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Viel homophile Philatelie

Die Kulturgeschichte der queeren Briefmarke in Deutschland

Zum CSD 2024 hat die Deutsche Post die erste deutlich queere Briefmarke veröffentlicht. Zuvor gab es 50 Jahre lang einen großen Kampf um ein kleines Stück bedrucktes Papier.


Ausschnitt aus dem Cover des Ralf-König-Comics "Deutsche Tuntenpost" (1991)

Im ganzen CSD-Wirbel ging eine Meldung vielleicht etwas unter: Die Deutsche Post hat ihre erste eindeutig queere Briefmarke veröffentlicht. Aber ist das im Jahre 2024 überhaupt noch etwas Besonderes? Schließlich leben wir in einer Zeit, wo die queere Szene in Deutschland beliebter ist als die katholische Kirche.

Das Ziel bei der Auswahl von Briefmarkenmotiven ist es, "wichtige historische und aktuelle Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten und runde Jubiläen in Deutschland zu würdigen. Auch die verschiedenen Regionen sowie bedeutsame gesellschaftspolitische Themenfelder sollen ausgewogen und breit gefächert vertreten sein". Die Briefmarken sollen Deutschland repräsentieren (Bundesfinanzministerium). Vermutlich liegt es im Auge der Betrachtenden, ob der Post dies in den vergangenen Jahrzehnten gelang. Um dies gut beurteilen zu können, bietet sich ein Überblick auch über die im Ausland erschienenen Briefmarken an. Die Deutsche Post bezeichnet die Briefmarke als "kleinste Bühne der Welt". Und weil Briefmarken mit queeren Motiven immer auch politisch und umstritten sind, kann man sie auch als kleinste politische Arena der Welt bezeichnen.

Dieser Artikel war nur möglich, weil das Centrum Schwule Geschichte (CSG) in Köln viele Zeitschriften nicht nur aufbewahrt, sondern einen Teil davon auch inhaltlich erschlossen hat. Für Kopien aus den Beständen bedanke ich mich hiermit recht herzlich beim CSG.

Die Vorgeschichte – Klischees von Anmache

Der Spruch "Darf ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen?" ist ein mittlerweile in die Jahre gekommener Anmachspruch. Nach dem Wiktionary bedeutet diese Redewendung, dass man "verhüllend, scherzhaft" einer anderen Person gegenüber "auf verhüllende Art und Weise unmissverständlich (sexuelles) Interesse" signalisiert. Erforscht ist der Hintergrund der Redewendung nicht, ihr Alter ist unbekannt.

Beispiele für die Verwendung dieser Redensart in homosexuellem Kontext lassen sich schon in der Zeit des Ersten Weltkrieges finden (s. queer.de). Mit ironischer Brechung findet man diese Redewendung in der Homo-Postille "Hinnerk" (März 1998, Backcover) im Zusammenhang mit Werbung für eine dieser unseriösen 0190-Nummern. Vor dem Hintergrund eines aufgeschlagenen Briefmarkenalbums steht dort: "Aufreißen? Dann zeig ihm deine Sammlung!" Im Videogame "Mass Effect 3" (2012) schlägt Kaidan seinem Freund Shepard vor, ihm mal seine Briefmarkensammlung zu zeigen (queer.de).


Schwule Briefmarkenwerbung in "Hinnerk" (März 1998, Backcover)

1968 – Der erste Versuch einer Briefmarke für Magnus Hirschfeld scheitert

Eine nicht näher bekannte Person stellte bei der damaligen Deutschen Bundespost den Antrag, den Sexualwissenschaftler und Homosexuellenaktivisten Magnus Hirschfeld (1868-1935) zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 1968 mit einer Briefmarke zu ehren. Dieser Antrag wurde abgelehnt, weil Hirschfeld zu unbekannt sei. Man sehe "keine Möglichkeit, sein Andenken durch die Herausgabe eines Sonderpostwertzeichens zu ehren", heißt es im Absageschreiben der Bundespost. "Der international anerkannte Gelehrte, der von 1868 bis 1935 lebte, ist weniger der Allgemeinheit als fachwissenschaftlichen Kreisen bekannt." Zu dieser Absage schrieb der Autor Johannes Werres zwei Jahre später in der Homosexuellenzeitschrift "Der Weg zu Freundschaft und Toleranz" (Januar 1970, hier PDF, und Artikel auf queer.de) einen engagierten Artikel, in dem er die Verdienste Hirschfelds hervorhob und betonte: "Es wäre an der Zeit, die Verdienste und das Andenken dieses Mannes zumindest durch eine Sondermarke zu ehren, nicht zuletzt darum, weil er Jude war und keine Wiedergutmachung erhalten konnte."

