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Roman
Plötzlich dünn und lesbisch am Familientisch
Bei einer Konfirmation stellt Hanne der Familie zum ersten Mal ihre Partnerin vor. Und ihren neuen Körper, denn sie verlor viel Gewicht. "Eigentlich bin ich nicht so" erzählt mit Humor, Aufrichtigkeit und aus vielen Perspektiven von alten Verletzungen und neuer Hoffnung.

Es ist das Konfirmationswochenende von Linnea. Die Tischkarten liegen bereit, die ganze Familie ist geladen, was wird es wohl für ein Fest werden? (Bild: vivirishe / unsplash)
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18. August 2024, 02:35h 4 Min.
Manchmal hilft einfach nur Humor. Für Hanne ist es eine Flucht nach vorne. Sie macht Witze über sich selbst, damit es niemand anderes tut. So behält sie wenigstens die Kontrolle über den Schmerz, den diese Sätze auslösen. Hanne scheint gut darin zu sein, Selbstironie vorzutäuschen. Es ist ein Schutzmechanismus.
Denn Hanne war früher immer nur "die Dicke". Schon als Neunjährige kniff ihr ein Arzt in die Bauchfalte, die Feststellung gleicht einem Urteil: Sie ist ziemlich übergewichtig. Ein Erlebnis, an das sie sich auch jetzt als Erwachsene noch lebhaft erinnert.
Alle kennen Hanne nur als "die Dicke"

Der Roman "Eigentlich bin ich nicht so" von Marie Aubert ist am 13. August 2024 bei Rowohlt erschienen
Kinder können grausam sein, und das hat Spuren bei Hanne hinterlassen. Dass sie deutlich abgenommen hat, löst dennoch ambivalente Gefühle in ihr aus: Unbekannte Menschen, im Supermarkt oder Geschäften, sind plötzlich so nett zu ihr. Aus ihrer Familie kommt Anerkennung, die bis zu Bewunderung reicht. Sie hat abgenommen, keinen Drogenentzug hinter sich und einen 8.000er bestiegen, denkt sie.
Hanne reist zum ersten Mal seit ihrem Wegzug aus Oslo zurück in ihre Heimat im Norden des Landes. Sie ist nervös. Was, wenn sie Menschen trifft, die sie nur als "die Dicke" kennen? Zusätzlich steht noch eine ganz andere Herausforderung an: Ihre Familie soll ihre Partnerin Julia kennenlernen. Hanne ist nicht mehr dick. Und lesbisch. Was wird mehr Gesprächsstoff liefern?
Hannes altes trifft auf ihr neues Leben
Mit viel Einfühlungsvermögen schildert die norwegische Autorin Marie Aubert in ihrem zweiten Roman "Eigentlich bin ich nicht so" (Amazon-Affiliate-Link ) Hannes Gefühlswelt. Dazu gehören schmerzhafte Erinnerungen, eine zutiefst empfundene Traurigkeit, irrationale Ängste, nicht genug sein zu können, aber auch: große Freude über die noch frische Liebe.
Julia steht dabei für ihr neues, anderes, besseres Leben. Sie mit ihrem alten Leben zu verbinden, kann heilsam sein. Aber es birgt auch Gefahren. Es ist diese Ambivalenz, die Hanne das ganze Konfirmations-Wochenende über spürt – und die sie ihre Familie spüren lässt.
Bård will die Scheidung – nach der Konfirmation
"Eigentlich bin ich nicht so" wechselt dabei geschickt die Perspektiven zwischen vier Familienmitgliedern: Neben Hanne treten auch ihr Bruder Bård, die Nichte Linnea und ihr Vater Nils als Ich-Erzähler*innen auf.
Sie alle machen an diesem Wochenende eine Entwicklung durch, ob freiwillig oder nicht. Am deutlichsten ist das bei Bård: Nur noch die Konfirmation seiner Tochter, dann will er sich von seiner Frau trennen, ein neues Leben mit seiner Affäre beginnen.
Süßes für Hanne, das kleine Geheimnis
Linnea steht eigentlich im Mittelpunkt der Familienfeier. Die Konfirmation betrachtet sie nicht nur als nur Tradition, sie ist wirklich gläubig. Und doch kann sie nur an die etwas ältere Freundin Ingrid denken, die sich von ihr entfernt hat, weil sie Linnea für too much hält.
Und schließlich Nils, der seit der Trennung von seiner Frau alleine lebt, zwar gut klarkommt, aber häufig nostalgisch wird und zurückdenkt an die Zeit mit Sissel und den kleinen Kindern. Vor allem an Hanne, der er immer Süßes von der Tankstelle mitbrachte, wenn es ihr mal wieder nicht so gut ging. Ein bisschen klischeehaft, aber nicht unrealistisch. Er wollte sie nicht leiden sehen, und die Süßigkeiten waren ihr kleines Geheimnis.
Hannes Partnerin Julia ist zunehmend überfordert
Mit diesem Familienwochenende, so plastisch wie Autorin Marie Aubert es schildert, werden sich viele identifizieren können. Die Dynamiken verändern sich, die Figuren denken das eine, tun aber das andere, Geheimnisse oder Unangenehmes kommt mal fast, dann ganz ans Licht. Doch es ist keinesfalls eine typisch missratene Familienfeier, bei der sich irgendwann alle anschreien. Liebe Worte, Taten, Gesten der Freude und Solidarität haben in "Eigentlich bin ich nicht so" auch ihren Platz.
Und mittendrin versucht Julia, die Situation möglichst geschickt zu handeln. Sie ist zwar selbstbewusst, fühlt sich bei den unterschwelligen Reibereien aber zunehmend unwohl. Und dann kommen auch noch die Spuren von Hannes jahrelangem Mobbing hoch.
Es wird ein Wochenende sein, nach dem wenig so ist wie zuvor.
Marie Aubert: Eigentlich bin ich nicht so. Roman. Übersetzt von Ursel Allenstein und Stefan Pluschkat. 208 Seiten. Rowohlt Buchverlag. Hamburg 2024. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-498-00288-6). E-Book: 19,99 €
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