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Queeres Festival
Ist Coming-out das Konzept des weißen alten Mannes?
Im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee wurde drei Tage lang über Geschichte und Perspektiven des Konzepts "Coming-out" diskutiert. Beim Auftakt-Panel fehlte ausgerechnet eine trans Stimme.

Das Literarische Colloquium Berlin (LCB) wurde 1963 als internationaler Begegnungsort für Literat*innen ins Leben gerufen (Bild: Nora Eckert)
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11. August 2024, 02:55h 5 Min.
Drei Tage lang traf sich vom 8. bis zum 10. August die literaturinteressierte queere Community am Berliner Wannsee, wo im Literarischen Colloqium (LCB) und in dem dazugehörigen zauberhaften Park mit Seeblick gelesen, diskutiert, vorgetragen, performt und an Workshops teilgenommen wurde – eine künstlerische Rundum-Betreuung, für die das Programm über fünfzig Beteiligte auswies, darunter klangvolle Namen aus der Literaturszene. Das Motto: "Coming Out – Inviting In".
Ja, wie wollen wir es halten? Gehen wir raus und zeigen uns oder laden wir lieber zu uns ein? Wie stehen wir zum Coming-out? Welche Erfahrungen verbinden sich damit? Warum müssen wir uns überhaupt outen? Zum Queersein gehört das Coming-out scheinbar wie das Amen zum Gebet.
Es ist die allmächtige Heteronorm, die wir entweder durch unser sexuelles Begehren oder durch unsere geschlechtliche Identität oder durch beides verfehlen und die uns zwingt, der Gesellschaft darüber ein Geständnis abzulegen. Michel Foucault prägte dafür den treffenden Begriff "Geständnistier". Dazu sind wir nach seiner Ansicht im 19. Jahrhundert geworden, als wir zu psychopathologischen Fällen erklärt wurden. Gut, die Pathologisierung haben wir weitgehend hinter uns, aber das "Geständnis" ist geblieben. Nebenbei: Ich würde mir wünschen, die Heteros könnten mal erklären, warum sie Heteros sind.
Trans Menschen kommen um ein Coming-out nicht herum
Kurzum, ohne Coming-out geht es bei LSBTIQ* nicht, wenn wir uns nicht gerade für ein sogenanntes Leben im Schrank entscheiden. Das war in Zeiten der Kriminalisierung und Ächtung für viele der wohl einzige Weg. Eine Gruppe aus dem LSBTIQ*-Spektrum allerdings kam und kommt um das Coming-out nie herum, sofern sie das lebt, was sie ist – nämlich trans Menschen.
Mit der Transition haben wir nicht die Wahl, ja oder nein zu sagen. Denn ob wir wollen oder nicht, eine Transition ist nun mal das, was im Theater Verwandlung auf offener Bühne genannt wird, alle schauen dabei zu und reagieren leider nicht nur mit Applaus. Dass bei dem ersten Panel, das sich geschichtlich und begrifflich mit der Coming-out-Frage beschäftigte, ausgerechnet trans nicht vertreten war, lässt tief blicken. Und so hörte sich die Podiumsdiskussion dann leider auch an. Ich komme darauf zurück.
Fünf Panels mit klangvollen Namen
Eröffnet wurde der Literatur-Marathon mit einem Vortrag von Aaiún Nin, der aus Ghana stammenden Dichter*in und Aktivist*in, die auch einige Gedichte aus dem vor zwei Jahren erschienenen Band "Denn Schweigen ist ein Gefängnis" vortrug. Für Nin bietet die Sprache die Möglichkeit einer Befreiung, wie es in einem der Gedichte heißt – und "Befreiung darf nicht leise sein / Körper sind nicht Beton". In Nins Vortrag war die Rede davon, dass Realität nicht auslöschbar sei so wenig wie das Menschsein nicht illegal sein könne. Und im Übrigen setze das Coming-out Sicherheit voraus: "Die Vergangenheit ist homofeindlich / genau wie die Gegenwart / Und wir atmen die gleiche Luft wie Krähen."
