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Rückblick

Queere Höhepunkte der letzten Theatersaison

Ein Rückblick auf die Spielzeit 2023/2024: Das waren die queeren Highlights aus Schauspiel, Musiktheater und Performance. Einige der Stücke sind weiterhin zu sehen.


Szene aus dem Musical "Rent" am Theater Dortmund (Bild: Thomas M. Jauk)

Am Montag startete mit Bayern das letzte Bundesland in die Sommerferien – und damit auch die Theater des Freistaats als letzte in die wohlverdiente Spielzeitpause. Dies wollen wir zum Anlass nehmen und die vergangene Spielzeit 2023/2024 nochmal Revue passieren lassen und aus queerer Perspektive bemerkenswerte Ereignisse und Produktionen hervorheben.

Preise, Nominierungen und Einladungen zu renommierten Theaterfestivals gab es auch in der vergangenen Saison wieder für queere Inszenierungen. Das Berliner Theatertreffen und die Mülheimer Theatertage luden das autobiografische Stück "The Silence" des schwulen Autors und Regisseurs Falk Richters ein. Das Radikal jung Festival hatte mit "Blutbuch" von Theater Magdeburg, "Pandora's Heart" vom Theaterlabor Gießen und "Up your Ass" von detheatermaker drei explizit sowie mit "Die Gerächten" vom Theater Dortmund, "Doktormutter Faust" vom Schauspiel Essen, "FUGUE FOUR : RESPONSE" vom Volkstheater Wien und "Männerphantasien" vom Deutschen Theater Berlin vier im erweiterten Sinne queere Produktionen im Programm. Regisseur Jan Friedrich erhielt für seine "Blutbuch"-Inszenierung sogar den Publikumspreis.

Preise für queere Stücke und Bühnen

Die nichtbinäre Person Leonie Lorena Wyss wurde 2023 für "Blaupause" mit dem Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet, in diesem Jahr wurde das Festival schließlich mit der Uraufführung des Stückes eröffnet. Mit "Erik*a" von der Schauburg München stand zudem eine weitere queere Produktion auf dem Programm, die dort mit dem Jugendstückepreis ausgezeichnet und im Folgenden zu den Bayerischen Theatertagen nach Ingolstadt eingeladen wurde.

Darüber hinaus wurde das Berliner Ballhaus Naunynstraße, eine geschätzte Heimat für queere Künstler*innen, mit dem Theaterpreis des Bundes 2023 ausgezeichnet. Zudem wurde verkündet, dass Regisseurin Pınar Karabulut, bekannt für ihre queer-feminstischen Inszenierungen, neue Co-Intendantin am Schauspielhaus Zürich und der schwule Dramaturg Vasco Boenisch Schauspieldirektor am Staatstheater Hannover werden. Außerdem zog die nichtbinäre Person Sibylle Berg ins Europäische Parlament ein.

Gestrichene Fördermittel für "Lecken"

Negativschlagzeilen gab es vor allem aus dem Osten Deutschlands: In Zwickau musste das Wildwechsel Festival aufgrund eines kurzfristigen Wegfalls von Fördermitteln Programmpunkte streichen – darunter ausgerechnet die von Rechts angegriffene eingeladene queer-feministische Produktion "Lecken" des freien Performancekollektivs CHICKS*. Immerhin vergab die Jugendjury schließlich einen Ehrenpreis für die interaktive Performance zu sexueller Bildung und sagte in ihrer Laudatio: "Wir möchten unsere Solidarität zu dem Stück und den Schauspieler*innen zeigen und uns von jeglichen Anfeindungen distanzieren."

In Berlin sorgte Kultursenator Joe Chialo (CDU) indes für Aufruhr: Die erst Ende 2023 eingeführte Antidiskriminierungsklausel bei Fördermitteln wurde im Januar 2024 aufgrund juristischer Bedenken wieder aufgehoben. Das Ziel einer diskriminierungsfreien Kultur, das die Kulturverwaltung mit der Klausel verfolgen wollte, bleibe aber bestehen, so Chialo.