Unter der Überschrift "Politik mit der Briefmarke" schrieb Johannes Werres 15 Jahre später einen weiteren Artikel zu diesem Thema – diesmal im "Gay Journal" (1985, Heft 10) -, in dem er berichtete, dass es die Post nach wie vor ablehne, an die "großen Taten aufklärender" Sexualforscher wie Magnus Hirschfeld zu erinnern. Anschließend forderte Werres die Leser*innenschaft auf, so "zahlreich wie möglich" an die Bundespost zu schreiben. Auch Frauen sollten sich daran beteiligen, weil schließlich auch die Frauenbewegung der Sexualforschung viel zu verdanken habe. Illustriert ist der Artikel mit einer fiktiven Hirschfeld-Briefmarke.


Über "Politik mit der Briefmarke". Abbildung im "Gay Journal" (1985, Heft 10)

1975 – "Christian und sein Briefmarkenfreund" erscheint

Eine Parallelisierung des Interesses an Sex und an Briefmarken findet sich auch in dem Schulaufklärungsfilm "Christian und sein Briefmarkenfreund" (1975). Der ältere Herr Burckhard will dem Schulkind Christian eine Briefmarkenreihe schenken und ergänzt: "Vielleicht könntest du dafür auch ein bisschen nett zu mir sein" sowie: "Auch Männer können miteinander zärtlich sein." Dieser Kurzfilm von rund sechs Minuten ist ein mieses homophobes Machwerk – nicht weil er Kinder vor sexuellem Missbrauch warnt, sondern weil er eine Gleichsetzung von Homo- mit Pädosexuellen vornimmt.


Gleichsetzung von Homo- und Pädosexualität in "Christian und sein Briefmarkenfreund" (1975)

Seit April 1989 – der schwule Briefmarken-Künstler Stefan Merkt

Der Berliner Künstler Stefan Merkt erschafft seit über 35 Jahren Kunstwerke aus Briefmarken und hat sie bisher in mehr als 1.000 Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert. Mosaikartig stellt er Hunderte von Briefmarken zu neuen Bildern zusammen und übermalt diese, wobei es oft um die kunterbunte Welt der Comics und um Pop Art geht. Die "Mikro-Welt" der Briefmarken verwandelt er in "Bildwerke, die vom gestalterischen Duktus dieser Postwertzeichen leben" (queer.de). Inzwischen blickt er auf über 3.000 Kunstwerke auf über 660 Quadratmetern aus Briefmarken zurück (mt-Galerie). Wenn ich Postminister wäre (sofern es dieses Amt noch geben würde), würde ich diese Kunst nicht nur fördern, sondern auch kaufen und Merkt zum Markenbotschafter erklären.


Tausende von Briefmarken als Ausdruck von Politik und Kunst

1991 – Ralf König und die "Deutsche Tuntenpost"

Die "Deutsche Tuntenpost" (1991) gehört zu den eher schwachen Publikationen von Ralf König: Sie enthält 28 kleine Bildchen in Briefmarkengröße, wofür 15 Euro ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis sind. Dieses schmale Liebhaberbändchen enthält keine Comics, sondern nur bedingt lustige Zeichnungen von teils realen Personen und Anlässen, die nach Ansicht des Zeichners doch mal mit einer Briefmarke geehrt werden könnten. Neben Personen wie Georgette Dee und Norbert Brommer geht es auch um Anlässe wie den "22. Wettbewerb der Spermagurgler" und das Jubiläum "100 Jahre Arschleckerverein Berlin". Eine Verwechslung mit Briefmarken der Deutschen Bundespost bestand nicht. Weil eine reale Briefmarke mit positiven schwulen Motiven zu dieser Zeit noch fern aller Realität lag, kann man dem Comic als Mittel der politischen Provokation einen gewissen Wert zuerkennen.


