https://queer.de/?50437
Literatur
Identität, Sexualität, Universalität: James Baldwin zum Hundertsten
Am 2. August 1924 erblickte James Baldwin das Licht der Welt. Sein Roman "Giovannis Zimmer" gilt als Meilenstein queerer Emanzipationsgeschichte. Doch mit der Selbstbezeichnung "schwul" hatte Baldwin Probleme.

James Baldwin im Jahr 1955 (Bild: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive)
- Von
2. August 2024, 04:08h 9 Min.
Wir schreiben das Jahr 1974: Truman Capote ist am Boden zerstört, von seiner Trunksucht gelähmt und von der New Yorker High Society geächtet. Er bekommt einen Anruf: James Baldwin will sich mit ihm treffen. "Mir ist aufgefallen", sagt Baldwin beim gemeinsamen Lunch im Gourmetrestaurant "La côte basque", "dass die meisten Minderheiten – ob schwarz, asiatisch oder jüdisch – eine Gemeinschaft haben, an die sie sich in Not wenden. Homosexuelle nicht so sehr. Noch nicht." Und darum steht er ihm in dieser finsteren Stunde bei und ermutigt ihn, seine Schreibblockade zu überwinden – eine auf den ersten Blick schöne Geschichte. Indes: Sie ist frei erfunden.
So gewitzt die Idee dieser interethnischen Begegnung zwischen den beiden aufgrund ihrer Homosexualität stigmatisierten Schriftstellern auch sein mag, so geschliffen und realitätsgetreu die Sätze und Pointen zwischen Capote und Baldwin in dieser Filmszene hin- und herspringen – sie spiegeln lediglich eine Fiktion der Drehbuchautoren Jon Robin Baitz und Ryan Murphy für eine erstmals im Januar 2024 ausgestrahlte Episode der TV-Serie "Feud" wider, in der es vor allem um Truman Capote geht – und in der Baldwin zum Erlöser stilisiert wird.
Homosexualität hatte für Baldwin nichts mit Identität zu tun
Im echten Leben blieb James Baldwin die Idee einer solidarischen Gemeinschaft schwuler Männer fremd. In einem 1984 in der Zeitschrift "Village Voice" veröffentlichten Interview mit Richard Goldstein erklärt Baldwin, er habe sich in der schwulen Subkultur nie zuhause gefühlt und noch nicht mal das Wort schwul ("gay") richtig verstanden. Am ehesten könne er etwas mit dem Begriff Homosexualität anfangen. Was er darunter verstehe, habe jedoch nichts mit einer Identität oder einer Gruppenzugehörigkeit zu tun, sondern mit einer Handlung. Für diese "Phänomen", wie Baldwin es nennt, fühle er sich durchaus verantwortlich, weil er dafür "eine Art Zeuge" sei.
Aus diesem Blickwinkel ergibt für den seit seiner Kindheit stark religiös geprägten Baldwin auch der Begriff "Coming-out" keinen Sinn. Die Erkenntnis, im Alter von 14 in einen Jungen verliebt zu sein, habe ihn zu der Zeit "mit großer Wucht" getroffen. Es sei für ihn eine "persönliche Angelegenheit" gewesen, die er mit sich und Gott ausmachen wollte und mit öffentlicher Bekundung nichts zu tun hatte: "Ich muss sagen, ich fühlte mich sehr, sehr allein. Aber ich war auf so vielen Ebenen allein, und das war nur ein weiterer Aspekt davon."
Es dauerte für Baldwin von da an noch Jahre, bis er die ersten homosexuellen Erfahrungen riskierte. Dabei gesteht er zu: "Wenn die sogenannte Schwulen- und Lesbenbewegung dazu führen kann, dass Männer und Frauen, Jungen und Mädchen schneller und mit weniger Schmerz zu sich selbst finden, dann ist das ein großer Fortschritt." Aber er sei sich nicht sicher, ob das auf dieser Ebene wirklich erreicht werden könne, denn er verstehe Homosexualität als etwas Universelles, das jeden betreffe. Und wenn man auf die "Sprache der Unterdrücker" eingehe und ihre willkürlichen Kategorien teile, lasse man sich von diesen gleichwohl in bestimmte Schranken verweisen. Mit seiner Ablehnung von Selbstbezeichnungen wie schwul oder lesbisch vertritt Baldwin eine freigeistige Haltung, deren Erhabenheit im Alltag daran scheitern dürfte, dass die Feinde von Homosexualität oder Queerness meist kein Interesse an feinsinnigen Differenzierungen haben.