Mit Blick auf die Spielpläne der vergangenen Saison ist es erfreulich, beobachten zu können, dass eine Vielzahl an queeren Produktionen aus dem gesamten Bundesgebiet im vergangenen Jahr verstärkt auf überregionale Beachtung gestoßen ist. Einige bemerkenswerte Produktionen aus den verschiedenen Sparten sollen im Folgenden besonders hervorgehoben werden.

Schauspiel: "Blutbuch" am Theater Magdeburg


Szene aus "Blutbuch" (Bild: Kerstin Schomburg)

In der Mathematik bezeichnet der Begriff "Radikal" das Ergebnis des Wurzelziehens. Auch in Kim de l'Horizons "Blutbuch" werden Wurzeln gezogen, wenn die Erzählfigur ihren Familienstammbaum seziert und sich von alledem befreit, was sie in sich trägt und was bislang ungefragt von Generation zu Generation weitertragen wurde: Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten und Rassismen. Von der inhaltlichen Vielfalt und der sprachlichen Virtuosität inspiriert hat Regisseur Jan Friedrich den Roman zu einem ganz eigenen, fulminanten Theatererlebnis gemacht. Eine emotionale Achterbahnfahrt mit starken Bildern, wirkungsvollen Live-Video-Momenten und einem groß aufspielenden Ensemble. Kurz: Eine Inszenierung der Gleichzeitigkeit von radikaler Ehrlichkeit, radikalem Schmerz und radikaler Schönheit. (Wiederaufnahme am 25.10.2024)

Oper: "Lucia di Lammermoor" am Staatstheater Nürnberg


Szene aus "Lucia di Lammermoor" (Bild: Ludwig Olah)

In der Inszenierung der Italienerin Ilaria Lanzino von "Lucia di Lammermoor" wird Donizettis schottische Hochland-Heldin zu einem jungen schwulen Mann, der mit seiner Party-Clique abhängt und dessen große Liebe am politischen Ehrgeiz seines älteren Bruders scheitert. Diese ungewöhnliche und fesselnde Interpretation ist nicht nur zeitgemäß, sondern auch musikalisch beeindruckend.

Musiktheater: "Andersens Erzählungen" am Residenztheater München


Szene aus "Andersens Erzählungen" (Bild: Sandra Then)

Mit "Andersens Erzählungen" widmen sich Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölz, Komponist Jherek Bischoff und Librettist Jan Dvořák Andersens Persönlichkeit und Biografie und verbinden sie mit dem Märchen "Die kleine Meerjungfrau" zu einer opulenten Bühnenerzählung. Den Text dazu schrieb Dvořák, Bischoff komponierte die passende Musik, deren Liedtexte komplett aus Andersens Märchen abgeleitet sind. "Andersens Erzählungen" ist dabei ein fantastischer, lieblich-verkitschter Musiktheaterabend, der sich vor eben jenem Menschen hinter der Dichterfigur verneigt und ihn und seine Gefühlswelt wunderbar spürbar werden lässt. Und aus dessen Theaterillusion man sich so ungern wieder herausholen lassen möchte. (Wiederaufnahme in der Spielzeit 2024/25)

Musical: "Rent" am Theater Dortmund


Szene aus "Rent" (Bild: Thomas M. Jauk)

Jonathan Larson thematisiert in seinem hierzulande selten gespielten Musical "Rent" queere Liebespaare, Armut, Drogensucht und die HIV-Pandemie. Gleichzeitig feiert er Lebensfreude und Kreativität. In Dortmund wird dieses Werk mitreißend aufgeführt. Die Regie bleibt der Entstehungszeit in den 1990er Jahren treu, doch die Botschaften des Stücks sind auch heute noch aktuell – nicht nur im Ruhrgebiet. Es ist ein Plädoyer für Respekt gegenüber Menschen, die ihr Leben anders gestalten, verbunden mit der Hoffnung, dass die Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet.

