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Debatte

Inviting-in: Das inklusive Gegenmodell zum Coming-out?

Beim Inviting-in gibt es kein klassisches Coming-out in der Öffentlichkeit, sondern Queers entscheiden für sich, mit welchen Personen sie über ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität sprechen möchten.


Jede*r soll es sehen: Klassisches Coming-out beim Berliner CSD 2011 (Bild: IMAGO / POP-EYE)
  • Von Christian Höller
    3. August 2024, 12:19h 7 Min.

Das Literarische Colloquium Berlin veranstaltet vom 8. bis 10. August 2024 ein Festival, das sich mit den Konzepten Coming-out und Inviting-in beschäftigt. Inviting-in ist für viele queere Menschen im deutschsprachigen Raum noch neu und soll in diesem Artikel vorgestellt werden.

Inviting-in versteht sich als Gegenkonzept zum Coming-out. Ein Coming-out braucht queeren Menschen hierzulande meist nicht erklärt werden. Hier geht es darum, die eigene sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität anzunehmen und öffentlich zu machen. Dies kann teilweise ein längerer und schwieriger Prozess sein. Ein Coming-out kann viel Mut erfordern. Es gibt Beratungsstellen, die queere Menschen dabei unterstützen. In der queeren Literatur, in queeren Filmen, queeren Theaterstücken und queeren Kunstwerken werden oft Coming-outs thematisiert. Nicht selten sind damit auch aktivistische Anliegen verbunden.

Beim Inviting-in gibt es kein Outing in aller Öffentlichkeit, sondern Queers entscheiden für sich, mit welchen Personen sie über ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität sprechen möchten. Beim Literarischen Colloquium Berlin werden die Teilnehmer*innen über Coming-out und Inviting-in diskutieren, Texte lesen, Performances, Konzerte erleben und auch feiern.

Das Konzept Inviting-in ist in der queeren Community umstritten

Mein Zugang zu diesem Thema ist ein psychologischer und psychotherapeutischer. Ich habe mich als queerer Psychotherapeut in meiner Arbeit mit geflüchteten LGBTI-Menschen mit den Konzepten Coming-out und Inviting-in beschäftigt. Denn für manche geflüchtete Menschen ist ein Coming-out, wie wir es hier in Westeuropa und in den USA kennen und praktizieren, nicht vorstellbar. Einige geflüchtete Menschen haben Angst, von der eigenen Herkunftsfamilie verstoßen zu werden. Daher stellte sich für mich die Frage, ob es neben dem Coming-out-Modell noch andere Varianten des Sich-Zeigens gibt. In Begegnungen mit BPoC (Black and People of Color) habe ich das Modell Inviting-in kennengelernt.

Das Konzept Inviting-in wurde von Darnell L. Moore und Sekneh Hammoud-Beckett entwickelt. Darnell L. Moore ist ein queerer US-Schriftsteller und Aktivist, der sich viel mit Antirassismus, Feminismus und Queer of Color beschäftigt hat. Hammoud-Beckett ist Psychologin und Therapeutin. Sie wurde in Australien geboren und hat libanesische und muslimische Vorfahren. Das Konzept Inviting-in ist in der queeren Community umstritten. Gerade aktivistische Menschen im Westen lehnen Inviting-in ab und sehen in diesem Modell einen Rückschritt.

Ich möchte in diesem Artikel Inviting-in vorstellen, wie es von Darnell L. Moore und Sekneh Hammoud-Beckett beschrieben wurde, ohne es als besser oder schlechter zu bewerten. Gleichzeitig finde ich es gut, wenn in der queeren Community über die Vor- und Nachteile von Coming-out und Inviting-in diskutiert wird.

Beim Inviting-in behalten queere Menschen ihre Macht

Beim Inviting-in wählen queere Menschen aus, ob und mit welchen Personen sie sich über ihre Sexualität und ihre geschlechtliche Identität äußern möchten. Der wesentliche Unterschied zum Coming-out besteht in der Grundeinstellung und in der Beziehungsebene. Beim Inviting-in besteht kein Zwang und kein Druck, sich vor anderen zu outen. Sondern hier sprechen queere Menschen eine bewusste und selektive Einladung an bestimmte Personen aus und erzählen über ihr Queersein. Anders als beim Coming-out kommt es hier zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse. Beim Coming-out stellen sich queere Menschen dem Urteil anderer. Die anderen Personen können positiv, neutral, mit Schweigen oder mit Hass auf ein Outing reagieren. Beim Inviting-in behalten queere Menschen ihre Macht. Sie haben die Wahl und Entscheidungsfreiheit. Sie klären für sich vorher ab, ob und mit wem sie ihre Geschlechtsidentität oder ihr sexuelles Begehren teilen möchten. Sie müssen sich nicht verteidigen, warum sie sich gegenüber diesen, aber nicht vor anderen Menschen geoutet haben. Inviting-in kann auch bedeuten, auszuwählen, in welcher Stadt eine Person an einer Regenbogenparade teilnehmen möchte.