Ralf Königs "Deutsche Tuntenpost" (1991) mit einem passenden "Gähn" als Kommentar

1993-1997 – die zweite Initiative für eine Magnus-Hirschfeld-Briefmarke scheitert

Der zweite Versuch steht in Verbindung mit dem "Coburger Convent", einem Dachverband studentischer Korporationen, der trotz seiner Nähe zum Nationalsozialismus 1993 zum 125-jährigen Jubiläum mit einer Briefmarke geehrt wurde. Roland Hirsch war über diese Briefmarke entsetzt und schrieb in einem Artikel im Mitteilungsblatt der Gruppe "Homosexuelle und Kirche" (HuK-Info, 1993, Nr. 101, S. 35), er habe aufgrund einer Bitte der Berliner HuK brieflich bei Wolfgang Bötsch (CSU, Bundesminister für Post und Telekommunikation 1993-1997) angefragt, ob es "in Deutschland üblich sei, die Täter und nicht die Opfer zu ehren". In diesem Brief warf er der Post vor, zum 125. Geburtstag Magnus Hirschfelds (1993) keine Briefmarke veröffentlicht zu haben, und bat Bötsch, zum 100. Jubiläum des u. a. von Hirschfeld gegründeten Wissenschaftlich-humanitären Komitees (1997) eine Sondermarke herausgeben zu lassen. Die Idee zu dieser Briefmarke stammte von Reinhard Naumann, dem Berliner Landesvorsitzenden der Schwulen Sozialdemokraten (Schwusos). Über die Briefmarke sollte im Dezember 1995 entschieden werden. Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, die SPD und die Grünen wurden um Unterstützung des Anliegens gebeten. Der Vorschlag für diese Briefmarke wurde jedoch abgelehnt.


Ist es in Deutschland üblich, die Täter und nicht die Opfer zu ehren? Eine Briefmarke für den "Coburger Convent" war 1993 möglich

2001 – die erste Aids-Briefmarke erscheint

Weil homo- und bisexuelle Männer in Deutschland zu den Hauptbetroffenengruppen von HIV/Aids gehören, ist es lohnenswert, sich die erste Briefmarke zu diesem Thema, die 2001 von der Deutschen Post veröffentlicht wurde, näher anzusehen. Sie ist Teil eines Briefmarkenblocks mit vier Briefmarken, die jeweils eine weitverbreitete Krankheitsgruppe thematisieren und in der Bevölkerung das Bewusstsein dafür wecken sollten, dass die Krankheitsrisiken großenteils vermeidbar oder beherrschbar seien. Die Briefmarken zeigen jeweils einen sehr verschwommen dargestellten Körperausschnitt vor farbigem Hintergrund, dazu die Bezeichnung der Krankheitsgruppe (schwarze Schrift) und Ratschläge zur Vorsorge (weiße Schrift). Die vier Briefmarken behandeln die Themen Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Infektionskrankheiten und Depressionen. Die Marke zu "Infektionskrankheiten" zeigt den Unterleib eines Menschen und trägt den zusätzlichen Text: "AIDS ist die gefährlichste und am weitesten verbreitete neue Infektionskrankheit. Ungeschützter Sexualverkehr verursacht die meisten Infektionen weltweit." Das Set handelt von Krankheit und heißt "Für die Gesundheit", was wohl daran liegt, dass man das negative Thema positiv zum Ausdruck bringen wollte. Bei HIV/Aids ist das eher schwierig.

Die Form der Umsetzung lässt sich unterschiedlich interpretieren. Weil sich 2001 längst die Ansicht durchgesetzt hatte, dass Aids nicht nur bestimmte sogenannte "Risikogruppen" betrifft, war ein Kurztext, der sich an alle richtet und Schwule eben nicht stigmatisiert, sinnvoll und richtig. Gerade weil Aids als "heikel" galt, ist es gut, dass es nicht eigenständig, sondern eingefügt in einen allgemeineren Kontext von Krankheiten, der fast wie ein Vorwand anmutet, behandelt wurde. Aids wurde so thematisiert und dabei "unverfänglich" flankiert.

