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Kommentar
Katholische Kirche und queere Menschen: Bewegt sie sich wirklich?
Diskriminierung sei "Sünde", sagte Papst Franziskus unlängst bei einer Privataudienz für eine ugandische LGBTI-Aktivistin. Wenn das ernstgemeint ist, dann sollte der Vatikan endlich unsere Menschenrechte anerkennen.

Papp-Papst mit Regenbogenkranz beim Roma Pride 2024 (Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire)
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25. August 2024, 12:51h 7 Min.
"Und sie bewegt sich doch" – dieser dem Universalgelehrten Galileo Galilei (1564-1642) zugesprochene Satz wurde zum Symbol für die Rückständigkeit und Wissenschaftsfeindlichkeit der katholischen Kirche. Mit der sogenannten kopernikanischen Wende im 16. Jahrhundert hatte die Kirche endgültig ihre Deutungshoheit an die Naturwissenschaften verloren. Was freilich nicht heißt, dass sie ihre Schöpfungsgeschichte nach den Erkenntnissen von Evolutionsbiologie, Geologie und Kosmologie umgeschrieben hätte. Obschon es eine faszinierende Schöpfung bleiben würde.
Was dabei den Menschen unmittelbar betrifft, hindert sie schon ihre Moraltheorie und die darin festgeschriebenen – und um es freundlich zu formulieren – altertümlichen Vorstellungen von Frau und Mann und von Familie. Das erfahren Tag für Tag all jene Menschen, die reproduktive, sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung für einen menschenrechtlichen Standard halten. Sie erfahren es, sofern sie sich im Einflussbereich der katholischen Kirche befinden und mit ihr verbunden sind – ob als Gläubige, Familienangehörige oder wenn sie in kirchlichen Einrichtungen beschäftigt sind.
Franziskus empfing LGBTI-Aktivistin Clare Byarugaba
"Und sie bewegt sich doch" – dieser Satz scheint mittlerweile auf die Kirche selbst zuzutreffen mit Blick auf bestimmte Äußerungen der Amtskirche und noch viel mehr mit Blick auf das, was wir an der kirchlichen Basis bei uns gerade beim Thema Queerness beobachten. Ich nenne hier nur mal die Bewegung #OutInChurch oder eine Buchpublikation wie "trans und katholisch" als Beispiele. Und dann gibt es da hin und wieder päpstliche Äußerungen, die aufhorchen lassen, wie zuletzt anlässlich der Privataudienz, die der Papst der ugandischen LGBTI-Aktivistin Clare Byarugaba gewährte (queer.de berichtete).
"Seine Heiligkeit bekräftigte, dass Diskriminierung eine Sünde ist und Gewalt gegen LGBTI-Personen inakzeptabel ist", erklärte die queere Organisation "Chapter Four" auf X. "Er sagte, die Kirche dürfe niemals diskriminieren. Er geht mit allen, denen ihre Würde verweigert wurde. Außerdem ermutigte er uns, unsere Rechte zu verteidigen." Wenn das ernstgemeint ist, dann sollte die Kirche damit beginnen, queeren Menschen nicht länger Menschenrechte vorzuenthalten und sich endlich und eindeutig auf ihre Seite zu stellen. Schließlich behauptet sie, für alle Menschen da zu sein und die Würde aller Menschen zu achten.
Was also tut sich in der katholischen Kirche? Wie sind Verlautbarungen und Gegenbewegungen einzuordnen? Ich will hier ein paar Beobachtungen aufgreifen und kommentieren. Für eine Zwischenbilanz ist es mit Sicherheit noch zu früh, denn noch ist zu vieles zu vage, zu unaufrichtig, um durch die Hintertür erneut zu diskriminieren – denken wir nur an den peinlichen Affentanz um die Segnung homosexueller Paare. Wer so etwas versteht, der hat wohl außer dem Vatikan noch nichts von der Welt gesehen.
Bewusstseinsbildung in Sachen queer nur im Millimeterbereich
Vorerst bewegt sich die kirchliche Bewusstseinsbildung in Sachen queer im Millimeterbereich. Deutlich wird das an der Vatikan-Erklärung "Dignitas infinita" über die Würde des Menschen vom April dieses Jahres. Zwei Abschnitte behandeln die "Gender-Theorie" und die "Geschlechtsumwandlung" (queer.de berichtete). Mal abgesehen davon, dass niemand mehr von Umwandlung spricht, enttäuscht das Ganze maßlos. Verklausuliert bleibt es ein klares Bekenntnis zum geschlechtlichen, reproduktiv ausgerichteten Biologismus.
Zur Gendertheorie: Hier wird zwar der begriffliche Unterschied von Sex und Gender, also Geschlecht und Geschlechtsrolle bestätigt, aber nur um zu sagen, dass beide untrennbar zusammengehören. Aus der Lebenswirklichkeit von trans und gendernonkonformen Menschen wissen wir, dass wir sehr wohl Geschlechtsrollen unabhängig von körperlichen Merkmalen leben können und es vor allem tun und dass außerdem die Frage der Geschlechtszugehörigkeit zumindest hierzulande ebenso unabhängig von körperlichen Merkmalen beantwortet wird. Nichts anderes tut nämlich die Rechtsprechung sowohl nach dem Transsexuellengesetz seit 2011 als auch jetzt nach dem Selbstbestimmungsgesetz ab 1. November.
Klar, der Kirche geht es um die Fortpflanzung und um die Beibehaltung des traditionellen Familienmodells – und nur das zählt bei ihr und nur das verbinden sie mit Würde: "Deshalb sind alle Versuche abzulehnen, die den Hinweis auf den unaufhebbaren Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau verschleiern." Und in Papstworten heißt das, man könne männlich und weiblich nicht von dem Schöpfungswerk Gottes trennen.
