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Interview
Wie bekommt man Hunter Schafer ins Kinodebüt, Tilman Singer?
Heute startet der queere Horrorfilm "Cuckoo" mit trans Star Hunter Schafer im Kino. Wir sprachen mit Regisseur Tilman Singer über das Casting, Bayern als Hort des Schreckens und das Alberne in Gruselgeschichten.

Hunter Schafer in "Cuckoo" (Bild: Felix Dickinson / NEON)
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29. August 2024, 05:45h 6 Min.
Nach seinem preisgekrönten Uni-Abschlussfilm "Luz" landet der Leipziger Tilman Singer den nächsten Coup: Für seine Geisterbahn "Cuckoo" im bayrischen Alpenland fand der 36-Jährige ein renommiertes Studio in Hollywood, konnte trans "Euphoria"-Star Hunter Schafer verpflichten und bekam prompt eine Einladung zur Berlinale.
Erzählt wird in "Cuckoo" vom queeren US-Teenager Gretchen, die mit ihrem Papi und dessen neuer Familie in ein Ferienresort in den deutschen Alpen umzieht. Unter dem weißblauen Himmel lauert jedoch alsbald das Grauen… (ausführliche Filmkritik von Lina Heimann).
Wir hatten die Gelegenheit, uns mit Tilman Singer über den Film zu unterhalten.

Regisseur Tilman Singer (Bild: Weltkino)
Herr Singer, wie gut taugt Ihr Horror-Film zum ersten Date?
Auf alle Fälle kann man damit ein gutes, aufregendes Date haben. Der Film ist zum Teil auch Horrorfilm. Aber er lässt einen nicht zurück mit dem größtmöglichen Schrecken, sondern mit einer gewissen Hoffnung und einer gewissen Liebe. Jetzt vielleicht keiner romantischen Liebe, aber einem liebevollen Gefühl.
Wie war das Gefühl, nach dem Uni-Abschlussfilm nun das Kinodebüt mit einem höheren Budget und der Unterstützung von Hollywood zu drehen?
Es ist schon beängstigend, wenn man auf einmal verantwortlich ist für so viel Geld. Zugleich gibt es wirklich viele Gemeinsamkeiten. Wir hatten dasselbe Team und arbeiteten mit der gleichen Disziplin wie beim ersten Film. Alles war größer, aber Dreh ist Dreh. Die Zeit ist immer knapp, alles ist wahnsinnig anstrengend. Man verausgabt sich total – aber es ist einfach die schönste Sache, die ich mir vorstellen kann.
Wie kam es zu der Idee, Bayern zum Hort des Schreckens zu machen?
Vor allem in den USA denken alle, dass ganz Deutschland aus Bayern besteht. Überall sind Berge, jeder trägt Lederhosen. Mit diesem Image spielt der Film, ebenso wie mit dem Genre Märchen.
Wie bekommt man für ein Debüt einen Star wie Hunter Schafer?
Wie man das macht, das weiß ich auch nicht genau. Jedenfalls erweist es sich als ganz gut für die Finanzierung von einem Film. Mit Hunter hatten wir die US-Firma NEON als Produzenten an Bord. Hunter war begeistert von dem Drehbuch, und ich war begeistert von ihr. Zu jener Zeit war Hunter noch gar nicht so berühmt, immerhin sollte das Projekt bereits vor zwei Jahren stattfinden, doch dann machte uns Corona einen Strich durch die Rechnung.

Hunter Schafer und Tilman Singer am Set von "Cuckoo" (Bild: Felix Dickinson / NEON)
Kein schlechtes Timing, mittlerweile könnten Sie sich den Star kaum noch leisten?
Genau. Jetzt hätte ich keine Chance mehr! (lacht)
Ihr Star trägt im Film den Namen Gretchen. Da liegt eine Gretchenfrage nahe, nämlich wie halten Sie es mit der Gewalt? Wie blutig darf es zugehen? Wo liegen die Grenzen?.
Gewalt ist immer schwierig. Wenn es zu grafisch wird, gehen Schutzmechanismen bei uns an. Diese Art der Darstellung kann in Splatterfilmen großen Spaß bereiten. Aber wenn eine Szene ernst genommen werden soll, muss man vorsichtig sein. Ich wollte, dass wir ein kurzes Gewaltspektakel haben, welches sich dann zu etwas anderem entwickelt. Ich verrate jetzt nicht, was genau passiert. Nur soviel: Es ändert sich der Ton und das Gefühl, der Geschmack, der Geruch der Szene. Auf einmal entsteht eine Traurigkeit und etwas Realitätsnahes. Bei diesen Stimmungswechseln spielt kurz aufkommende Brutalität eine große Rolle: Gewalt wie ein Paukenschlag.