Die Umsetzung kann man aber auch negativ bewerten: Die Nichtbenennung der Hauptbetroffenengruppe wirkt ausweichend und die Realität ignorierend. Hatte die Post Angst vor der Thematisierung von Aids? Nur eine der vier Briefmarken behandelt Infektionskrankheiten und diese behandelt nur im Kleingedruckten Aids. Die Bildmotive sind so verschwommen wie die Anliegen. Der Briefmarkenblock erschien viel zu spät. Das große Sterben war vorbei, es gab die Kombinationstherapie und die Krankheit wurde als behandelbar wahrgenommen. Eine Briefmarke, die in den Achtzigerjahren gegen die Stigmatisierung Homosexueller eingesetzt worden wäre (zugegeben etwas utopisch), hätte einen großen Wert gehabt. Diese Briefmarke von 2001 hat nur den postalischen Wert von 1,10 Euro, der auf ihr abgedruckt ist. Die Homosexuellen-Zeitschrift "Hinnerk" (2002, Heft 7, S. 31) schrieb zu diesem Briefmarkenblock: "Leck ihn" und hätte sich hier durchaus mal politischer positionieren können.


Die erste Aids-Briefmarke: Die Motive verschwommen, das Anliegen verwässert

2001 – "Hinnerk": Briefmarken als Symbol für Erinnerungskultur

In einem großen Artikel in "Hinnerk" (2001, Heft 6, S. 30-32) werden 16 fiktive Briefmarken gezeigt, obwohl der Text gar nicht von Briefmarken handelt. Der Artikel befasst sich unter der Überschrift "Geschichte ist mehr als Christopher Street" zunächst mit dem CSD, der bei vielen queeren Menschen leider der einzige Gedenktag zu sein scheint. Seine Bedeutung für die Erinnerungskultur ist unbestritten. "So reiht man sich und die eigene Geschichte ein in die Historie der schwulen Gemeinschaft; so schafft man durch Erinnern eine Art Selbstbewusstsein." Aber gibt es "nicht mehr zu erinnern" als den CSD? Die Geschichte der Homosexuellen begann nicht 1969 und fand nicht nur in den USA statt. Die "politische Schwulenbewegung" ist sogar eine "deutsche Erfindung" und steht mit Magnus Hirschfeld in Verbindung. Auch die Erinnerung an die Strafbarkeit homosexueller Handlungen bzw. den § 175 StGB (1871-1994) sollte wachgehalten werden. In diesem Artikel sind verschiedene Personen (Rosa von Praunheim, Karl Heinrich Ulrichs, Volker Beck) und Anlässe (CSD, Streichung des § 175 StGB) als fiktive Briefmarken-Motive visualisiert. Dabei geht es aber nicht um konkrete Vorschläge für mögliche Briefmarken, sondern um die Briefmarke als originelles Symbol einer noch ausbaufähigen queeren Erinnerungskultur.


Fiktive Briefmarken, die an Beispielen wie dem § 175 und Personen wie Volker Beck eine stärker ausgeprägte Erinnerungskultur fordern

2010 – der Roman "Der Briefmarkensammler" erscheint

Von dem schwedischen Schriftsteller Håkan Lindquist erschien im Berliner Bruno Gmünder Verlag 2010 der Roman "Der Briefmarkensammler", der 2003 in der schwedischen Originalfassung "Om att samla frimärken" erschienen war. Inhaltlich geht es um Mattias, der vom Tod seines Freundes aus Kindertagen Samuel erfährt und sich nun an frühere Zeiten mit ihm erinnert. Dies führt ihn zu einer zunächst ungeklärten Frage: Warum hatte sich Samuel zeitlebens hinter seiner Briefmarkensammlung versteckt, anstatt sein Leben zu leben? Ein Brief des Verstorbenen offenbart später das Geheimnis. Im Kontext dieses Artikels stellt sich eine weitere Frage: Ist Samuels Briefmarkensammlung ein austauschbares und der Ablenkung dienendes Hobby oder bietet es sich aus welchen Gründen auch immer besonders gut an, das Interesse für Briefmarken mit dem Interesse für andere Männer zu parallelisieren?


Håkan Lindquists Roman über Leidenschaften für Briefmarken und Männer

2015-2018 – Sonderstempel zu Magnus Hirschfeld und Karl Heinrich Ulrichs

Neben Sonderstempeln zu besonderen Anlässen wie der Wahl des Bundespräsidenten gibt es auch allgemeine Sonderstempel, die zwar nicht von Privatpersonen, aber von "Einrichtungen, die der Allgemeinheit dienen", unter Berücksichtigung einiger Auflagen gegen ein Entgelt von aktuell 190 Euro beantragt werden können. Wer einen solchen Sonderstempel erfolgreich beantragt hat, kann seine zu verschickenden Briefe an die Post senden, die diese dann in Sonderstempelstellen abstempelt und an die jeweiligen Adressat*innen verschickt (weitere Infos s. Deutsche Post).

