia)

Sein hundertster Geburtstag bestätigt: Natürlich ist James Baldwin längst ein Klassiker. Sein Werk hat einen festen Platz im literarischen Kanon des 20. Jahrhunderts. Darüber muss nicht verhandelt werden. Aber passt "Klassiker" zu Baldwin? Klingt das nicht zu fern, zu olympisch, zu goldgerahmt? Fasziniert er nicht noch immer und viel mehr als Zeitgenosse? Als jemand nämlich, der uns verdammt nahekommt und leider nichts an Aktualität eingebüßt hat, wo es beispielsweise, aber nicht allein um Rassismus geht (in seiner US-amerikanischen Version)? Seine Romane haben noch einiges mehr an Gewichtigem zu bieten und sind hohe stilistische Kunst.

In der beeindruckenden Filmdokumentation von Raoul Peck "I Am Not Your Negro", die 2017 in die Kinos kam, erlebten wir genau das: Baldwin als unseren Zeitgenossen, der gern den Finger in die Wunde legte. Den Preis für eine Versöhnung hatte er klar vor Augen: Zum einen könne es keine Versöhnung geben, ohne die Katastrophe mit Namen Sklaverei anzuerkennen, die nach wie vor andauere, so Baldwins Überzeugung. Zum anderen waren es schließlich die Weißen und ihre behauptete Überlegenheit, die den N* erfunden haben. Darum gelte: Das Gefängnis Rassismus muss von den Rassisten selbst erkannt werden, um sich daraus zu befreien.

Baldwins Werk als "Differenzierungsmaschine"


"James Baldwin. Der Zeuge" ist im Juli 2024 bei C.H. Beck erschienen

Baldwins hundertster Geburtstag am 2. August 2024 beschert uns neben einer neu ausgestatteten Werkausgabe im Verlag dtv auch ein Porträt, wie es der Autor und Journalist René Aguigah nennt, das unter dem Titel "James Baldwin. Der Zeuge" (Amazon-Affiliate-Link ) im Verlag C.H. Beck erschienen ist. Genau genommen ist es eine Werkbiografie, die das literarische und nicht weniger bedeutende essayistische Werk mit Baldwins Leben und der Zeitgeschichte zu synchronisieren versucht.

Aguigah gelingt das überzeugend. Und es ist keine geringe Aufgabe gewesen, denn wie alles mit allem zusammenhängt – das Schreiben und die Politik, die Sexualität und die Liebe, die Privatheit und das Öffentliche -, das kann nur in seiner Vielschichtigkeit begriffen werden. Diese komplexen Zusammenhänge bleiben bei Aguigah anschaulich und nachvollziehbar. Es ist, als habe er sich Baldwins Realismus als Vorbild für dieses Porträt genommen. Und Realismus ist – so paradox das klingt – stets einfach und kompliziert zugleich.

Was heißt das? Vor allem hütet sich Aguigah vor platten Parallelisierungen von Leben und Werk bei all dem Offenkundigen, das sich zwischen beiden ereignete. Denken wir nur an den Roman "Giovannis Zimmer". Wenn Baldwin Realismus in der Literatur verlangt, dann will er realistische Figuren, die so unberechenbar, undefinierbar sind wie es Menschen nun mal sind. Deshalb gibt es bei ihm keine Bilderbuchfiguren – sie sind immer komplex, ambivalent und paradox in ihrem Verhalten und Denken. Mit einem Wort: Baldwin verlangt Glaubwürdigkeit. Aguigah nennt Baldwins Werk zu Recht eine "Differenzierungsmaschine".

Analytische Beobachtungen

Das hängt eng zusammen mit seiner Rollenbeschreibung als Künstler. Er nennt sich schon früh immer wieder "Zeuge", wie uns Aguigah wissen lässt. Das bezieht sich sowohl auf seine analytischen Beobachtungen der von Rassismus geprägten Gesellschaft als auch auf die Dichtung selbst, die im Leben der Leute gefunden werden müsse – und das ist nie ohne Politik zu haben.

