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Sachbuch

Trans und Psychoanalyse – passt das wirklich zusammen?

Die neue Aufsatzsammlung "Transgeschlechtlichkeit und Psychoanalyse. Perspektiven jenseits des Kulturkampfes" zeigt den richtigen Weg aus der Sackgasse auf, den die Psychoanalyse mit ihrer Pathologisierung bis jetzt gegangen ist.


Symbolbild: Ein junger trans Psychotherapeut hört zu macht sich Notizen (Bild: Zackary Drucker / The Gender Spectrum Collection)

Kürzlich erschien im transcript Verlag "Transgeschlechtlichkeit und Psychoanalyse. Perspektiven jenseits des Kulturkampfes" (Amazon-Affiliate-Link ) als Aufsatzsammlung, bei der ich mir sogleich die Frage stellte: Passt das wirklich zusammen – trans und Psychoanalyse? Nach allen bisherigen Erfahrungen mit der Lehre Sigmund Freuds und vor allem mit ihren psychotherapeutisierenden Hüter*innen unserer Tage war die Antwort klar: Nein! Im Übrigen hielt ich es schon immer mit Simone de Beauvoir, die die Psychoanalyse zu den Religionen zählt.

Weil die Neugierde aber siegte, war für mich nach der Lektüre wiederum zweierlei klar: Zumindest einige Vertreter*innen der Psychoanalyse versuchen mit Blick auf trans gerade eine Trendwende in ihrer Disziplin, um sich von der bisher geübten Transfeindlichkeit zu verabschieden, und zweitens ändert das nichts daran, dass die Psychoanalyse uns trans Menschen so wenig erklären kann wie Psychologie und Psychiatrie.

Eine offizielle Entschuldigung steht noch immer aus

Dennoch, die Gruppe "queer IPU" (Internationale Psychoanalytische Universität Berlin), angeführt von den Herausgebern Phil C. Langer und Niclas O'Donnokoé, die für die Entstehung des genannten Bandes verantwortlich zeichnen, möchte ich beglückwünschen zu ihrem Versuch, die in der Psychoanalyse fest verankerte Transfeindlichkeit beenden zu wollen. Auf das Inhaltliche komme ich noch zu sprechen. Also, Glückwunsch zur späten Einsicht in das begangene Unrecht!

Aber der angerichtete Schaden durch eine strikte Pathologisierung von trans wird uns noch lange anhängen und den gesellschaftlichen Diskurs prägen. Und solange eine offizielle Entschuldigung der psychoanalytischen Gilde in Deutschland ausbleibt – die Verbände in den USA, in Großbritannien und Finnland haben diesen Schritt getan, wie in dem Band zu erfahren ist -, fehlt ein sichtbares Zeichen des Umdenkens.

Die Kulturkämpfer*innen sind eine kleine Minderheit


Der Sammelband "Transgeschlechtlichkeit und Psychoanalyse" ist im transcript Verlag erschienen

Vorausschicken möchte ich noch zwei Bemerkungen: Der im Untertitel genannte Kulturkampf ist eine Erfindung der transfeindlichen Liga und kein gesellschaftlicher Tatbestand. Das haben der Soziologe Steffen Mau und andere jüngst in ihrer Publikation "Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft" mit dem Kapitel "Wir-Sie-Ungleichheiten" anschaulich dargelegt.

Der als Kulturkampf stilisierte Kampf gegen geschlechtliche Selbst­bestimmung soll ja dadurch aufgewertet werden, dass von der Spaltung der Gesellschaft die Rede ist und trans als größte Gefahr eingestuft wird. Damit soll politische Relevanz signalisiert werden. In Wahrheit sind jene Kulturkämpfer*­innen recht überschaubare, aber umso verbal militantere Grüppchen mit einer reichlich verquasten Denke. Sie sind diejenigen, die polarisieren und damit den politisch rechten Rand erreichen.

