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Heimkino
81 Tore für Frankreich – und dennoch wenig Anerkennung
Das Biopic "Marinette – Kämpferin. Fußballerin. Legende." erzählt die bewegende Geschichte des lesbischen Nationalspielerin Marinette Pichon – und zeigt die prekäre Situation, in der sich Profi-Fußballerinnen befinden.

Garance Marillier spielt Marinette Pichon nuanciert und sympathisch (Bild: Vigo Films / France 3 Cinéma / Beside Films)
- Von Lina Heimann
24. August 2024, 12:03h 6 Min.
Marinette Pichon ist eine der erfolgreichsten Fußballer*innen Frankreichs. Trotzdem ist ihr Name bei weitem nicht so bekannt wie der eines Zinedine Zidane – dabei hat Pichon sogar ein paar mehr Spiele für die Nationalmannschaft absolviert und in diesen Spielen 81 (!) Tore erzielt. Männer- und Frauenfußball zu vergleichen ist selten zielführend, dieser kleine Vergleich zeigt aber den Unterschied in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, denn Pichon und Zidane spielten zur gleichen Zeit in der französischen Nationalmannschaft. Auch wenn Frauenfußball inzwischen medial präsenter ist als in den 2000er Jahren, können längst nicht alle Spielerinnen der französischen Liga vom Fußball leben, was mitunter große Leistungsunterschiede der Teams in der Liga mit sich bringt. Aber dennoch: Die Frauen des französischen Fußballteams zählen inzwischen bei großen Turnieren eigentlich immer zu den Favoritinnen, auch wenn sie dieser Rolle bisher noch nicht gerecht werden konnten.
"Marinette – Kämpferin. Fußballerin. Legende." ist ein klassisches Biopic: Angelehnt an die Autobiografie von Marinette Pichon ("Ne jamais lâcher",dt. "Niemals aufgeben") erzählt die Regisseurin Virginie Verrier das Leben von Pichon von der Kindheit bis hin zum Ende ihrer Fußballerinnenkarriere. Dabei geht es nicht nur um Fußball, sondern auch um familiäre Gewalt, mit der Pichon aufwächst, um ihre romantischen Beziehungen zu Frauen und um mangelnde Strukturen im französischen Frauenfußball der 1990er und 2000er Jahre. Gespielt wird Marinette Pichon ab dem Jugendalter von Garance Marillier, die zuvor in Filmen wie "Raw" oder "Titane" von der Regisseurin Julia Ducournau auf sich aufmerksam machen konnte. Marillier verkörpert Pichon von der Jugend bis zum Karriereende und schafft es auf beeindruckende Weise die charakterlichen Entwicklungen Pichons darzustellen.
Als einziges Mädchen in einer Jungenmannschaft

Poster zum Film: "Marinette – Kämpferin. Fußballerin. Legende." kann seit 22. August 2024 bei Prime Video gestreamt werden. Eine DVD erscheint am 5. September
Zum Fußballspielen, so scheint es jedenfalls im Film, kommt Pichon fast zufällig: Sie sieht einer Gruppe Jungen beim Fußballtraining zu und wird gefragt, ob sie mitmachen möchte. Der Trainer, der Pichon zum Mitspielen ermutigt, ist im Film immer wieder ein wichtiger Begleiter in Pichons Laufbahn, der auch nach Rückschlägen an ihrer Seite steht und ihren Weg als junge Fußballerin begleitet. Bis zum 16. Geburtstag spielt sie als einziges Mädchen in einer Jungenmannschaft, danach erlaubt es der Verband nicht mehr. Pichon ist von der Situation frustriert, eine Zeitlang hört sie komplett mit dem Fußballspielen auf, weil sie keine Perspektive sieht.
Das ist kein untypischer Werdegang: Besonders außerhalb von Großstädten gibt es selten vergleichbare Mädchenfußballstrukturen, nicht nur in Frankreich. Die Chance auf eine Karriere als Fußballprofi kann für Frauen so schon in früheren Jahren zu Ende sein, ohne dass die sportlichen Fähigkeiten das Problem sind.
Auch wenn Marinette Pichons Weg nicht gradlinig ist, schafft sie es, ihren Kindheitstraum zu verwirklichen und Profifußballerin zu werden: Durch ihren langjährigen Trainer kommt Marinette Pichon, trotz der Pause, 1992 zum Auswahltraining des Vereins Olympique Saint-Memmie, mit dem sie anschließend in die erste französische Liga aufsteigt. So wird Pichon auch zum ersten Mal für die französische Nationalmannschaft nominiert. Eine Zeit, die für Pichon vor allem in den ersten Jahren durch Machtkämpfe und schwierige Teamdynamiken geprägt ist.
Mehr Wertschätzung in den USA
Den entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Profifußballerin geht Pichon im Jahr 2002 mit dem Wechsel zum Verein Philadelphia Charge in die US-amerikanische Liga, in der – anders als in Frankreich – die Spielerinnen vom Fußball leben können. Überhaupt scheint für Pichon in den USA eine neue Zeit anzubrechen. Zum ersten Mal spielt sie in vollen Stadien und erfährt Wertschätzung als Sportlerin und zudem gibt es, jedenfalls innerhalb der Frauenfußballszene, einen lockeren Umgang mit Queerness, und sie wird nach Anfangsschwierigkeiten zu einer der besten Spielerinnen der Liga.
