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Cruising
Unterschiedliche Spielregeln in Darkrooms
Um unliebsame Vorfälle zu vermeiden, sollen sich Besucher*innen von Darkrooms vorab über die Regeln informieren. Diese können bei sexpositiven Partys völlig anders sein als in schwulen Clubs.
- Von Christian Höller
18. August 2024, 05:03h 6 Min.
Es gibt einige Besonderheiten, die Heteros und Menschen mit anderen sexuelle Orientierungen von der schwulen Welt übernommen haben. Dazu gehören interessanteweise Darkrooms. Dabei handelt es sich um dunkle oder spärlich beleuchtete Räume, in denen Menschen miteinander Sex haben.
Darkrooms gibt es schon seit vielen Jahrzehnten in schwulen Bars, Saunen und Clubs. In einigen Städten stehen Darkrooms für Lesben zur Verfügung. Heteros und Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen können Darkrooms in Swingerclubs und seit einigen Jahren auch bei sexpositiven Partys finden. In der sexpositiven Bewegung steht ein bejahender und lustvoller Zugang zum eigenen Körper und zur eigenen Sexualität im Vordergrund.
Im Darkroom geht es nicht um Liebe
Egal, ob schwul, bi, hetero oder eine andere sexuelle Orientierung: Im Darkroom geht es nicht um Liebe, sondern um das Erleben der sexuellen Lust mit Menschen, die einander in den meisten Fällen nicht kennen. Dafür stehen in den spärlich beleuchteten Räumen beispielsweise Nischen, Sitz- oder Liegemöglichkeiten zur Verfügung. Nicht selten wird die Lust auch im Stehen ausgelebt, ohne sich dabei vollständig zu entkleiden. Das Besondere bei Sex im Darkroom ist, dass optische Reize ausgeblendet werden, dafür werden andere Sinneswahrnehmungen wie Berührungen, Tasten, Schmecken und Riechen angeregt.
Allerdings kann es bei anonymen Sex-Begegnungen in Darkrooms zu Verständigungsproblemen kommen. Denn in den spärlich beleuchteten Räumen wird nicht viel gesprochen, sondern eher geflüstert. In der schwulen Welt und in der Lederszene waren früher Hanky-Codes üblich. Hier signalisierten Männer mit dem Tragen von bestimmten Taschentüchern, worauf sie beim Sex Lust haben. In einer Bar konnten beispielsweise zwei oder mehrere Männer anhand der Taschentücher ihre sexuellen Vorlieben abklären, einander zunicken und im Darkroom verschwinden. Heute werden Hanky-Codes kaum noch verwendet. Für Heteros gibt es keine eigenen Hanky-Codes.
Um unliebsamen Überraschungen und Missverständnisse zu vermeiden, ist es ratsam, dass sich Besucher*innen von Darkrooms vorab über die Vorschriften erkundigen. Denn bei sexpositiven Partys für Heteros und für Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen gelten teilweise völlig andere Regeln als in der schwulen Welt. Überall gleich ist jedenfalls das Fotografier-Verbot.
Heteros gehen nicht allein in den Darkroom
In schwulen Bars und auf schwulen Partys können Menschen meist alleine in einen Darkroom gehen. Das ist bei einigen sexpositiven Partys für Heteros und für Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen nicht möglich. So betonten Hanna Stummer, Vorstand und Organisatorin der Wiener Eventreihe hausgemacht, und David Krendl, Teil des Awareness-Teams bei den Events, jüngst im Interview mit der Wiener Zeitung "Der Standard", dass Besucher*innen nur mit einer Begleitung in den Darkroom gehen dürfen. Diese Maßnahme geschehe vor allem auch zum Schutz von Frauen. Das bedeutet, dass sich Besucher*innen vorab auf der Veranstaltung oder auf der Tanzfläche zumindest kurz abgestimmt haben müssen.
"Bei unseren Partys passiert das Ganze ja schon auf dem Dancefloor. Also man macht sich das aus, bevor man in den Darkroom geht", erklärt Krendl. Dafür gibt es keine Regeln. "Ich würde einfach mit Augenkontakt beginnen und sonst einfach wie immer um Konsens fragen. 'Wär's okay für dich, wenn ich dich anfasse?'", sagt Stummer. Bei der Abklärung von Konsens unterscheiden sich einige sexpositive Partys von der schwulen Welt. Denn in schwulen Darkrooms wird zwar ein Nein akzeptiert, aber nicht vorher nach dem Konsens gefragt. "Da wird einfach hingegriffen und geschaut, was passiert. Das unterscheidet sich massiv von Veranstaltung zu Veranstaltung", betont Krendl.
