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Interview
CSD Berlin: Hunderttausende erwartet – und wo ist der Kanzler?
Am Samstagmittag startet die 46. Berliner CSD-Demo. Wir sprachen mit dem Vorstand über den Streit mit Kai Wegner, die Wettervorhersage, rechte Anfeindungen, Angebote für Ältere und ob Olaf Scholz eingeladen wurde.

Archivbild: Auch in diesem Jahr wird es rund um die Siegessäule wieder sehr voll (Bild: IMAGO / Shotshop)
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27. Juli 2024, 07:04h 9 Min.
Zum 46. Christopher Street Day (CSD) in Berlin unter dem Motto "Nur gemeinsam stark – Für Demokratie und Vielfalt" werden am Samstag Hunderttausende Menschen erwartet. Um Punkt zwölf Uhr wird sich die Demonstration an der Leipziger Straße, Ecke Charlottenstraße in Bewegung setzen. Bereits um 11:40 Uhr wird die Aktivistin Sophie Koch vom Queeren Netzwerk Sachsen auf dem ersten Wagen die Eröffnungsrede halten, gefolgt von Bundesfamilienministerin Lisa Paus und dem Vorstand des Berliner CSD-Vereins (queer.de berichtete).
Die Demonstration zieht zunächst durch Mitte zum Bundesrat und Potsdamer Platz, biegt dann Richtung Schöneberg zum Nollendorfplatz ab, zieht weiter bis zur Siegessäule und endet schließlich auf der Straße des 17. Juni. Voraussichtlich gegen 15:30 Uhr erreichen die ersten Fahrzeuge und Fußgruppen den Endbereich mit Ziel Brandenburger Tor. Das Programm auf der dortigen Hauptbühne beginnt bereits um 13 Uhr und endet gegen Mitternacht.
Wir sprachen mit dem Vorstand des Berliner CSD e.V. über den Streit mit dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU), die Wettervorhersage, rechte Anfeindungen, Angebote für Ältere, den Umgang mit antisemitischen Äußerungen, die Dominanz der Unternehmen und warum eigentlich der Bundeskanzler nicht dabei ist. Die Fragen wurden schriftlich beantwortet.
75 Wagen und 100 Fußgruppen sind in diesem Jahr bei der Demo dabei. Manche finden das zu viel. Braucht der Berliner CSD eine Obergrenze?
Vor einigen Jahren hatten wir noch über 100 Trucks. Wir haben sie schon auf 75 Trucks limitiert. Die Nachfrage ist trotzdem größer. Wir denken, dass wir mit der Größenordnung gut "fahren". Es braucht ja auch genug Platz für die Laufgruppen zum Demonstrieren und zum Feiern!
Hinter den meisten Trucks stehen Unternehmen – muss das sein?
Für uns ist wichtig, dass die Unternehmen sich wirksam für die Community einsetzen. Ein Weg ist es, eine queere Netzwerkgruppe zu gründen. Viele Netzwerkgruppen arbeiten das ganze Jahr über im Betrieb für die Community. Das gilt es auszubauen und zu stärken. Wir wollen künftig noch intensiver mit den Netzwerkgruppen zusammen arbeiten, die was für Queers in den Unternehmen bewegen.
1. Berliner CSD e.V.
2. TIN Truck / Berliner CSD e.V.
3. Evangelische Kirche in Berlin
4. House of Pride / Ritter Butzke (Guerilla Production Berlin GmbH)
5. dbPride und Vorspiel – Queerer Sportverein Berlin e.V.
6. BVG-Regenbogennetzwerk
7. BVG Inklusions-Fahrzeug gemeinsam mit dem Berliner CSD e.V.
8. Berliner Aids-Hilfe e.V. + S-Queer (Berliner Sparkasse)
9. queer*human Humanistischer Verband Berlin-Brandenburg KdöR
11. Ärzte ohne Grenzen e.V.