Bisher sind mir nur einige Sonderstempel mit einem homosexuellen Hintergrund bekannt. Der "Fachverband Homosexualität und Geschichte" beantragte zwei dieser Sonderstempel: Zum einen zu seiner Jahrestagung 2015 (mit Magnus Hirschfeld als Motiv) und zum anderen zu seiner Jahrestagung von 2017 (mit einer Abbildung Karl Heinrich Ulrichs', der 150 Jahre zuvor auf dem deutschen Juristentag in München 1867 erstmals öffentlich die Straffreiheit gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen gefordert hatte). Bei zwei weiteren Sonderstempeln zum 150. Geburtstag von Magnus Hirschfeld (Berlin und Bonn mit Erstausgabedatum 12. Juli 2018) ist mir nicht bekannt, wer sie in Auftrag gegeben hat.

Die Bedeutung der Sonderstempel lässt sich unterschiedlich einschätzen. Aufgrund der Menge an Sonderstempeln dürfte die "Beliebtheit als Sammelobjekt für Philatelisten (in den letzten Jahren) stark abgenommen haben" (Wikipedia). Ob die Sonderstempel zur Sichtbarkeit queerer Geschichte beitragen können, hängt davon ab, wie viele Postkarten oder Briefe mit ihnen entwertet und wie sie ansonsten eingesetzt werden.


Sonderstempel zu Magnus Hirschfeld und Karl Heinrich Ulrichs

2018 – der dritte Versuch einer Briefmarke für Magnus Hirschfeld ist erfolgreich

Endlich geschafft: Zu Hirschfelds 150. Geburtstag veröffentlichte die Deutsche Post die schon vor einem halben Jahrhundert gewünschte Briefmarke für Magnus Hirschfeld.

Die Erwartungen sind jedoch schnell enttäuscht, wenn man sich das Motiv genauer betrachtet. Zu sehen ist nicht Hirschfeld selbst, sondern ein Mars- und ein Venuszeichen, seit Jahrhunderten die klassischen Symbole für "Männlichkeit" und "Weiblichkeit". Seit einigen Jahrzehnten gibt es sehr viele Variationen dieser Symbole, die Variationen der sexuellen Orientierung und des sozialen Geschlechtes widerspiegeln und nicht alle auf eine Briefmarke gepasst hätten. Ein Erfolg wäre es – zumindest für Homosexuelle – bereits gewesen, wenn ein doppeltes Mars-Symbol als deutlich schwules und ein doppeltes Venus-Symbol als deutlich lesbisches Symbol zu sehen gewesen wären, aber das ist leider nicht der Fall. So wirken sie wie Symbole, die einen Schatten haben oder "wackelnde" Formen von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" darstellen, die in ihrer Zielrichtung offenbar unklar sind. Man kann in den beiden überlappenden Symbolen für Frau und Mann auch ein Symbol für Heterosexualität sehen. Was bei einem oberflächlichen Eindruck hängen bleibt, ist eine Marke für einen Mediziner, der zu unterschiedlichen Geschlechtern geforscht hat. Das ist nicht falsch und gelogen, insgesamt aber verlogen. Die sechs Farben der Regenbogenfahne sind zwar an der oberen Seite des Blocks, nicht jedoch auf den Marken selbst zu finden. Der Nollendorfblogger Johannes Kram schrieb auf Facebook wie gewohnt überkritisch: "Wenn ich das richtig sehe, wird Magnus Hirschfeld gerade mit einer bunten Heterobriefmarke geehrt", was queer.de anschließend für seine Überschrift aufgriff.


Die lang ersehnte Hirschfeld-Briefmarke mit einem unklaren Mars- und Venus-Symbol

2018 – Jubiläumsbrief zu Magnus Hirschfeld

Vielleicht lag es ja an der Kritik aus der Community an der Briefmarke, dass die Deutsche Post das Gefühl hatte, gegensteuern zu müssen. Sie entschloss sich, zusätzlich zur Briefmarke noch einen Jubiläumsbrief zu veröffentlichen, auf dem sechs regenbogenfarbene Calla-Pflanzen des Berliner Denkmals für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung zu sehen sind. Der Brief ist mit drei der zuvor erschienenen Hirschfeld-Briefmarken frankiert, außerdem zeigt er den Bonner Ersttagsstempel vom 12. Juli mit einem Porträt von Magnus Hirschfeld.


