Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?50531

Lyrik

Überlebenskampf eines Pussyboys

Unter dem Titel "Mental Voodoo" sind die bewegenden Gedichte von Logan February – 1999 in Nigeria geboren, Schwarz, schwul und nichtbinär – erstmals auch auf Deutsch erschienen. Eine echte Entdeckung!


Logan February lebt derzeit in Berlin (Bild: JamesNotin / wikipedia)

Logan February, 1999 in Nigeria geboren und aufgewachsen, ist Schwarz, schwul, nichtbinär, setzt sich aktivistisch für Queers ein, schreibt Lyrik und Songs, tritt als Sänger*in auf, studierte in den USA und lebt derzeit auf Einladung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Berlin.

Im Verlag Urs Engeler ist ein von Christian Filips herausgegebener und aus dem Englischen exzellent übersetzter Band mit Gedichten von Logan February unter dem Titel "Mental Voodoo" erschienen. Es ist zugleich die erste Veröffentlichung auf Deutsch. In den Feuilletons wird Logan als Lyriker*in gefeiert. Von einer Entdeckung ist die Rede. Die Faszination für diese ganz gegenwärtigen, zuweilen verrätselten, auch mythisch aufgeladenen und auf der anderen Seite sprachlich doch so luftigen, ja luziden Poeme ist, wie ich meine, berechtigterweise groß.

Lebensgefahr lyrisch verarbeitet

Logans lyrisches Schaffen sticht heraus und nimmt in der aktuellen queeren Dichtung eine herausgehobene Stellung – vergleichbar mit Ocean Vuong und seinen Arbeiten, wie ich sie zuletzt in "Zeit ist eine Mutter" fand. Stilistisch gehen beide unterschiedliche Wege, aber treffen sich in dem, was wir am ehesten mit Authentizität bezeichnen könnten. Sie speist sich aus den spezifischen individuellen wie kollektiven Wahrnehmungen und Erfahrungen, queer und BIPoC zu sein. Logan kommt dabei aus einem Land mit einer homophoben und damit für queere Menschen lebensbedrohenden Politik. Auch das spiegelt sich in den Gedichten wider – das Ausgestoßen-Sein, die Lebensgefahr.

Was ich ebenfalls bei beiden fand – nämlich all diese lakonischen Sätze, wie beispielsweise den hier bei Ocean Vuong: "Ich war mal ne Schwuchtel jetzt bin ich ein Kästchen zum Ankreuzen." Oder bei Logan February aus dem Gedicht "Gebet der Schlampe": "Lieber Gott, / weißt du, wie kalt es werden kann / und wie hart es ist, einen guten Schwanz zu finden?" Oder dies hier: "schöne Männer anstarren das wird mich eines Tages umbringen".

"Mental Voodoo" ist zweisprachig und dazu in Abschnitte gegliedert, überschrieben mit Totgeburt, Selbstporträts, Porträts der Mannequins, Fuckboys, Mütter, Väter und Gebete. Ein Gespräch zwischen Logan und dem Übersetzer Christian Filips findet sich am Ende des Bandes und bringt Erhellendes zu Fragen, die ich mir beim Lesen immer wieder stellte. Wie beispielsweise, warum Logan auf Englisch schreibt?

"Mit beiden Beinen fest im prähistorischen Afrika"


Der Gedichtband "Mental Voodoo" ist im Verlag Urs Engeler erschienen

Und dann gibt es überhaupt das große Thema Sprache: Wie lässt sich das Queersein mit und in einer heteronormativ dominierten Sprache ausdrücken? Was bedeutet es, in einer durch Kolonialismus geprägten, um nicht zu sagen deformierten Welt aufzuwachsen? Welche Bedeutung haben die kulturellen Ursprünge und deren Spiritualität? Wie sind sie übersetzbar, transformierbar?

Logan ist zweisprachig aufgewachsen – in der traditionellen Sprache Yorùbá und mit Englisch, mit dem sich Logan intellektuell und künstlerisch ausdrückt. "Es wäre heuchlerisch, das Englische abzulehnen", heißt es ganz klar. Ebenso klar, dass zwischen den bewusstseinsbildenden Sprachen immer auch ein unübersetzbarer Rest bleibt.

Dennoch oder gerade deshalb ist den Gedichten die Suche nach der Gebundenheit anzumerken, um Beziehungen herzustellen. Oder um es mit einer Gedichtzeile zu umschreiben (aus "Mädchen des Jahres"): "Ich stehe jenseits des verfilzten 21. Jahrhunderts / Mit beiden Beinen fest im prähistorischen Afrika".