Sein Schreiben beginnt dadurch sehr früh, zweigleisig zu werden. Denn mit dem Kampf gegen den Rassismus gewinnen die Essays an Bedeutung. Sie behielten bis heute ihr argumentatives Gewicht, ihre Brillanz ist unübertroffen, auch wenn er beispielsweise in Ta-Nehisi Coates oder auch Teju Cole auf ihre Art würdige Nachfolger gefunden hat.


James Baldwin im Jahr 1969 (Bild: Allan Warren / wikipedia)

So wenig er die Politik ignorieren kann, weil sie das Leben bestimmt, so ließ Baldwin dennoch keinen Zweifel, wie emphatisch er sich als Künstler verstand. "Die Verantwortung des Künstlers ist vor allem anderen, Künstler zu werden." So sein Credo. Er hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er nicht an eine direkte Wirkung zwischen Kunst und Politik glaube. Weil das so ist, nehmen die Romane breiten Raum ein in Aguigahs Porträt. Sie sind und bleiben das Zentrum in Baldwins künstlerischer Biografie.

Bezeichnung "Bürgerrechtsbewegung" als Augenwischerei

Das hinderte Baldwin freilich nicht, ebenso entschieden Aktivist zu sein. Er scheut sich nicht, die Bezeichnung "Bürgerrechtsbewegung" als Augenwischerei zu kritisieren, denn wer wirklich Staatsbürger sei, müsse wohl kaum für seine Bürgerrechte kämpfen. Deshalb spricht Baldwin stets vom "jüngsten Sklavenaufstand".

Auch entgeht ihm nicht, dass diese Bürgerrechtsbewegung entschieden homophob auftritt. Später wird Eldridge Cleaver, ein führender Kopf der "Black Panther", über Baldwins Schwulsein herziehen. Baldwin übergeht das geflissentlich, indem er es als Generationenkonflikt umdeutet – der Sohn, der den Vater tötet. Überhaupt ist er als Aktivist ein Spezialist für den Spagat. Etwa in "No Name in the Street" von 1972, wo er Malcolm X separatistische Politik ablehnt bei gleichzeitiger Zustimmung der gesellschaftlichen Analyse. Auf denselben Spagat lässt er sich bei Cleaver ein. Und schon das Verhältnis zu Martin Luther King ist eher ambivalent, weshalb Eddie S. Glaude in seiner Studie "Begin Again" (2020) resümierte: "Wenn Martin Luther King für Liebe steht und Malcolm X für Wut, dann steht James Baldwin für Liebe und Wut."

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Ein gelungenes Porträt

René Aguigahs gelungenes Porträt bringt das alles zur Sprache. Geboren ist das Buch aus dem Interesse für die Spannung zwischen dem politischen Aktivisten und literarischen Autor in der Person Baldwins. Der Autor nimmt den einen wie den anderen wichtig und erklärt, wie eng beide zusammengehören. Er erklärt uns, was es mit Baldwins Beziehung zu Europa auf sich hat. Wir erfahren Wichtiges über die literarischen Vorbilder (von besonderer Bedeutung Henry James), und warum er so schreiben wollte, wie Jazz klingt, als sei bei ihm Ray Charles oder Miles Davis in Sprache und Geschichten übersetzt.

Als Baldwin 1987 verstarb, hielt die Schriftstellerkollegin Tony Morrison die Grabrede. Beide waren gut befreundet: "Du hast mir eine Sprache gegeben, in der ich wohnen kann", heißt es darin, verbunden mit dem Bekenntnis, seine Gedanken gedacht, und die Welt mit seinen Augen gesehen zu haben, um am Ende zu glauben, es wären ihre Gedanken und ihre eigene Sicht. Mehr Lob und Anerkennung sind wohl nicht möglich.

Infos zum Buch

René Aguigah: James Baldwin. Der Zeuge. Porträt. 233 Seiten. Verlag C.H.Beck. München 2024. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-406-81369-6). E-Book: 17,99 €

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