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Queeres Entspannen
Mondbasis Waldschlösschen – die Sommerakademie als Kreativquell
Bei der Sommerakademie der Akademie Waldschlösschen bei Göttingen kann man eine Woche lang Eintauchen in Kunst, Geist und Körper. Ende Juli war es wieder soweit. Ein Teilnehmerbericht.

Projekt der Schwulenbewegung: Die heutige Akademie Waldschlösschen wurde 1981 zunächst als "Freies Tagungshaus" gegründet (Bild: Akademie Waldschlösschen)
- Von Volker Streiter
11. August 2024, 10:58h 5 Min.
Dieses Jahr habe ich wieder teilgenommen, habe Specksteine bearbeitet, bis Staub alles um mich herum bedeckte und versucht, aus Kamera und Handy Vorzeigbares in Sachen Porträtfotografie herauszuholen. Doch das Angebot ist breiter. Da haben andere mit Farbe und Leinwand, Stift und Griffel, Kreide und Linoleum experimentelle Kunst erschaffen, wobei es mir unmöglich ist, die Vielzahl der bereitgestellten Materialien aufzuzählen. Im Schreibworkshop "Das muss raus!" verließen Kurztexte die Köpfe der Teilnehmenden, die durch ehrlich Erlebtes bewegten oder durch gekonnt Herbeifabuliertes erstaunten.
Die Gruppe Performance holte alles aus sich heraus und ließ bei einer Darbietung niemanden unberührt. Mal saßen sich zwei Personen stumm gegenüber, mal starb jemand in der Toilette oder wartete fast nackt draußen vor der Akademie auf den Bus. Oder das Leben? Die Reaktionen des Publikums zeigten vollkommene Ratlosigkeit, Begeisterung oder Grusel.
Wie gut, dass es da tiefenentspannte Teilnehmer*innen gab, die durch Qigong Yangsheng einen Begriff von der Kunst hatten, das Leben zu pflegen. In zweieinhalb Tagen war der Anfang dazu gemacht. Goldene Harmonie entströmte ihren Gesichtern, das sehende Auge erkennt sowas.
"Oh, schon gleich Mittag!" Beim Arbeiten mit Stein, Farbe, oder Stift tauchten wir ab in unsere Kunst und die Zeit verlor jede Bedeutung. Auch eine Form der Meditation, ganz ohne Asien.
Damit der Teilnehmendenkreis bestmöglich im Bilde ist über die Kreativität der anderen, gibt es in der Wochenmitte und am Ende jeweils eine Werkschau aller Themen. Zwei bunte Abende, die es in sich haben. Ich staune jedes Mal, was alles in den Köpfen meiner Mitmenschen lungert, welche Abgründe, welches Können.
Veganer*innen und Nicht-Veganer*innen gemeinsam im Funkloch
Ja natürlich, für diese Erkenntnis muss niemand in die Provinz, in den Wald, in ein Funkloch, ins ehemalige Zonenrandgebiet bei Göttingen, auf die abgeschiedene Mondbasis, eben ins Waldschlösschen. Einsam schwebt es durchs All. Spaß macht es trotzdem.
Und da wir gerade beim Haus selbst sind, Waldschlösschen gibt es ja viele, aber nur eine Akademie Waldschlösschen: Den Hobbits sagt man nach, sie hätten ständig eine Mahlzeit vor sich. Nun, demnach liegt auch das Waldschlösschen im Auenland. Am Essen wird nicht gespart, es gibt von vegan bis Fleisch-ist-das-beste-Gemüse. Erstere Variante hatte J.R.R. Tolkien für seine Protagonist*innen noch nicht vorgesehen, nun, überall gibt es Fortschritt. Der geht so weit, dass bei der allgemeinen Begrüßung die Nicht-Veganer*innen aufgefordert werden, erst vegan zu essen, wenn die Veganer*innen gegessen haben. Sonst gäbe es für die nichts mehr. Lecker also scheint alles zu sein.

Unser Gastautor Volker Streiter auf der Waldschlösschen-Terrasse (Bild: privat)
Die Unterbringung geschieht im Regelfall in Einzelzimmern, jetzt auch im in atemberaubender Geschwindigkeit hochgezogenen Berghaus in Ochsenblutrot und Anthrazit, chic. Noch wurde das Außengelände des Neubaus gestaltet und Bagger bugsierten große Steinquader, die werden zur Hangmauer.
