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Musikfestival

Lollapalooza Barock: Nils Wanderer entfesselt Synergien zwischen Oper und Elektro

Als erster Opernsänger in der Festivalgeschichte wird Nils Wanderer am 7. September Lollapalooza Berlin eröffnen. Der queere Countertenor setzt das künstlerische Erbe von Klaus Nomi fort, ohne diesen zu imitieren.


Countertenor Nils Wanderer studierte Gesang an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar
  • Von Monika Hempel
    1. September 2024, 08:17h 7 Min.

1982 erschien in Europa ein Musikalbum, das die Mitarbeiter in den Schallplattenläden vor ein Problem stellte: Wo sollten sie es einsortieren? In der Klassikabteilung? Schließlich enthielt es zwei Arien aus Henry Purcells Barock-Oper "Dido and Aeneas" sowie zwei auf einem Lied des elisabethanischen Komponisten John Dowland basierende Stücke. Oder doch eher in der Pop/Rock/New Wave-Sparte? Auch das erschien nicht vollkommen schlüssig, fanden sich auf der Scheibe doch neben aktuellen Titeln auch Interpretationen von Filmmusiken aus "Der blaue Engel" (1930) und "Der Zauberer von Oz" (1939).

"Simple Man" lautete der Titel des Albums, reine Ironie, denn der Sänger und Performancekünstler Klaus Nomi war alles andere als simpel gestrickt. Ein schillerndes Hybridwesen aus Mensch, Maschine und Marsianer, widersetzte er sich hartnäckig jeglichen Einordnungsversuchen in Gender- und Genrekategorien, traute sich, Gegensätze nicht nur stehenzulassen, sondern sie auch auszuleben. Mit großer Selbstverständlichkeit sang er die Arien der Violetta aus "La Traviata", der Elisabeth aus "Tannhäuser" und der Dalila aus "Samson et Dalila", wo immer er eine Bühne fand – am Tresen der Schöneberger Kneipe "Leuchtturm", im Foyer der Deutschen Oper in Berlin, in den Punk- und New-Wave-Clubs in Manhattan. Und mit ebenso großer Selbstverständlichkeit kreierte er auf seinen Alben sein eigenes musikalisches Universum aus klassischer Musik, Neukompositionen, Coverversionen von 1960er-Jahre-Hits und 1970er-Jahre-Disconummern.


Klaus Nomi (1944-1983) bei einem Auftritt Anfang der 1980er Jahre (Bild: IMAGO / United Archives)

"Schubladen sind für Schränke, nicht für Musik", sagte kürzlich der Countertenor Nils Wanderer. Sein erklärtes Ziel, als "Wanderer zwischen den Welten" nicht nur die Grenzen zwischen den musikalischen Genres zu überschreiten, sondern auch die synergetischen Effekte zwischen Barockoper und Elektro-, Industrial- und Technosounds zu entfesseln, wird er am 7. September 2024 auf der Bühne des Olympiastadiums in Berlin umsetzen. Als erster Opernsänger in der Festivalgeschichte wird er Lollapalooza eröffnen.

"Klaus Nomi war meine erste große künstlerische Inspiration"

Für Nils Wanderer ist der Auftritt vor einem diversen, vielfältigen Publikum auf einem der größten Festivals in Deutschland ein besonderes Geschenk. Mit seinem um die zentralen Themen Liebe, Leid und Tod kreisendem musikalischen Programm möchte er ein Zeichen der Hoffnung setzen und die queere Liebe in allen Lebens- und Kunstbereichen zelebrieren. Außerdem freut er sich als Fan von Sam Smith darauf, die britische Ikone live auf der Bühne zu erleben, in das Festivalatmosphäre einzutauchen und neue Menschen zu treffen.

Schon die Vorbereitung auf das Lollapalooza-Festival war für Nils Wanderer eine besondere Erfahrung. Im Atomino-Studio in Erfurt tüftelte er mit dem Musiker und Produzenten Friethjof Rödel, der mit ihm in Berlin auf der Bühne stehen wird, mehrere Wochen an seinem Programm, das von Monteverdi über eigene Kompositionen einen Bogen zu Henry Purcells "Dido and Aeneas" – und damit zu Klaus Nomi – schlagen wird.

"Klaus Nomi war meine erste große künstlerische Inspiration", sagt Nils Wanderer. Eine generationenübergreifende Inspiration, denn Nomi war, als Nils Wanderer geboren wurde, schon seit zehn Jahren tot. Er starb 1983 im Alter von nur 39 Jahren an den Folgen seiner Aids-Erkrankung.

Direktlink | Klaus Nomis Arie aus "Dido and Aenaes"
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Wanderer entdeckte Nomi durch seine Kontakte im "King's Club", der Heimat der queeren Szene in Stuttgart. Er war fasziniert von Nomis extravagantem Erscheinungsbild, von seiner Selbststilisierung als Außerirdischer. Und er war gefesselt vom Charakter seiner Stimme, ihrer Ausdrucksstärke und Leidenschaftlichkeit.

Wanderer und Nomi wollten schon immer Sänger werden

Beide Künstler wollten schon immer Sänger werden. Der als Klaus Sperber geborene Nomi lebte seine Ambition zunächst im Verborgenen aus, das einzige Publikum seiner frühen Gesangsdarbietungen war seine Tante. Nils Wanderer wurde im Alter von fünf Jahren für einen Knabenchor gecastet, stand bereits ein Jahr später als erster Knabe in der "Zauberflöte" auf der Bühne. Für beide war klar, dass der Countertenor ihre natürliche, authentische Stimme ist. Klaus Sperber stieß mit diesem Selbstverständnis Mitte der 1960er Jahre in seinem Gesangsstudium in Deutschland auf massive Widerstände; die Vorstellung, eine Solistenkarriere als Countertenor anzustreben, schien zu dieser Zeit lächerlich. Frustriert brach er das Studium nach wenigen Monaten ab. Sein Lebenstraum, einmal auf einer der großen Opernbühnen der Welt zu stehen, blieb unerfüllt. Was ihn nicht daran hinderte, über zahlreiche Umwege und mit viel Improvisationstalent einer der originellsten Sänger der an originellen Sängern nicht armen 1980er Jahre zu werden, der auch heute noch Musiker, Schauspieler, Tänzer und Performancekünstler inspiriert.