12. GEW Berlin
14. History & Documentation e.V. BQueer – Stimme der LGBTQ*-Community in den Wissenschaften
15. Förderverein Hauptstadt CSD e.V.
16. bearnetworkberlin
17. Amnesty International Deutschland e.V.
18. Lebenshilfe gGmbH, queerhandicap e.V., impulsivebooking
19. KiKu-Kinderhaus Kumasi e.V.
20. Schwulenberatung Berlin (abgesagt durch Truckverleih)
22. Deutsche Aidshilfe e.V.
23. Quarteera e.V.
24. AWO Kreisverband Berlin Spree-Wuhle e.V.
25. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
26. Britische Botschaft / Die Botschaft ist Liebe
27. Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg / AG Queerbeauftragte / Regenbogennetzwerk
28. Rainbow Auswärtiges Amt / Botschaft Mexiko
29. Tourspain
30. Volt Deutschland Landesverband Berlin
31. LSU Berlin
32. Regenbogen-Netzwerk der Deutschen Rentenversicherung Bund
33. SPDqueer Berlin
34. Botschaft des Königreichs der Niederlande in Berlin
35. Flaconi GmbH / Your flaconi Pride
36. eBay
37. BLEND – Bayer Diversity Gruppe
38. Die Linke Berlin
39. Mercedes-Benz Pride
40. Be.queer bei Bertelsmann
41. MagentaPride – Deutsche Telekom AG
41a. MagentaPride – Deutsche Telekom AG
42. Mampe Spirituosen GmbH
43. Home & Care
44. Deloitte Globe Pride Initiative
45. Pride@Henkel – Diversity, Equity & Inclusion
46. We Drive Proud
47. Pride@Durex
48. Amazon
49. Pride CE | Hewlett Packard Enterprise
50. EY Unity
51. Hotel Pullman Berlin Schweizerhof
52. Siemens Energy
53. queerseite / Axel Springer SE
54. Diversity, Equity and Inclusion at commercetools
55. LGBTQI + Zalando
56. Lieferando
57. Vattenfall Diverse Energy Netzwerk
58. Siemens Pride
59. Helios Klinikum Berlin-Buch für Out@Helios
60. Sony Music Entertainment Germany GmbH
61. Shine – We shine at PwC
62. RainbowNet
63. Allianz Pride
64. TUI Love Happy
65. EQUAL at McKinsey
66. BEW Berliner Energie und Wärme AG
67. IKEA Pride
68. Fresh Pride
69. Nie zu bunt – das queere Netzwerk der Edeka Minden-Hannover
70. GLEAM – Global LGBTQIA+ Employees and Allies at Microsoft
71. WVV-Gesundheitsnetzwerk | COMFORT Homecare
72. Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH
73. Commerzbank AG
74. railbow c/o Deutsche Bahn AG
75. Eurowings
Gibt es besondere Angebote für ältere CSD-Teilnehmer*innen und Menschen mit Behinderungen?
Wir haben zwei Rolli-Podeste (eins am Potsdamer Platz, eins am Brandenburger Tor) und einen Kooperationsbus mit der BVG für Menschen, die nicht die ganze Strecke laufen können. Außerdem haben wir Gebärdendolmetscher*innen an der Hauptbühne. Wir wollen so einen Beitrag für mehr Teilhabe leisten.
Wie wollt ihr verhindern, dass es auf der Demonstration zu antisemitischen Äußerungen kommt?
Verhindern können wir das nicht, weil im Prinzip jede*r zur Demo kommen kann. Wir werden uns aber von antisemitischen, rassistischen und muslimfeindlichen Äußerungen klar distanzieren. Um Äußerungen zu bewerten, arbeiten wir mit democ e. V. zusammen. Ein Verein aus Wissenschaftler*innen und Journalist*innen, die demokratiefeindliche, rassistische und antisemitische Bewegungen beobachten.

Die Route der Demonstration
Erst gestern habt Ihr bekannt gegeben, dass Herbert Grönemeyer bei der CSD-Abschlusskundgebung auftreten wird. Warum so spät?
Wir wollten einen kleinen Überraschungsmoment haben. Wir freuen uns sehr, dass jemand, der auch andere gesellschaftspolitische Themen immer wieder nach vorne bringt, beim CSD dieses Jahr auftritt und der queeren Community den Rücken stärkt.
Die Wettervorhersage sieht nicht so gut aus, eventuell könnte es regnen. Bereits euch das Sorgen?
Ja, bewölkt und ab und zu Sonne wäre natürlich optimal. Aber wir sind uns sicher, dass sich die Community auch bei Regen nicht die Stimmung vermiesen lässt.
13 bis 16 Uhr
Vivienne Lovecraft
AMARI
König Drag + Drag Statement
Lara Hulo
SoSa Award ZUSAMMENHALT für Brix Schaumburg, Laudatio: Tessa Ganserer
SoSa Award INTERNATIONAL: Emmy Lubega für Kasha Nabagesara, Laudatio: Matt Beard
16 bis 18 Uhr
Alfonso Pantisano, Rede Querbeauftragter Berlin
Shimmy G. B2B AMAR ALEMÃO
Gayle Tufts, Sondermoderation Berliner Aids Hilfe
Rede Berliner Aids Hilfe + Schweigeminute
Steffi Irmen – Die Amme x Ku'damm 59 das Musical
18 bis 21 Uhr
Community Slot: LSVD, Rede Kersting Thost & Andre Lehmann
Vorstandsrede
SoSa Award SPORT: Felicia Mutterer, Laudatio: Monique King
BLAZEY
Hollywood Tramp
Sven Lehmann, Rede Queerbeauftragter Bund
Dank ans TEAM
SoSa Award ENGAGEMENT EINER ORGANISATION: Travestie für Deutschland vertreten durch Jacky Oh Weinhaus, Laudatio: Jurassica Parka
SoSa Award LEBENSWERK: Ipek Ipekçioğlu, Laudatio: Dr. Nivedita Prasad
21 bis 0 Uhr
BECKS
Angel Maxine & Adalet Müzeyyen, Live-Act + Trans Statement
Amanda Lepore
Drag Syndrome
Herbert Grönemeyer
Kiddy Smile
Das Motto in diesem Jahr lautet "Nur gemeinsam stark! – für Demokratie und Vielfalt", ein klares Signal gegen rechts. Wurdet Ihr als CSD-Veranstalter*innen selbst direkt oder in Social Media angefeindet?