Immer noch hängt das Waldschlösschen in Sachen Internet am Tropf, einer ISDN-Leitung und einem Modem, mittlerweile kein charmantes Alleinstellungsmerkmal mehr, sondern eher ein lästiger Umstand. Doch wer kommt schon zu dieser Woche, um sich im Internet auszutoben.
Die Gespräche bestimmen das Sein, allein bleibt niemand.
Aber ich habe meine Kursaufzählung unterbrochen. Die Portraitfotografie war Teil der zweiten Wochenhälfte. Knapp theoretisch instruiert, erkundeten wir in Kleinstgruppen Haus und Gelände nach geeigneten Locations für unsere Shootings. Probiert euch aus, brecht die Regeln, sagte der Profifotograf. Überraschende Selbstdarstellungen kamen heraus, sehr ästhetische und witzige, und niemand wurde aufgefordert, sich auszuziehen. Wer das wollte, konnte natürlich. Aber in meiner alters- geschlechts- und identitätsgemischten Gruppe beschränkte sich das Freilegen von Haut auf das künstlerisch Notwendige. Wer mehr möchte, das Walschlösschen bietet auch andere Seminare an, auch kürzere, das Programm ist sehr vielfältig.
Ja die Zusammensetzung der Teilnehmenden. Insgesamt 57 aus ganz Deutschland mit ihren bemerkenswerten Dialekten machten es dem einen Schweizer aber leicht: Er hat überall mitgehalten. So viele Sommerakademiker*innen wie dieses Jahr hatte es noch nie gegeben, gut Dreiviertel waren wohl schwule Männer. Die Hälfte aller Kreativen war zum ersten Mal bei der Sommerakademie, in der anderen Hälfte gab es die, die immer kommen, und andere Wiederholende. Es ist immer ein Wiedersehen. Hin und wieder vergesse ich einen Namen, aber dafür erkenne ich die Gesichter und behalte die kleinen Geschichten, das hilft beim Ankommen. Die Gespräche bestimmen hier das Sein, allein bleibt niemand.
Aber zurück zum Programm. Neben der Fotografie wurde in der zweiten Wochenhälfte Meditation angeboten wie auch Übungen zum Aufbau der eigenen Stärke. Und es ging noch ums Improvisationstheater, was uns allen am Ende der Woche eine sehr witzige Aufführung bescherte.
Vom Grillabend bis zum Kuschelangebot
Überhaupt, die Referent*innen. Sie alle sind Profis ihres Fachs, 2024 waren es: Ulrich Behr und Mane Hellenthal (Malen), Karen-Susan Fessel (Schreiben), Arne Menzel (Speckstein und Ton), Sonja Schillo (Qigong und Meditation), Laura Marleen Kreutz und Leo Lunkenheimer (Performance), Jörg Meier alias Pancho Assoluto (Fotografie) sowie Matthias Brandebusemeyer-Fislage (Theater).
Doch das ist nicht alles, die Teilnehmenden wurden auch in der Freizeit nicht alleingelassen. Es gab Abendspaziergänge durch die Landschaft aus Wald, wogenden Kornfeldern und barocken Dorfkirchen, Filme mit queerem Inhalt, Entspannungsangebote, Lagerfeuer und einen Grillabend. Der "Heart Circle" wurde vorgestellt wie auch ein "Cuddle Puddle"-Kuschelangebot. Oder man setzte sich einfach zum Gespräch in lauschige Ecken.
Natürlich kann ein Angebot auch ein Missgriff sein, nicht jede*r Referent*in und jedes Thema passt zu den eigenen Vorstellungen oder erfüllt eigene Ansprüche. Wer möchte, konnte wechseln. Das galt natürlich auch bei einer explosiven Gruppendynamik .
Doch diese Woche über, wie eine Klammer, hielt der Wunsch aller Teilnehmenden nach gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz ein Gefüge zusammen, das bei realistischer Betrachtung den Alltag nicht überstehen würde. Dazu sind die Menschen viel zu unterschiedlich. Aber in dieser Woche Sommerakademie schwamm das Positive oben auf, in der Mondbasis Waldschlösschen.
Die Sommerakademie. Immer in der letzten Juli-Woche. Frühzeitige Anmeldung ist sinnvoll, es gibt immer eine Warteliste, trotz des Preises. Doch bei dem Angebot…
Links zum Thema:
» Homepage der Akademie Waldschlösschen