Der Jubiläumsbrief mit Briefmarken und Sonderstempel

2021 – Das Queere Netzwerk NRW bastelt sich selbst eine Briefmarke

Das Queere Netzwerk NRW (gegründet am 15. Juni 1991 als "Schwules Netzwerk NRW") feierte seinen 30. Geburtstag mit einer eigenen selbstgestalteten Briefmarke. "Möglich wurden die selbstgestalteten 'Sondermarken' durch eine Kooperation der Deutschen Post und dem Postkarten-App-Anbieter MyPostcard: Seit einem Jahr gibt es auf der Internetseite deinebriefmarke.de die Möglichkeit, Briefmarken individuell zu gestalten und diese zur Frankierung von Briefen und Postkarten zu nutzen, die über die Deutsche Post versandt werden" (queer.de). Die Briefmarken werden auf der Homepage des Queeren Netzwerks immer noch zum Verkauf angeboten. Sofern sie im Sinne des Queeren Netzwerkes erfolgreich zur Emanzipationsarbeit eingesetzt werden, haben sie einen Wert, der weit über den aufgedruckten Wert von 80 Cent hinausgeht.


Eine selbstgestaltete Briefmarke des Queeren Netzwerks NRW

2024 – zum Kölner CSD erscheint die erste queere Briefmarke

Unter dem Motto "Delivered with pride" hat die Deutsche Post in diesem Jahr speziell zum Kölner CSD (19.-21. Juli) eine Sonderbriefmarke herausgebracht (s. queer.de). Diese drei Wörter sind auch auf einem Sonderstempel zur Pride-Demonstration in Köln zu sehen, der mit dem zusätzlichen Text "Cologne Pride". Es ist auffallend, dass bei dieser CSD-Briefmarke von 2024 kein aktueller Anlass vorlag und sie sich mit Köln nur auf eine Stadt bezieht. Auf der Briefmarke ist die interinklusive Progress-Pride-Flagge von Valentino Vecchietti zu sehen. Dabei handelt es sich um die klassische Regenbogenfahne, die um Elemente ergänzt wurde, die u. a. People of Color, trans- und intergeschlechtliche Menschen repräsentieren.

Auf dem Kölner CSD war die Post mit einem eigenen Stand vertreten. Als Eyecatcher und Werbeträger hatte sie eine Riesen-Briefmarke aus Plastik von 1 Meter x 1,50 Meter aufgestellt. Ich habe die Post gebeten, den Aufsteller später dem Centrum Schwule Geschichte zu schenken. Am 22. Juli 2024 bekam ich als Antwort, dass meine Bitte weitergeleitet worden sei. Ich bleibe gespannt.


Die erste deutsche queere Briefmarke (2024)

Andere Länder: Ehrungen von Harvey Milk und Tom of Finland

Es passiert recht häufig, dass mit einer Briefmarke die Verdienste einer homosexuellen Person geehrt werden, ohne dass es dabei um die jeweiligen homosexuellen Bezüge geht, wie bei den Briefmarken der Deutschen Post zu Selma Lagerlöf (2008), Johann Joachim Winckelmann (2017), Pjotr Tschaikowsky (2018) und David Bowie (2022). Gleiches gilt für die Briefmarken aus dem Ausland wie zu Tove Jansson (2004, Finnland), Rudolph Moshammer (2005, Österreich) und Rosa Bonheur (2022, Frankreich). Es gibt jedoch mindestens zwei Personen, bei denen das Briefmarkenmotiv explizit auf die Homosexualität der Person verweist.

Harvey Milk war der erste offen homosexuelle Politiker, der in den USA in ein Amt gewählt wurde. Er war ab 1977 im Stadtrat von San Francisco und wurde nach nur elf Monaten im Amt ermordet. Die Briefmarke erschien 2014 am "Harvey Milk Day", dem 22. Mai, einem von der kalifornischen Regierung anerkannten Gedenktag. Milk ist damit der erste offen schwule Mann, der auf einer US-Briefmarke geehrt wird. 2013 und 2014 stellte queer.de einen inoffiziellen und den späteren offiziellen Entwurf vor, beide nehmen auf unterschiedliche Weise auf die Regenbogenfarben Bezug. Der zweite Entwurf wurde umgesetzt.