Anfeindungen auf Social Media erleben wir immer wieder. Die ganze Community erlebt täglich Anfeindungen, Beleidigungen oder Angriffe im Netz und auf der Straße. Kurz vor diesem CSD gab es wieder einen Angriff auf zwei Queers in Berlin. Das bereitet uns in Gänze große Sorgen. Allen Betroffenen gilt unsere Solidarität und unser Mitgefühl!
Die Aufforderung "Nur gemeinsam stark!" wirkt offenbar auch nach innen. Noch im letzten Jahr gab es heftigen Streit im Berliner CSD e.V., jetzt scheinen sich die Wogen geglättet zu haben. Wie ist das gelungen?
Wir haben einige Konflikte lösen können, aber den Verein zu professionalisieren ist ein Marathon und kein Sprint. Wir werden weiter daran arbeiten. Sich gegenseitig zuhören und gemeinsam nach konstruktiven Lösungswegen zu schauen war der Schlüssel zum Erfolg. Wir hatten aber auch viel Unterstützung von Berater*innen und langjährigen Aktiven im Verein. Das war eine echte Teamleistung und wir wollen nach dem CSD genau so weiter machen!
Angelegt habt Ihr Euch stattdessen mit dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner von der CDU, der sein Versprechen einer Bundesratsinitiative zum Artikel 3 vom letzten Jahr bislang nicht eingelöst hat. Brauchen die Prides in Deutschland insgesamt mehr politisches Selbstbewusstsein?
Es ist Aufgabe von uns als Zivilgesellschaft den Finger in die Wunde zu legen und wir dürfen uns als Prides da schon mehr zutrauen. In den kommenden Jahren wird es einmal mehr darauf ankommen, welche Politiker*innen uns tatsächlich unterstützen, denn der Ton wird immer rauer gegen die Community. Gleichzeitig braucht es auch immer eine konstruktive Gesprächsebene mit den demokratischen Parteien.
Die Berliner Bundesratsinitiative scheint ja nun sehr wahrscheinlich zu kommen. Wird Kai Wegner den CSD 2025 wieder eröffnen?
Die Frage ist, ob es eine wirksame Strategie gibt, die Bundes-CDU und CDU-geführte Bundesländer ins Boot zu holen. Aktuell sehen wir das noch nicht. Ob Kai Wegner 2025 wieder sprechen wird, entscheiden wir im nächsten Jahr. Wir wollen uns im kommenden Jahr aber auch stärker auf die Bundestagswahl fokussieren.
Warum kommt eigentlich der Bundeskanzler nicht zum Berliner CSD? Habt ihr ihn eingeladen?
Wir haben uns in diesem Jahr auf landespolitische Themen konzentriert. Wir haben Manuela Schwesig als Vorsitzende des Bundesrats wegen unserer Forderung nach der Aufnahme queerer Mentschen in Artikel 3 des Grundgesetzes eingeladen. Sie konnte es leider nicht einrichten. Vielleicht versuchen wir es nächstes Jahr mal bei Olaf Scholz. Schauen wir mal, wie sehr er sich im nächsten Jahr für unsere Themen einsetzt.
Den Soul of Stonewall Award in der Kategorie "Community Engagement" erhält in diesem Jahr die Initiative Travestie für Deutschland – das haben die User*innen von queer.de entschieden. Wer wird sonst noch ausgezeichnet?
Das sind die weiteren Gewinner*innen: Brix Schaumburg in der Kategorie "Zusammenhalt in der Community", Emmy Lubega für Kasha Nabagesara in der Kategorie "International Activism", Ipek Ipekcioglu für ihr Lebenswerk sowie Felicia Mutterer in der Kategorie "Sport".
Der Berliner CSD ist ein Mega-Event. Wie viele Leute sorgen eigentlich dafür, dass alles gelingt?
Wir arbeiten zum großen Teil mit Ehrenamtlichen und Freelancern. Wir stoßen auch häufig an unsere Grenzen. Das Kernteam besteht so aus 20 Personen. Aber jetzt gerade sind deutlich mehr Leute in der Produktion im Einsatz, um eine tolle Demo und Abschlusskundgebung auf die Beine zu stellen.
Als Vorstände beim Berliner CSD e.V. arbeitet ihr ehrenamtlich. Wie erholt ihr euch nächste Woche von dem ganzen Stress?
Wir schlafen erstmal mehrere Tage durch. Aber wir haben in den vergangenen Wochen auch schon erste Weichen für 2025 gestellt. Das bedeutet auch: Kurz durchatmen und dann volle Energie für einen starken CSD 2025. Denn eins ist auch klar: Wir haben Bundestagswahl und wir Queers müssen alles geben, um das Erstarken rechtsextremer Parteien zu verhindern.
Welche Schlagzeile wollt ihr morgen über den Berliner CSD in der Zeitung lesen?
Berliner CSD 2024 – Selbstbewusst, friedlich und politisch.

Der Beitrag erscheint im Rahmen der Medienpartnerschaft zwischen queer.de und dem Berliner CSD e.V.
Links zum Thema:
» Homepage des Berliner CSD