Nicht überall darf man zugucken
Ein weiterer Unterschied besteht im Voyeurismus. In schwulen Darkrooms müssen Menschen keinen Sex haben. Sie können anderen Personen einfach beim Sex beobachten oder masturbieren. Bei der Wiener Eventreihe "hausgemacht" ist Voyeurismus jedoch ein Regelverstoß. "Bei uns ist es nicht erwünscht, dass Leute voyeuristisch im Darkroom sind und einfach zuschauen", unterstreicht Stummer. Außer, man mache "sich das vorher mit den betreffenden Personen aus. Aber dass eine Person durchgeht und zuschaut, ist bei uns ein No-Go. Aber klar, bei anderen Darkrooms ist das üblich."
Bei der Event-Reihe "hausgemacht" ist leise Kommunikation im Darkroom erlaubt. "Natürlich darf man reden. Man muss ja auch fragen: 'Darf ich mich da hinsetzen?' oder 'Könntet ihr ein bisschen rutschen?'. Das ist kein Problem. Aber herumgehen und andere der Reihe nach anquatschen geht halt nicht", erklärt Stummer. Der Darkroom bei "hausgemacht" stehe in erster Linie für Sex zur Verfügung. "Wenn man fertig ist, und man möchte 20 Minuten sitzen bleiben, bitten wir die Leute manchmal wieder zurück auf die Tanzfläche, weil sie sonst den Platz für andere wegnehmen", sagt Krendl.
Diese klaren Regeln sorgen bei "hausgemacht" dafür, dass es relativ selten zu Übergriffen kommt. Vor allem die Vorschrift, dass Menschen nur zu zweit in den Darkroom gehen dürfen, sorgt für Sicherheit. "Also alleine in der Ecke stehen und masturbieren passiert da nicht. Ganz wichtig ist, Konsens einzuholen für eigentlich alles, was mit einem Gegenüber zu tun hat. Alleine langes Anstarren kann übergriffig sein", so Krendl.
Sexistischer Schwuler bei Berghain-Party
Einträge in sozialen Medien zeigen, dass es in Darkrooms bei bestimmten Events zu unliebsamen Vorfällen kommen kann. So schrieb vor zwei Monaten eine Frau auf der Online-Plattform Reddit, dass sie im Berliner Club Berghain den Darkroom besucht habe. Die Frau erklärte, dass sie es liebe, im Darkroom Sex zu haben. Wenn sie einen für sie passenden Mann oder eine Frau (was viel schwieriger sei) auf der Tanzfläche finde, nehme sie diese in den Darkroom mit, um dort Spaß zu haben. Es komme vor, dass dann im Darkroom andere Menschen beim Sex zusehen. Manchmal werde sie dabei von herumstehenden Menschen berührt. Doch das möchte sie nicht, betonte die Frau. In solchen Fällen nehme sie die Hände der Menschen von ihr weg. Ihrer Erfahrung nach werde das respektiert. Beim vergangenen Besuch im Berghain sei das jedoch anders gewesen. Diesmal sei es zu einem Streit gekommen. Ein Mann habe geschrien, dass es sich hier um einen Schwulenclub handle. Daraus entwickelte sich auf Reddit eine Diskussion über Sexismus und Frauenfeindlichkeit in sexpositiven Clubs.
Das Online-Magazin "Vice" schrieb vor einem Jahr, dass es in Großbritannien einen "Dark Room Boom" gebe, insbesondere bei Männern, die mit anderen Männern Sex haben. Dieser Boom hänge unter anderem mit dem besseren Zugang von PrEP zusammen. Mit PrEP können sich Menschen vor einer Ansteckung mit HIV schützen. Die Besucher*innen von Darkrooms seien diesbezüglich sehr verantwortungsvoll, was ihre sexuelle Gesundheit betreffe, wird in dem Artikel ein Experte zitiert.