Neue Freiheiten in Paris
James Baldwin konnte sich diesen Habitus wohl nur deshalb leisten, weil er seiner Heimat den Rücken kehrte. Im Alter von 24 zog es ihn nach Paris. Seine Homosexualität spielte dabei ohne Frage eine Rolle, auch wenn er später als Begründung für seinen Wegzug lediglich angeben wird, er habe die rassistische Politik in Amerika nicht mehr ausgehalten. In Frankreich gab es weder Segregation noch Lynchkultur – der Rassismus war subtiler und richtete sich in erster Linie gegen Algerier. "In Frankreich konnte Baldwin Exzentriker auf eigenem Ticket sein, nicht Personifikation eines kollektiv erlittenen Unrechts", schreibt Ijoma Mangold im Vorwort von Baldwins neu übersetztem Essay 'Kein Name bleibt ihm weit und breit': "In Paris ist er einfach nur ein 'sonderbarer Fremder'. Die Gnade der Dekontextualisierung."
Baldwin braucht dort nicht zu befürchten, auf seine Hautfarbe reduziert zu werden. Das trifft allerdings genauso auf seine Homosexualität zu: Als amerikanischer Dandy muss er sich in Paris vor niemandem dafür rechtfertigen, nicht verheiratet zu sein und keine Familie zu gründen – ein Privileg, das Baldwin als Freiheit genießt. Seine Sonderrolle ermöglicht ihm, über die zwei unterschiedlichen Arten des Andersseins einen unabhängigen, von sozialen Zwängen losgelösten und in Ansätzen bereits intersektionalen Blick zu entwickeln.
In Frankreich beschert ihm die Liebe einen Perspektivenwechsel. Seine Geschichte, resümiert Baldwin Jahrzehnte später, wäre eine ganz andere, "hätte die Liebe mich nicht gezwungen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Sie half mir, mich aus der Hautfarbenfalle herauszuschälen, denn Menschen verlieben sich nicht nach Hautfarbe (…), und wenn Liebende sich streiten, was sie zwangsläufig tun, streiten sie nicht über den Grad der Pigmentierung." Nacktheit kenne keine Farbe, und das könne "nur jenen neu sein, die noch nie jemanden mit ihrer Nacktheit bedeckt haben oder von jemandem bedeckt wurden." Das klingt tatsächlich nach einem persönlichen Befreiungsschlag, wobei Baldwin in diesem Fall zwar die Diversität der Hautfarben in seiner damaligen Beziehung benennt, nicht aber das Geschlecht seines Geliebten.
Verliebt in einen jungen Schweizer
Doch im Jahr 1972, als er diese Erinnerung in "Kein Name weit und breit" veröffentlicht, hatte er längst einen Roman über eine homosexuelle Beziehung geschrieben, die eine Episode seiner eigenen Geschichte spiegelt. Diese beginnt im Winter des Jahres 1950 in einer Pariser Bar, also einer Kneipe, die zu dieser Zeit als "einschlägig" bezeichnet wird – ungeachtet dessen, dass Baldwin der schwulen Subkultur von Anfang eigentlich skeptisch gegenübersteht. Dort lernt er den siebzehnjährigen Schweizer Lucien Happersberger kennen. Baldwin entflammt für ihn und erhofft sich eine feste Beziehung. Doch daraus wird nichts. Lucien will sich nicht binden und ist vielmehr auf der Suche nach "einem Partner, der auch sein Bedürfnis nach Affären zu Frauen versteht", so David Adams Leeming in seiner 1994 erschienenen Buch "James Baldwin. A Biography".

James Baldwin mit seiner großen Liebe Lucien Happersberger (Bild: Collection of the Smithsonian National Museum of African American History and Culture)
Happersberger macht von Anfang an klar, dass für ihn eine exklusive Beziehung auf Dauer nicht infrage kommt. Dennoch entwickelt sich zwischen ihnen ein für beide Seiten intensives und über Jahrzehnte währendes Verhältnis, das Baldwin – obwohl er fortwährend darunter leidet – als "die Liebe meines Lebens" bezeichnen wird. Die beiden leben weiterhin in getrennten Wohnungen, Lucien hat derweil zahlreiche Affären mit Männern und Frauen. Während der Zeit, in der sich beide nahe stehen, heiratet Happersberger dreimal – die erste Hochzeit findet bereits zwei Jahre nach dem Kennenlernen von Lucien und James statt. Auch Baldwin hat hin und wieder eine Affäre, jedoch eher, um über seine Abhängigkeit von Lucien hinwegzukommen. Dass dieser immer wieder zu ihm zurückkehrt, macht die Sache nicht einfacher, Baldwins Glaube an ein Happy End bleibt ungetrübt. In Leemings Buch ist von einer tragikkomischen Erinnerung Baldwins die Rede, der Jahre später mit einem Liebhaber in einem Zimmer in Saint-Paul-de-Vence liegt und beide gemeinsam "weinen, als sie den Geräuschen von Lucien lauschen, der mit einer Freundin im Nachbarzimmer Sex hat".