Tom of Finland prägte das Männerbild der schwulen Szene in den 1970er Jahren mit und ist bis heute für seine homoerotischen und pornografischen Zeichnungen von sexstrotzenden Muskelkerlen berühmt. Die finnische Post ehrte den Zeichner 2014 gleich mit drei verschiedenen Briefmarken, die zwar vergleichsweise dezent, aber mit dem klaren SM-Motiv und dem nackten Hintern trotzdem als mutig anzusehen sind. Es ist das homosexuell deutlichste Motiv, das eine offizielle Post eines Landes bisher herausgegeben hat (s. queer.de). In mehreren Artikeln hat queer.de darauf verwiesen, dass es zu heftigen Kontroversen wegen den Motiven gekommen ist.


Ehrungen von Personen mit deutlichem Bezug auf Homosexualität: Harvey Milk und Tom of Finland

Andere Länder: die Pride-Briefmarken

Seit 2010 haben die Poststellen mehrerer Länder mit offiziellen Pride-Briefmarken explizit auf die queere Bewegung verwiesen und damit die Deutsche Post mit ihrer Pride-Briefmarke von 2024 ganz schön alt aussehen lassen.

Die österreichische Post war mit ihrer Sonderbriefmarke "15 Jahre Regenbogenparade" 2010 das erste Land der Welt, das mit einer Briefmarke auf die CSD-Demonstrationen (und die Arbeit der Hosi Wien) hingewiesen hat. Die Briefmarke erschien im Juli 2010 zur 15. Regenbogenparade in Wien.

Die Vereinten Nationen warben im Februar 2016 mit sechs Briefmarkenmotiven für gleiche Rechte und hoben damit die Vielfalt der LGBT-Community hervor. Die bunten und farbenprächtigen Motive beziehen sich u. a. auf Schwule, Lesben, Transgender-Personen und Regenbogenfamilien.

Von der schwedischen Post waren ab dem 4. Mai 2016 Briefmarken in klassischer Regenbogenoptik erhältlich. Die Post erklärte dazu: "Mit der Veröffentlichung (…) wollen wir die Gleichwertigkeit aller Menschen betonen sowie die Stärke, die in ihren einzigartigen Qualitäten und Unterschieden liegt."

Von der dänischen Post wurden ab März 2017 Briefmarken veröffentlicht, die als Motiv ein Regenbogenherz zeigen. In der Landessprache sind darauf die Worte "Toleranz", "Gleichheit", "Vielfalt" und "Inklusion" zu lesen.

Die kanadische Post veröffentlichte zum 150. Staatsjubiläum im Mai 2017 zehn Sondermarken zu Meilensteinen der Landesgeschichte. Eine von ihnen erinnert an den Civil Marriage Act von 2005 und zeigt ein Ahornblatt mit wehender Regenbogenfahne. Die Post veröffentlichte zudem ein Video, in dem schwule und lesbische Paare erläutern, was die Ehe-Öffnung vor zwölf Jahren für sie bedeutete.

Die schweizerische und die liechtensteinische Post erinnerten im November 2019 mit zwei Briefmarken an den 50. Jahrestag des Stonewall-Aufstands in New York. Auf einer der beiden wird die Vielfalt durch eine bunte Menschenmenge repräsentiert – mit Regenbogenfahne, einem lesbischen Kuss und Lederkerlen. Als in der Schweiz Mitte 2022 die Ehe für alle in Kraft trat, führte dies zu einer weiteren Briefmarke. Sie zeigt in den Himmel steigende Ballone in den Farben der Regenbogenfahne. Auf den angehängten Zetteln steht "Ja" in allen vier Landessprachen.

Die neuseeländische Post feierte den 35. Jahrestag der Entkriminalisierung von Homosexualität im Februar 2021 mit einer Pride-Briefmarke, deren Motiv mit LGBTI-Gruppen entwickelt wurde. Neben der klassischen Regenbogenfahne stößt von links ein Dreieck, das mit weiteren Farben People of Color, trans- und intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen repräsentiert.