Poster zum Film: "Cuckoo" startet am 29. August 2024 bundesweit im Kino
In "Cuckoo" gibt es auch etliche Szenen der komischen Art. Warum passen Comedy und Horror so gut zusammen?
Ich weiß es nicht. Wir Menschen fügen uns seltsamerweise gerne selbst Leid zu, ob mit scharfem Essen oder Horrorfilmen. Wir gruseln uns gerne, weil wir gerne austesten, wie viel wir ertragen. Das begeistert und amüsiert uns. Nicht zuletzt stellt ein Horrorfilm im Grunde auch etwas Albernes dar. Übernatürlicher Horror ist oftmals einfach totaler Quatsch.
Die Grusel-Boomzeiten von "Das Cabinett des Dr. Caligari" und Co. sind längst vorbei. Das Genre hat Seltenheitswert, mit welchem Gefühl dreht man Horrorfilme hierzulande?
Bei meinem Debüt "Luz" dachte ich tatsächlich, den Film machen wir für uns alleine, kein Mensch wird diesen Film anschauen. Den viel größeren Erfolg hatte er prompt in den USA, wo er auch ins Kino kam. Mit Horrorfilmen hat man es schon schwer in Deutschland! Aber das lässt sich ja vielleicht ändern. Zum möchte ich persönlich gerne auf der ganzen Welt meine Filme drehen.
Haben sich die Weichen für die Liebe zum Horror bereits in der Kindheit gestellt?
Ich hatte eine gute Kindheit und eine gute Jugend! (lacht) Aber schon als kleines Kind war ich begeistert von Gruselgeschichten und Horror. Ich weiß noch, wie ich eine Woche bei meiner Oma verbrachte und sie genervt habe, dass sie mir alle Horrorgeschichten und Filme erzählt, die sie kennt. Ziemlich sicher kannte meine Oma keinen einzigen Film und hat sich einfach welche ausgedacht. Ich habe noch so vage eine Werwolf-Geschichte im Kopf, die sie mir erzählt hat. Viele Kinder haben eine Faszination mit Horror und Gewalt. Da steckt vielleicht irgendetwas im Instinkt bei uns.
Waren Sie mit der Grusel-Vorliebe ein bisschen der Außenseiter an der Filmhochschule?
Auf jeden Fall. Aber auch als Außenseiter habe ich die Zeit an der Kunsthochschule für Medien in Köln sehr genossen. Wir waren eine Gemeinschaft und haben uns alle gegenseitig beflügelt und in unseren Werken befruchtet. Das es eben eine Kunsthochschule und keine Filmhochschule war, bot sich ein extrem breites Spektrum von Dokumentarfilmen bis Kunstinstallationen. Insofern ist da jeder Außenseiter, weil jeder Film ganz anders ist.
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Zugleich thematisieren Horrorfilme oft gesellschaftliche Entwicklungen auf eine erschütternde Art und Weise, die in anderen Genres nicht ganz so möglich ist.
Ja, auf eine erschütternde und auf eine abstrakte Art und Weise. Du musst Dinge nicht beim Namen nennen und das willst du vielleicht auch nicht. Ich zum Beispiel bin sehr dankbar über jegliche Interpretation, die Menschen in "Cuckoo" sehen. Ich selbst halte mich bewusst mit Erklärungen zurück, weil ich dann die Sache verkleinern würde.
Welche Chancen und Gefahren sehen Sie durch Künstliche Intelligenz für das Kino?
Derzeit sieht Chat GPT aus wie ein Werkzeug wie Google. Ich glaube nicht, dass es derzeit etwas wirklich Vernünftiges schreiben kann. Bei zunehmender Entwicklung wird sicher das Menschliche, das per Hand Gemachte immer wichtiger. Auch aus diesem Grund haben wir "Cuckoo" auf Filmmaterial gedreht. Und zwar nicht nur wegen des Looks, sondern aufgrund der Art und Weise, wie man damit arbeiten muss. Alles ist umständlich und erlaubt nur wenige Takes. So eine 35-Millimeter-Kamera muss man mit drei Leuten bewegen, alles dauert einfach sehr lange und erfordert eine sorgfältige Planung. Das ist eine großartige Sache, weil man so eine Körperlichkeit in den Film bekommt, die mir total wichtig ist.
Cuckoo. Horrorfilm. Deutschland, USA 2024. Regie: Tilman Singer. Cast: Hunter Schafer, Dan Stevens, Jessica Henwick, Marton Csókás, Jan Bluthardt, Greta Fernández, Astrid Bergès-Frisbey, Proschat Madani. Laufzeit: 102 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Kinostart: 29. August 2024
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