In Mythen sucht Logan die Gegenwärtigkeit

Die Queer­feindlichkeit Nigerias (wie überhaupt afrikanischer Länder) nennt Logan ein postkoloniales Relikt. Die traditionellen Kulturen seien da ganz anders aufgestellt gewesen. "Natürlich gehört das Kinderkriegen zur Kultur, auch die Erwartungen an Heirat und Familienbildung. Aber es gab keine vorgesetzten Kategorien queerer Sexualitäten, keine abgegrenzten Identitäten, keine kulturellen Vorurteile, von denen ich wüsste. Ganz sicher nichts, was der Gewalt heutiger Gesetze vergleichbar wäre."

An anderer Stelle heißt es: "Nigeria, dieser aromatische Garten, / wo man uns Tucken ausreißt und enthauptet." Und in "Selbstporträt als Pussyboy":

An manchen Tagen / ist das Überleben der einzige Sieg, den du liebkost. / Du musst kein Wolf sein / um zu überleben. Du rennst weg in die Schatten, / den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, aber noch bei Atem.

In den Mythen sucht Logan stets die Gegenwärtigkeit und idealerweise sollten wir Leser*­innen uns in den Gedichten selbst entdecken:

Am besten wirkt ein Gedicht, wenn es dich liest, wie du es liest, wenn du dich selbst liest, in der Sprache einer anderen Person. Dabei ist es wichtig, dass Räume für Projektionen und Übertragungen offen bleiben, vor allem in der Poesie.

Genau das trifft es – sich von den Gedichten gewissermaßen lesen lassen, um nun endlich zum Eigentlichen zu kommen. Logans Gedichte sind kaum überraschend sehr oft Selbstbeschreibungen und Selbstbespiegelungen, Gradmesser der Lust wie der Angst, denn beides trifft im sexuellen Begehren, in der Sexualität aufeinander: "Ich bin die Art von Mann, der einer Feder gleicht. […] von der Art Mann, der die Frau sein will, die Kinder kriegen kann."

Oder: "Bloß ein Selbst, zersplittert, gefangen in Mimikry." Und in dem Selbstporträt als Kind heißt es: "Ich bin der Bruder aus den Lüften – / sie wiegen ein Kind ohne Heim."

In der Badewanne sitze ich der Leere
Gegenüber. Sie steinigen einen schwulen
Jungen & errichten einen Scheiterhaufen
rund um den Ixora-Strauch.
Atemübungen eignen sich für alle,
die nicht wissen, wie man unter Wasser
überlebt.

Das Begehren ist allgegenwärtig, so beispielsweise, wenn Logan vom Teufel zum Tanzen geführt wird, "dann sehe ich alle Jungs in ihm, die ich jemals geliebt". Nach dem Lesen eines Gedichts der Schriftstellerin Sylvia Plath heißt es von "Boy Lolita": "jetzt frisst er Männer wie Luft, es sei denn, sie bezahlen sein Essen". Oder in "Blauer Film": "Er sucht nach Bettgeschichten auf Big-Boy-Websites, / wo Körper ineinander krachen. / Schweiß, Muskeln & Gedächtnis."

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Das Prinzip der Verwandlung

In der Serie "Porträts der Mannequins" sind die Poeme jeweils durch die Wiederholung der letzten Zeile in der ersten des folgenden Gedichts verbunden und verweisen sinnfällig auf das Prinzip der Verwandlung. Wobei Logan Mannequins als metaphorische Objekte versteht mit ineinandergreifenden Anrufungen – etwa der Familie, des Geliebten ("Meine Lust ist ein hungriger Wolf"), des Todes oder des Gottes, dem Logan empfiehlt, er möge sich in seiner Sehnsucht nach Göttlichem, am besten einen anderen Gott erfinden.

Ja, dieser Gedichtband ist eine unbedingte Empfehlung für all jene mit Lust auf eine bild- und ausdrucksstarke Sprache, die in ihren so unterschiedlichen Tonlagen bewegt und herausfordert. Wir sind gut beraten, Logan February als Dichter*in im Blick zu behalten.

Infos zum Buch

Logan February: Mental Voodoo. Gedichte. Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Christian Filips unter Mitarbeit von Peter Dietze. Zweisprachige Ausgabe Englisch und Deutsch. Reihe Poesie Dekolonie, Band 1. 234 Seiten. Verlag Urs Engeler. Schupfart 2024. Taschenbuch: 24 € (ISBN 978-3-9073-6916-6). E-Book: 20 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-