Leeming kommt in seiner Biografie zu dem Schluss, dass Stabilität und Dauer in Baldwins Beziehungen "ein Ding der Unmöglichkeit waren" – und führt das auf dessen grundsätzliche Haltung gegenüber Homosexualität zurück. Da er sich auf niemanden einlassen wollte, der sich als homosexuell identifizierte oder sich als schwul bezeichnete, konnte es bei ihm nur zu Beziehungen mit Männern kommen, "die manchmal bereit waren, sich homosexuell zu verhalten", etwa als "Reaktion auf das Bedürfnis nach Geld und Obdach". Es ist auch nicht auszuschließen, dass einige von ihnen in ihrem sexuellen Selbstverständnis verunsichert waren und sich bereitwillig von Baldwins Charisma verführen ließen.
Die Sehnsucht nach einer festen Beziehung
In seinem 1956 erschienenen Roman "Giovannis Zimmer" kombiniert Baldwin eine dem True-Crime-Genre entlehnte Fiktion mit seiner eigenen Lebenserfahrung – er widmet das Buch Lucien, der in einigen Facetten der Titelfigur ähnelt. Die Charakterzeichnung ist allerdings komplex: Giovanni lässt nicht nur Züge von Happersberger erkennen, sondern auch Baldwins eigene Sehnsucht nach einer festen Beziehung. Giovanni zerbricht an der Unentschlossenheit seines Liebhabers und begeht schließlich einen Mord – so lässt sich die Handlung in aller Kürze zusammenfassen. Ungewöhnlich ist dabei nicht nur Baldwins Mut, Homosexualität zu thematisieren, als sie in seinem Herkunftsland gesellschaftlich geächtet und gesetzlich verboten war. Bemerkenswert ist auch seine Entscheidung, die Geschichte aus der Perspektive des weißen US-Amerikaners David zu erzählen und dabei einen tiefen Einblick in dessen Seelenleben und die inneren Konflikte um seine Sexualität zu gewähren.
Die Beschreibung der schwulen Szene im Paris der 1950er Jahre erscheint durchweg plausibel; gleichwohl lässt Baldwin erahnen, warum er sich der Subkultur gegenüber grundsätzlich so distanziert zeigt: Die Protagonisten in "Giovannis Zimmer" reproduzieren die Verachtung, die sie am eigenen Leib spüren. Sie sind "nicht nur voller Selbsthass, sie verachten auch Frauen und alle, die sich weigern, eine Position der Überlegenheit einzunehmen", wie Sasha Marianna Salzmann in ihrem Nachwort zur Neuübersetzung des Romans von 2020 notiert, und dazu gehören "Männer mit weichen Zügen, solche in sogenannter Frauenkleidung oder Transfrauen" – eben alle, die "nicht weiß und chauvinistisch männlich" sind.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Baldwin kostete das Leben in allen Facetten aus
Inwiefern treffen solche Zustandsbeschreibungen immer noch zu? Und wie lässt sich Baldwins damalige Haltung gegenüber Identität und Politik aus heutiger Sicht beurteilen? Was würde er als Anhänger des Universalismus zur Frage der Repräsentation gesellschaftlicher Minderheiten sagen?
Baldwin starb 1987, Fragen zu seinem Vermächtnis erscheinen auch heute noch hochbrisant. Fest steht, dass er sich gerne mit Ambivalenzen und Widersprüchen auseinandersetzte – auch den eigenen. Darüber hinaus stellte er immer wieder seinen Humor und seinen Charme unter Beweis. Nicht zu vergessen: Baldwin kostete das Leben in allen Facetten aus, selbst in schwierigen Zeiten.
In der eingangs erwähnten Sequenz der TV-Serie "Feud" wird er von dem Schauspieler Chris Chalk verkörpert, der ihn als Lebemann darstellt. Beim Lunch im "La côte basque" doziert er über die Qualität von baskischen Austern. Indigniert bezeichnet er das Angebot auf der Speisekarte als "New Yorker Foufou". Es gibt gute Gründe zur Annahme, dass Baldwin auf diese Szene mit Humor reagiert hätte.
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de

