Trans ist Teil der menschlichen Natur

Die zweite Vorbemerkung betrifft die Frage: Warum gibt es trans? Wir wissen es (noch) nicht, sondern wissen nur, dass es Menschen gibt, die trans sind. Und wenn es eines Tages eine Antwort gibt, dann wird die von einer inklusiven Biologie kommen, die bei der Geschlechtlichkeit des Menschen nicht den Körper vom Gehirn trennt. Denn trans ist Teil der menschlichen Natur.

Mit Blick auf all die verfehlten und vor allem stigmatisierenden psychologischen und psychoanalytischen Ätiologien, die als Ursache für das Transsein Störungen in der frühkindlichen Entwicklung mutmaßen, würde ich mir für die Zukunft entschieden mehr Zurückhaltung und selbstkritische Einkehr wünschen.

So gesehen ist die von einer Gruppe junger Psychoanalytiker*­innen angestoßene Initiative zu begrüßen. "Wir sind auf dem Weg zu einer Neuordnung des Diskurses, einer Neubestimmung dessen, was gesagt werden kann und von wem, wie und wo."

Erst die Norm bringt die Normverletzung hervor

Die Herausgeber verweisen zu Recht auf den Umstand, dass trans Personen zu Projektionsflächen wurden "für allgemein erlebte Verschiebungen in der symbolischen Ordnung". Mit Ordnung ist hier natürlich die Geschlechterordnung gemeint: "Nachdem sie von der Ordnung ausgeschlossen wurden, müssen sie selbst die Prekarität und Instabilität der Ordnung an sich selbst ausagiert sehen, als unfreiwillige Sündenböcke oder Hoffnungsträger*­innen." Anzumerken bliebe, dass es wohl keine freiwilligen Sündenböcke gibt, ansonsten trifft die Aussage den Kern des Problems.

Man könnte trans auch als Abladeplatz für alle erdenklichen gesellschaftlichen Konflikte bezeichnen. Hier verweisen die Herausgeber zu Recht auf Beispiele wie angebliche "Frühsexualisierung" im Kindergarten, Unisex-Toiletten, gendergerechte Sprache und dergleichen mehr.

In unserer schon immer total gegenderten Welt entstehen die Probleme bereits dadurch, dass die Regel als ausnahmslos gedacht wird. Es ist gerade die Norm, die Normverletzung hervorbringt, weil sie einen Teil der Menschen absichtsvoll ausschließt und unter Berufung auf eine als Natürlichkeit kulturell zurechtgeschnittene Natur. Die Heteronormativität ist nichts anderes als eine Kulturleistung und mindestens so erklärungsbedürftig wie trans. Die Vornamen, die wir erhalten, das zugeschriebene Geschlecht und die Sprache bombardieren förmlich den Menschen:

Es genügt ein Blick auf die affektiv aufgeladene Kulturtechnik der elterlich vorgenommenen Namensgebung, die über den noch nicht existierenden Kopf des be-sprochenen Kindes hinweg geschieht, um zu begreifen, wie elterliche Vorstellungen dem Leben des erst noch zu werdenden Subjekts vorweg gehen.

Aaron Lahl fasst dies in seinem Beitrag "Der Wunsch nach Identität" in die Formel: "Noch bevor das Kind sich identifizieren kann, ist es bereits identifiziert." Wie schwierig es ist, aus dieser Zwangs-Identifikation herauszukommen, erleben alle trans und gendernonkonformen Menschen Tag für Tag.

Neun thematisch breit gefächerte Beiträge

Der Band enthält insgesamt neun Beiträge, thematisch breit gefächert. Sie geben Auskunft über die Geschichte der Pathologisierung, beschreiben Sackgassen im Diskurs über Trans­geschlechtlich­keit, gehen der Angst vor trans Personen und ihren möglichen Ursachen nach und beschäftigen sich mit der Frage der Identität. Weitere Stichworte sind die Kinder- und Jugendpsychotherapie, das Übertragungs- und Gegenübertragungs-Geschehen in der Analyse bis hin zu genderbezogenem Stress, sprich Minderheitenstress.