In "Marinette" zeigt Virginie Verrier nicht nur Pichons Entwicklung als Fußballerin, sondern auch ihr Leben außerhalb, dass insbesondere in ihrer Jugend durch die physische und psychische Gewalt ihres Vaters im Elternhaus und finanzielle Prekarität geprägt ist. Die Gewaltsituation verändert sich erst, nachdem Pichons Vater aufgrund einer Vergewaltigung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird.
Das Thema Gewalt in Beziehungen begleitet Pichon trotzdem noch weiter in ihrem Leben. In den USA führt Pichon ihre erste längere und öffentliche Beziehung mit einer Frau. Nach der anfänglichen Verliebtheit verändert sich die Beziehung aber, da Pichons Partnerin beginnt, sich gewaltvoll gegenüber Pichon zu verhalten. Auch wenn der Film nur kurze Ausschnitte aus der Beziehung und der Gewalt zeigt, wird deutlich, wie herausfordernd es für Pichon ist, sich aus der Beziehung zu lösen. Der Film thematisiert so Partnerschaftsgewalt in Beziehungen zwischen Frauen und gibt damit einem medial selten beleuchteten Thema Raum, wenn auch nur oberflächlich.
Dass Marinette Pichon lesbisch ist, wird beiläufig eingeführt und durch ihre verschiedenen Beziehungen zu Frauen gezeigt. Eine klassische Coming-out-Szene oder Schwierigkeiten mit der eigenen Identität werden nicht gezeigt, dafür wird sichtbar, wie Pichons ihre lesbische Identität immer selbstverständlicher auslebt. Der Film verheimlicht auch nicht, dass Pichon aufgrund ihrer sexuellen Orientierung regelmäßig Diskriminierung erfährt und beispielsweise bei einer Pressekonferenz gefragt wird, ob sie lesbisch sei. Der Film zeigt so auf subtile Weise, dass Queerness im Frauenfußball zwar keine Seltenheit ist, dies aber nicht bedeutet, dass es keine Queerfeindlichkeit in diesem Bereich gibt.
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Kritik am französischen Fußballverband
Insgesamt verdeutlicht "Marinette" immer wieder die prekäre und unprofessionelle Situation, in der sich Frauenfußballerinnen befinden: Die Nationalspielerinnen im Trainingslager sind nicht im Haupthaus wie die Männer untergebracht, sondern in einem Nebengebäude. Auch ein Gehalt erhalten sie nicht, gezahlt wird ihnen maximal eine Aufwandsentschädigung.
Genau diesen Mangel an Strukturen im französischen Fußballverband kritisiert auch Pichon: Mit 31 Jahren beendet sie ihre Karriere, nachdem Frankreich 2006 an der Qualifikation für die Weltmeisterschaft scheitert und macht in diesem Zuge den französischen Verband für das schlechte Abschneiden der Nationalmannschaft verantwortlich, der nicht genug in den Fußball der Frauen investiert. Erst kürzlich ist die französische Nationalmannschaft im Viertelfinale bei den Olympischen Spielen im eigenen Land ausgeschieden und hat wieder einmal die Erwartungen nicht erfüllt. Obwohl Weltklassespielerinnen wie Wendie Renard, Eugenie Le Sommer oder Marie-Antoinette Katoto Teil des Teams und auf jeden Fall würdige Nachfolgerinnen von Marinette Pichon sind. Auch wenn diese Niederlage wohl nicht an schlechten Strukturen festgemacht werden kann, so heißt das nicht, dass es keinen Verbesserungsbedarf gibt, denn insgesamt ist der Kampf für gute Bedingungen im Frauenfußball noch lange nicht abgeschlossen.
Mit "Marinette" wird das Genre des Biopics zwar nicht neu erfunden und dadurch, dass in gut 90 Minuten viele Jahre und Ausschnitte aus Pichons Leben gezeigt werden, fehlt es besonders den nicht sportlichen Elementen etwas an Tiefe. Der Film lohnt sich aber dennoch, weil er Marinette Pichon als Person und Sportlerin wertschätzt und Garance Marillier die filmische Version von Pichon nuanciert und sympathisch spielt. Schön wäre, wenn der Film dazu beiträgt, dass auch Menschen, die bisher kaum an Frauenfußball interessiert sind, vielleicht etwas mehr verstehen, wie es hinter den Kulissen aussieht und welches Durchhaltevermögen erforderlich ist, um erfolgreich als Profifußballerin zu spielen.
Marinette – Kämpferin. Fußballerin. Legende. Biopic. Frankreich 2023. Regie: Virginie Verrier. Cast. Garance Marillier, Emilie Dequenne, Alban Lenoir, Fred Testot. Sylvie Testud. Laufzeit: 95 Minuten. Sprachen: deutsche Synchronfassung, französische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Atlas Film. Seit 22. August 2024 erhältlich zum Streamen und ab 5. September auf DVD
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