Mit den insgesamt fünf Panels wurden thematische Schwerpunkte gesetzt. Wie schon erwähnt, waren es am Eröffnungsabend Geschichte und Begriffliches, danach folgte der Bereich Film, literarische Archive (verbunden mit der Frage, welches Buch wichtig war für das eigene Coming-out), hinzu kam das Thema Aktivismus und zum Abschluss literarische Erzählweisen. Da waren klangvolle Namen versammelt, die ohne Frage für die intellektuelle Kompetenz der Communitys stehen: Benno Gammerl, Stefanie Kuhnen, Heinrich Horwitz, Paulita Pappel, Sasha Marianna Salzmann, Antje Rávik Strubel, Daria Kinga Majewski, Jayrôme C. Robinet, um nur einige zu nennen.
Martin Luther als queeres Vorbild?
Das Eröffnungspanel wollte offenbar mit der Frage, ob das Coming-out das Konzept des weißen alten Mannes sei, intellektuell hoch hinaus. Also: Ist Martin Luther mit seinem "Hier stehe ich und kann nicht anders" dafür das Vorbild? Wobei der Spruch gar nicht von ihm stammt. Als Luther nämlich mit seiner Disputation in Worms fertig war, hat er, laut Protokoll, ein "Ich bin hindurch" von sich gegeben, aber nicht den ihm angedichteten Satz. Was hätte Luther im Übrigen mit meinem Coming-out als trans Frau zu tun gehabt? Warum nicht gleich zurück zum biblischen Ecce Homo – Siehe, der Mensch als Urformel des Bekenntnisses? Denn das gerät immer leicht aus dem Blick, unser Menschsein.
Das Gespräch mäanderte zwei Stunden lang im intellektuellen Irgendwo, anstatt ein paar Basics zum Thema Coming-out anzupacken. Dass beispielsweise ohne Coming-out keine Sichtbarkeit zu haben ist. Genau deshalb startete Anfang der 1970er Jahre die Schwulen- und Lesbenbewegung mit dem kollektiven Coming-out und ging auf die Straße mit Plakaten und Infotischen. Auch wäre zu fragen gewesen, wenn wir die Ausnahme von der (Hetero-)Regel sind, ob nicht vielmehr die Regel der Grund für die Ausnahme ist. Denn Inklusion kennt bekanntlich keine Ausschlüsse. Also stimmt an der Regel etwas nicht.
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Selbstfindung dank Coming-out
Andererseits besitzt das Coming-out auch handfeste positive Aspekte, nämlich die Selbstfindung beispielsweise, wie es in den folgenden Panels zu hören war. Denn das Coming-out beginnt immer erst bei uns selbst. So gesehen, trägt es zur Selbstermächtigung bei, in dem wir uns klar werden, wer und was wir sind. Und das ist wohl nicht selten ein Prozess, wie Horwitz anmerkte, ein Weg, der beispielsweise von der Lesbe, über Dyke zu nichtbinär und trans führen kann. Und, wie schon gesagt, Sichtbarkeit beginnt mit dem Coming-out. Am Ende heißt Sichtbarkeit, von den anderen mitgedacht zu werden, vorausgesetzt es läuft richtig in und mit der Gesellschaft.
Deutlich geworden ist in diesem vielstimmigen Chor der Meinungen, der für sich mächtig beeindruckte, dass dem Coming-out sehr unterschiedliche Bedeutungen zukommen und dadurch nicht weniger unterschiedliche Wertungen erfährt.
Engt das Label "queere Literatur" ein?
Interessant dabei auch die Erörterungen über die Label-Frage – queere Literatur. Schreiben die Autor*innen für ein Label? Nun ja, Echos von der anderen Seite, den Lesenden, sind durchaus erwünscht, weshalb das Label queer wie eine Art Wegweiser fungiert. Gefragt wurde auch, ob das Label queer begrenzt, einengt und die Vorstellung vermittelt, es sei dazu schon alles gesagt. Doch dann hieß es, queere Ästhetik stehe für das Offene, Spielerische – und das scheint mir ein zukunftshaltiges Versprechen zu sein.
Unterm Strich: Setzen wir ruhig auf ein auch literarisches Coming-out als ein Inviting-in und freuen uns schon mal auf den bevorstehenden Bücher-Herbst.