Darunter befindet sich ein Beitrag von Annette Güldenring, selbst vom Fach als Ärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Sexualmedizin und zugleich trans Aktivistin. In ihrem Text schlüpft sie sozusagen in die Rolle des Geschlechts, um zu rekapitulieren, was in der Menschheitsgeschichte so alles über das Geschlecht an Widersprüchlichem, Gewaltsamem, Willkürlichem verlautbart wurde, um dabei festzustellen: "Das Geschwätz um mich ist in den letzten Jahren lauter, unschärfer und böser geworden."

Seltsamerweise kommt das Gehirn bei ihr nicht gut weg, das sie "Einhirn" tauft: "Je mehr die Ratio in unserer Zeit glorifiziert und zu einer Übermacht wird, desto mehr geht das Fühlen den Einhirnen verloren. Dieses Schicksal erleide auch ich, das gefühlte Geschlecht." Dem würde ich widersprechen, denn Geschlecht ist kein Gefühl, sondern ein Wissen. Gefühle sind wandelbar, aber das Transsein eine Gewissheit, so meine Erfahrung. Oder um es anders auszudrücken: Das gefühlte Geschlecht würde ich eher als sexuelle Erregung übersetzen.

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Volkmar Sigusch und Reimut Reiche richteten Schaden an

Ilka Schröder lässt in ihrem Beitrag einige Stationen im Verhältnis von Psychoanalyse und trans Revue passieren. Sie erinnert unter anderem an die für die 1970er und 1980er Jahre so einflussreichen Volkmar Sigusch, Bernd Meyenburg und Reimut Reiche, die daran festhielten, Transgeschlechtlichkeit gehöre zu den "klassischen Perversionen mit Krankheitswert". Sigusch meinte noch 1980: "Der Transsexualismus ist eine seelische Krankheit und gehört daher mit seelischen Mitteln behandelt." Seine späte Reue konnte den Schaden nicht wieder gutmachen.

Aber wer glaubt, schlimmer konnte es nicht kommen, der wird durch Aglaja Stirn und Jorge Ponseti eines Besseren belehrt, denn die beiden sehen als Maß für die menschliche Geschlechtlichkeit allein die Fortpflanzung an. Sie kennen also nur Genitalien, Keimdrüsen und reproduktive Körperfunktionen. Bei ihnen funktioniert der Mensch ohne Gehirn. Deshalb wissen sie auch nicht, dass geschlechtsspezifische Interessen, die für Stirn und Ponseti gewissermaßen naturgegeben sind, lediglich sozialisiert auftreten, wie Gina Rippon in "Gendered Brain" nachgewiesen hat. Dazu passt, wenn sie Geschlechtsdysphorie als Hysterie im neuen Gewand deuten. Ebenso passt dazu, dass beide sich gerne von der AfD einladen lassen.

Eine Menge Bedenkenswertes und Kluges

Der Band zeigt den richtigen Weg aus der Sackgasse auf, den die Psychoanalyse mit ihrer Pathologisierung bis jetzt gegangen ist und sicherlich noch eine Weile weitergehen wird. Er enthält eine Menge Bedenkenswertes und Kluges und versucht dem Thema trans endlich angemessen, also nicht stigmatisierend und diskriminierend gerecht zu werden.

Das Schlusswort hat Ulrike Auge mit ihrem Beitrag "Über die Angst vor trans*Personen":

Die Debatten um die Entpathologisierung, Selbstbestimmungs- und letztlich Menschenrechte von trans*Personen löst zunehmend eine "epistemische Krise" […] aus, da innerhalb der heteronormativen Subjektivierungspraxis verschleiert wird, dass es kein a priori existierendes biologisches weibliches oder männliches Geschlecht gibt, das sich in vorhersagbaren Identitätsbildungen und Wesenheiten reproduziert.

Infos zum Buch

Phil C. Langer / Niclas O'Donnokoé (Hg.): Trans­geschlechtlich­keit und Psychoanalyse. Perspektiven jenseits des Kulturkampfs. 286 Seiten. transcript Verlag. Bielefeld 2024. Taschenbuch: 36 € (ISBN 978-3-8376-7168-1). E-Book: 36 €

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