Moraldurchtränkte Schöpfungsgeschichte
Macht wohl auch niemand, außer dass das Schöpfungswerk biologisch betrachtet größer ist als die Bibel-Autoren es damals wussten. Schöpfung ist kein Idealisierungsvorgang, bei dem man weglässt, was nicht in die Moral passt. Der Vorwurf ginge an die Nachkommen und Hüter der Lehre, die es besser wissen könnten, wenn sie sich mal auf eine Kompatibilitätsprüfung zwischen Schöpfungsgeschichte und inklusiver Biologie und Neurowissenschaften einlassen würden. Literaturempfehlungen von Gerhard Roth angefangen über Milton Diamond bis hin zu Daniel C. Dennett wären schnell zur Hand.
Deutlicher treten die Wissenslücken im nächsten Abschnitt hervor, der den trans Menschen gilt. Da zeigt sich nun, was ein naturalistischer Fehlschluss ist. In "Dignitas infinita" heißt es: "Der Mensch besteht untrennbar aus Leib und Seele, und der Leib ist der lebendige Ort, an dem sich das Innere der Seele entfaltet und manifestiert, auch durch das Netz menschlicher Beziehungen." Einverstanden, sofern Seele durch Bewusstsein ersetzt wird. Dafür braucht der Mensch das Gehirn. Er ist zwar nicht sein Gehirn, aber ohne es wäre er kein Mensch.
Auch damit könnte ich einverstanden sein: "Zugleich sind wir berufen, unser Menschsein zu behüten, und das bedeutet vor allem, es so zu akzeptieren und zu respektieren, wie es erschaffen worden ist." Als trans Frau tue ich genau das: Ich lebe, wie ich erschaffen wurde. Aber die Glaubenswächter meinen es anders und deshalb kann ich damit nicht einverstanden sein. Vorher war noch von der Einheit von Leib und Seele die Rede, jetzt aber nur noch vom Leib. Womit wir wieder bei fortpflanzungsfähigen Frauen und Männern landen. Aus körperlichen Merkmalen und Funktionen moralische Urteile abzuleiten, ist und bleibt ein naturalistischer Fehlschluss.
Transsein ist gottgewollt
Als trans Frau akzeptiere und respektiere ich, wie ich erschaffen wurde. Denn das Transsein habe ich mir nicht ausgesucht. Und Gott macht bekanntlich keine Fehler. Oder, wie Albert Einstein meinte, Gott würfelt nicht. So oder so, trans zu sein ist keine Wahl. Die katholischen Glaubenswächter brauchten nur die Seele, die ich Bewusstsein nenne, mit einzubeziehen und hätten den richtigen Schlüssel, wenn auch noch keine naturwissenschaftliche Antwort, warum es trans gibt, außer dass es offensichtlich gottgewollt ist.
Die Theologin Gunda Werner bewertete es so: "Knapp vorbei ist auch daneben. Die Menschenrechte macht die Erklärung nicht wirklich stark, wenn sie sie nur nach außen einfordert, aber nicht nach innen. Von dem offenen Haus für alle, welches Papst Franziskus gerne beschreibt, bleibt die katholische Kirche nach dem nun veröffentlichten Schreiben weiterhin meilenweit entfernt. Aus unserer queeren Perspektive lesen wir die vorgelegten Regelungen aber als eine Fortsetzung der bestehenden Diskriminierung."
Ursula Wollasch ist ebenfalls Theologin und Sozialethikerin und hat jüngst ein Buch zum Thema "trans und katholisch" vorgelegt, erschienen im Patmos Verlag (queer.de berichtete). Es ist ein Plädoyer "Für eine Kirche, in der trans Menschen dazugehören". So engagiert, überfällig und unbedingt lesenswert das Buch auch ist, dass die darin vorgestellten Personen und Einrichtungen anonymisiert werden mussten, um von ihnen möglichen Schaden innerhalb der Kirche abzuwenden, verrät die ganze Malaise und zeigt, wie tief die Gräben innerhalb der Kirche sind.
Tabus vertragen sich nicht mit Offenheit
Von einer Sprach- und Handlungsfähigkeit ist die katholische Kirche in Sachen queer noch Welten entfernt. Tabus vertragen sich nun mal nicht mit Offenheit. Ursula Wollasch meint dazu: "Die Transidentität eines anderen Menschen ist eine Herausforderung, vielleicht so gar eine Zumutung, aber sie ist auch eine Chance, nicht nur ihn, sondern auch uns selber klarer zu sehen und besser kennenzulernen." Wie wahr. "Kein Verstehen des andern ohne ein verändertes Verstehen des Selbst", lautet die Erkenntnis der Philosophen Hubert Dreyfus und Charles Taylor.
Nein, wir müssen beim Thema trans nicht ständig wiederholen, dass es anatomisch zwei unterscheidbare Modelle mit Namen Frau und Mann gibt und wie wir uns vermehren. So blöd ist niemand, das nicht zu wissen. Aber das ändert nichts daran, dass es auch andere Frauen und Männer gibt und dass sich weiblich und männlich auf milliardenfache Weise leben lässt – hinzugerechnet die nichtbinären Menschen, die weder das eine noch das andere leben.
Schaut euch doch mal um. Menschen lieben und begehren Menschen, die mal Frauen oder andere Frauen, mal Männer oder andere Männer sind oder weder das eine noch das andere sind. Und Familie ist überall dort, wo ein Kind ist. Das heißt nicht, dass ich alle Menschen lieben muss, aber wohl, ihre Würde zu achten. Es wäre so einfach, Mensch zu sein, wenn das Menschsein dafür schon genügen würde.