Performance: "The Dan Daw Show" u.a. am tanzhaus nrw in Düsseldorf


Szene aus "The Dan Daw Show" (Bild: Hugo Glendinning)

Nachdem Dan Daw sein Leben lang eine Inspiration für andere war, nutzt der Choreograf und Performer endlich die Gelegenheit, sich selbst zu inspirieren. Er nimmt die wunderschöne Unordnung an, die ihn ausmacht, und lässt dabei sein früheres Selbst los, um Platz für die Person zu schaffen, die er sein möchte. Gemeinsam mit seinem Komplizen Christopher Owen gestaltet Dan Daw einen intimen und spielerischen Abend: Er erobert die Macht zurück, indem er sich zu seinen eigenen Bedingungen dominieren lässt. Unter der Regie von Mark Maughan bietet "The Dan Daw Show" einen Einblick in die glänzende und schweißtreibende Zerrissenheit des Lebens mit Scham und gleichzeitiger Stolz. Diese eindrückliche Performance handelt von Fürsorge, Vertrautheit und Widerstandsfähigkeit sowie dem Versuch, loszulassen und sich selbst zurückzuerobern.

Jugendtheater: "Lecken", u.a. am FFT Düsseldorf


Szene aus "Lecken" (Bild: Impulse Theater Festival / Christian Knieps)

Aufklärungsunterricht in der Schule war für Viele ein Desaster. Besonders queere Menschen sowie Menschen mit Vulva dürften sich wenig repräsentiert und aufgeklärt gefühlt haben. Das freie Performancekollektiv CHICKS* will das ändern und verspricht uns mit ihrer interaktiven Performance "Lecken" den "Aufklärungsunterricht unserer Träume". Es geht nicht nur ums Lecken, Schlecken, Schlürfen, Tasten, Berühren und Forschen, sondern auch ums gegenseitige Einverständnis (einholen) und das Schaffen eines wohligen Safer Spaces. Trans, nichtbinäre und cis.weibliche Personen gehen gemeinsam mit dem Publikum auf eine feministische, queere und performative Forschungsreise zum Thema Lecken und sprechen über Sexualitäten. Sie teilen ihre queeren Perspektiven und stellen die Fragen, die wohl in keinem Aufklärungsunterricht in der Schule Platz finden: Fragen nach dem, was Sex alles sein kann und nach Praktiken aller Art – und geben dabei dem Publikum den Raum, mittels interaktiver Elemente einmal in sich selbst hineinzuhorchen. Neugierig, vorsichtig und in einer kuscheligen Atmosphäre.

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Besonderes Lob an das Staatstheater Nürnberg

Ein besonderes Lob geht darüber hinaus in der Gesamtleistung eines Hauses an die Opernsparte des Staatstheater Nürnberg unter der Leitung von Staatsintendant und Operndirektor Jens-Daniel Herzog. In der Spielzeit 2022/23 erregte das Haus bereits überregionale Aufmerksamkeit mit der Uraufführung der queeren Oper "Turing" von Anno Schreier.

Nun legte man in der abgelaufenen Spielzeit mit gleich drei weiteren queeren Positionen im Spielplan nach: Da war nicht nur die Oper "Lucia di Lammermoor" von Gaetano Donizetti in einer schwulen Coming-out-Überschreibung, sondern auch die Rock-Oper "Jesus Christ Superstar" von Andrew Lloyd Webber mit einer klaren Botschaft, die Welt bunter, diverser und toleranter zu machen. Außerdem wagte man sich mit der Kinderoper "Der Märchenprinz" von Wiebke Hetmanek an das jüngste Publikum heran und vermittelte ganz selbstverständlich, dass ein moderner Prinz nicht nur eine Prinzessin, sondern auch seinen Traumprinzen heiraten kann. Darüber hinaus zeigte das Haus außerhalb des Repertoirebetriebs mit "die männer die steine" ein bewegendes Kooperationsprojekt mit den Neuen Pegnitzschäfer Klangkonzepten. Ausgangspunkt des Projekts waren 14 Biografien homosexueller Männer aus Nürnberg, die vom NS-Regime verfolgt, verurteilt, in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Das gesamte Programm also ein starkes Statement für queere Lebensrealitäten, bei dem am meisten wohl beeindruckt, mit welcher Unaufgeregtheit das Publikum und die Öffentlichkeit darauf reagiert. Und auch in der kommenden Spielzeit bleibt man sich treu: Mit dem französischen Kultmusical "La Cage aux Folles" ("Ein Käfig voller Narren") steht schon die nächste queere Produktion in den Startlöchern – Vorfreude garantiert.

-w-