Die griechische Post veröffentlichte im Juni 2021 vier queere Sondermarken, die ein schwules und ein lesbisches Paar, eine nichtbinäre Person sowie eine Gruppe aus vier queeren Menschen zeigt. Das Motto der Marken ist "LGBTQI+ We support you".

Von der israelischen Post wurde im Juni 2022 die erste Pride-Marke vertrieben. Sie zeigt eine Gruppe unterschiedlicher Menschen, die Shirts in den Farben der Regenbogenflagge tragen. Verbunden ist die Marke mit einer abtrennbaren Progress Pride Flag, auf der das Wort "Pride" in Englisch, Hebräisch und Arabisch steht. An der Entwicklung des Postwertzeichens war ein israelischer LGBTI-Verband beteiligt.

Die britische Post feierte im Juli 2022 das 50-jährige Jubiläum der ersten Gay-Pride-Demonstration des Landes (1. Juli 1972) mit einer Serie von acht Briefmarken. Die knallbunten Motive erzählen die queere Bewegungsgeschichte der letzten Jahrzehnte mit Bildern von Aktivist*innen, frühen Slogans wie "Gay Liberation" und Abbildungen heutiger CSD-Teilnehmer*innen.


Pride-Briefmarke aus Großbritannien

Grund zur Freude, aber nicht für Dankbarkeit

Es kann davon ausgegangen werden, dass Magnus Hirschfeld in den letzten Jahren bekannter geworden ist als er es 1968 war. Ich glaube aber, dass es nur vordergründig um die Bedeutung der Person oder des Anlasses geht, sondern vor allem darum, ob die Person oder der Anlass zum heutigen Zeitgeist passt. Nicht die Bedeutung Magnus Hirschfelds hat sich stark verändert, sondern "nur" der Zeitgeist in Bezug auf Homosexualität.

Zwischen der Briefmarke der Deutschen Post zum Kölner CSD und der Streichung des § 175 StGB sehe ich Parallelen. Die Streichung des § 175 StGB im Jahre 1994 war überfällig. Sie geschah zu einem Zeitpunkt, als kaum noch jemand von einem besonderen Schutzbedürfnis Jugendlicher vor Homosexuellen ausging. Die Bundesregierung hat sich viel Zeit gelassen und handelte nur unter Druck, weil sie bis 1994 ein einheitliches Strafrecht in West und Ost schaffen musste. Trotzdem habe ich mich über die Streichung des § 175 gefreut. Auch die Herausgabe einer queeren Briefmarke durch die Deutsche Post war überfällig und auch über diese Briefmarke habe ich mich gefreut. In beiden Fällen bin ich aber nicht dankbar. Dass es kein Sonderstrafrecht für Homosexuelle gibt, sollte in einem Rechtsstaat eigentlich selbstverständlich sein und es ist die Aufgabe der Post, sicherzustellen, dass durch die thematische Breite der Briefmarkenmotive alle gesellschaftlichen Gruppen angesprochen werden.

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Die Bedeutung von Briefmarken

An dieser Stelle wollte ich zunächst einen eigenen Text über die Bedeutung von Briefmarken schreiben. Bei der Recherche bin ich jedoch auf eine Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier gestoßen, in der er sich 2021 über dieses Thema bereits sehr treffend äußerte (Bundespräsident.de).


Der Bundespräsident über die Bedeutung von Briefmarken

Er würde mir bestimmt nicht widersprechen, wenn ich betone, dass Gleiches auch für Briefmarken gilt, die an eine besondere queere Person oder ein besonderes Ereignis der queeren Geschichte erinnern. Steinmeier: "Briefmarken sind eine besonders schöne Form, um unsere Demokratiegeschichte anschaulich zu machen, als Schmuckstücke in den Alben der Sammler, aber noch mehr im täglichen Briefverkehr." Briefmarken sind "Deutschlands kleinste Demokratiebotschafter – klein, aber mit großer Reichweite, weil sie durch viele Hände gehen, durch die Hände der unterschiedlichsten Menschen in unserer vielfältigen Gesellschaft". Mit Bezug auf die damals aktuell vorgestellte Robert-Blum-Briefmarke ergänzte Steinmeier: "Ich hoffe, dass sie vielen Menschen Lust macht auf die Geschichte unserer Demokratie, dass sie dazu anregt, sich mit ihren Orten, Ereignissen und Köpfen zu befassen"

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