Dieses Modell steht teilweise im Kontrast zu Coming-out-Empfehlungen in vielen westlichen Ratgebern für Queers und von westlichen Psycholog*innen. In Ratgebern wird oft zwischen dem inneren und äußeren Coming-out unterschieden. Ein inneres Coming-out ist, wenn Queers die eigene sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität annehmen. Anschließend erfolgt das äußere Coming-out. Hier wird empfohlen, sich schrittweise möglichst allen Menschen (beginnend mit dem nahen Umfeld wie etwa den Eltern, Lehrpersonen oder Freund*innen) zu outen. Im Internet und in Ratgebern sind zum Coming-out alle möglichen Ratschläge zu lesen. Queere Menschen sollen sich auf keinen Fall verstecken. Ein möglichst umfassendes Coming-out gilt als Befreiungsschlag. Es wird als mutig und unbedingt notwendig angesehen. Je emanzipierter und geouteter queere Menschen sind desto besser ist es, heißt es. Haben sich etwa Queers of Color nicht vollständig geoutet, ernten sie oft mitleidige Blicke von anderen Queers nach dem Motto "Ach du Arme(r), du scheinst dich noch nicht ganz von den kulturellen oder religiösen Zwängen deiner Herkunftsfamilie oder deiner Herkunftsgesellschaft gelöst zu haben".

Privilegierten Queers fällt das Coming-out leichter

Queers mit Migrationshintergrund sagen, dass Alternativen zum Coming-out-Konzept hilfreich sind, damit nicht immer nur eine dominante weiße Perspektive gesehen wird. Denn manche weiße queere Personen sprechen aus einer privilegierten Position: Sie haben einen guten Job, sind finanziell abgesichert, sprechen hervorragend Deutsch, haben aufgeschlossene Eltern. Sie leben in einer schönen Wohnung und in einer guten Gegend. In einer solchen privilegierten Position fällt ein Coming-out leichter.

Es gibt aber auch queere Menschen, die sich nur selektiv outen möchten. So gibt es beispielsweise queere Menschen, die nach Europa und in die USA geflohen sind und sich hier geoutet haben. Ihren Eltern oder Geschwistern, die im Herkunftsland geblieben sind, erzählen sie aber eine andere Geschichte. Wenn sie ihre Eltern und Verwandten besuchen, löschen sie auf ihrem Handy bestimmte Fotos und Dating-Apps, weil in ihren Herkunftsländern Homosexualität und Queersein strafrechtlich verfolgt wird.

Das Konzept Inviting-in kann nach Ansicht der Befürworter*innen auch in anderen Bereichen angewendet werden und passt zum Thema Intersektionalität. Dabei geht es um verschiedene Formen von Diskriminierung, denen Personen gleichzeitig ausgesetzt sind – wie Queerfeindlichkeit, Transfeindlichkeit, Rassismus, Sexismus, Behindertenfeindlichkeit/Ableismus, Altersdiskriminierung, Klassismus, Diskriminierung von Menschen mit Krankheiten etc. So gibt es beispielsweise Personen mit psychischen Erkrankungen, die sich entschieden haben, ihre Erkrankung gegenüber Arbeitskolleg*innen zu verschweigen, weil sie wissen, dass sie es dann noch schwerer haben. Auch Arbeitslosigkeit und Armut wird aus Scham und aus Angst vor Diskriminierung nicht selten verschwiegen.

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Für Kritiker*innen ist das Inviting-in-Modell ein Rückschritt

Kritiker*innen von Inviting-in sagen, dass dieses Modell ein Rückschritt sei. Ihrer Ansicht nach ist es wichtig, dass viele queere Menschen in der Öffentlichkeit sichtbar sind. Denn je sichtbarer queere Menschen sind, umso mehr werden sie auch von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert. Inviting-in entspricht nach Ansicht von Kritiker*innen nicht dem "Pride"-Modell, wonach sich outen stolz mache. Inviting-in könne zu komplizierten Situationen und im schlimmsten Fall zu gespaltenen Persönlichkeiten führen. Bei Inviting-in bestehe die Gefahr, zu Lügner*innen zu werden. Denn Inviting-in bedeute, dass queere Menschen ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität selektiv geheim halten und dass sie sich nur manchmal ein wenig öffnen.

Inviting-in kann nach Ansicht von Kritiker*innen nur eine positive Option sein, wenn sie als stufenweises Coming-out angesehen wird. Wenn Jugendliche beispielsweise von ihren Eltern oder Bezugspersonen gefragt werden, ob sie queer seien, ist es nach Ansicht von Coming-out-Befürworter*innen sinnvoll, ehrlich zu sein. Denn Unehrlichkeit kann zu immer größeren Problemen führen, weil damit falsche Erwartungshaltungen geschürt werden. Andererseits ist Inviting-in eine Einladung für die LGBTI-Community für Toleranz gegenüber Personen, die sich noch nicht ganz geoutet haben.

Auch wenn sich das Konzept Inviting-in als Gegenmodell zum Coming-out versteht, schlage ich vor, dass wir uns nicht auseinander dividieren lassen, sondern dass wir aufeinander zugehen und Empathie für unterschiedliche Wege und Zugänge entwickeln. Für manche Menschen passt ein Coming-out, andere bevorzugen ein Inviting-in. Beides kann in Ordnung sein. Schließlich zeichnet sich die queere Community aus, dass wir die Unterschiede zwischen Menschen wertschätzen.

Wöchentliche Umfrage

» Coming-out oder Inviting-in, welches Konzept findest du besser?
    Ergebnis der Umfrage vom 12.08.2024 bis 19.08.2024
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