Nils Wanderer setzt das künstlerische Erbe Nomis fort, ohne ihn zu imitieren. Er hat eine eigenständige Bühnenfigur kreiert, die eleganten Schulterpolster seines heutigen Outfits ein spielerischer Verweis auf den starren, überdimensionierten Vinylsmoking Nomis. Auch in "Don't you Nomi?", einer von Nils Wanderer angeregten und von der Regisseurin Julia Lwowski und ihrem Kollektiv "Hauen und Stechen" inszenierten Mischung aus Theater und musikalischer Revue geht es nicht darum, Nomis Lebensgeschichte abzubilden, sondern durch die Aufsplitterung des Protagonisten in unterschiedliche Bühnenfiguren die mit seiner Person verbundenen Themen auszuleuchten (queer.de berichtete).

Eine internationale Karriere


Nils Wanderer ist aktuell "Artist in Residence" am Mecklenburgischen Staatstheater

Gefragt nach einem Konzert, das ihn besonders geprägt hat, nennt Wanderer seinen Auftritt im Teatro Massimo, dem größten Opernhaus Italiens, in Palermo auf Sizilien. 2017 sang er dort in der "Johannespassion" von Bach die Altus-Arien. Es folgten zahlreiche Engagements im In- und Ausland, er sang Hauptpartien in Opern und Oratorien bei den Salzburger Festspielen, in der Opera de Lille, dem Vatikan in Rom, den Händelfestspielen in Halle, im Barbican Centre in London, in Schloss Versailles, in der Philharmonie de Paris und im L'Auditori Barcelona. Gleichzeitig arbeitet er als Choreograf und Regisseur und schreibt eigene Songs. Wanderer ist ehrenamtlich bei der Deutschen Aids-Stiftung tätig, macht sich öffentlich für die gute Sache stark, singt regelmäßig bei der Aids-Gala.

Endgültig durch die Decke ging seine Karriere 2022: Wanderer gewann den Bundeswettbewerb Gesang in Berlin und, als erster Deutscher und bisher einziger Countertenor, den zweiten Preis beim internationalen Operalia-Wettbewerb. Ein Jahr später stand er in Peter Plates und Ulf Leo Sommers "Romeo und Julia – Liebe ist alles" zum ersten Mal in einem Musical auf der Bühne. Mit der von Nils Wanderer kongenial umgesetzten Partie des Todesengels gedachte Peter Plate seines musikalischen Idols Klaus Nomi. Der neu konzipierte Todesengel sei ein "Kniefall vor Klaus Nomi", verriet Plate (queer.de berichtete). Dieser "Kniefall" führte unter anderem dazu, dass Musicalfans, die vorher noch nie eine Oper oder einen Konzertsaal betreten hatten, Nils Wanderers Liederabende und Opernauftritte besuchten.

Direktlink | Nils Wanderer in "Romeo und Julia – Liebe ist alles"
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Für die Spielzeit 2024/25 stellte sich Nils Wanderer im Juli als "Artist in Residence" am Mecklenburgischen Staatstheater dem Publikum in einem Open-Air-Konzert im Schweriner Schlosspark vor. Er begeisterte mit einer fulminanten Mischung aus Oper, Musical, Folk und Pop. Für die Eröffnung des Abends hatte er den "Cold Song" gewählt, eine ursprünglich für einen Bass geschriebene Arie aus Henry Purcells Oper "King Arthur". Damit zollte er einmal mehr seinem großen Vorbild Klaus Nomi Tribut. Dieser hatte das Stück in die Countertenorlage transponiert und zu seiner Signaturarie gemacht. Unvergessen sein Auftritt bei Eberhard Schoeners live vom Bayerischen Rundfunk übertragenen dritten Klassik-Rock-Nacht in München 1982. Ausgezehrt und zerbrechlich, im Gewand eines Renaissance-Edelmanns mit rotem Wams, Paukenhose und weißer Halskrause, welche die unverkennbaren Male seiner Aids-Erkrankung verbarg, erschien er auf der Bühne. Er sang nicht nur, er lebte die Arie – bis zum bitteren Ende: "Let me let me. Freeze again to Death!"

Bei Lollapalooza steht Wanderer für die erwünschte Diversität

Und nun das Livedebüt des Projekts "Wanderer" auf dem Lollapalooza-Festival in Berlin. In den letzten Jahren besuchten jeweils geschätzt 85.000 Zuschauer*­innen das zweitägige Festival, das dieses Jahr unter anderem mit den Headlinern Sam Smith, Martin Garrix, Burna Boy, OneRepublic und The Chainsmokers aufwartet. Lollapalooza Berlin hat sich Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben; durch die Bereitstellung von Awareness Teams und einen Awareness Info Point soll gewährleistet werden, dass alle Festivalbesucher*­innen abseits von diskriminierendem Verhalten feiern können und jegliche Formen von Rassismus, Sexismus und Homophobie nicht toleriert werden. Nils Wanderer steht mit seinem Programm exemplarisch für die erwünschte Diversität und das offene Miteinander.

Was wird passieren, wenn Nils Wanderer sein erstes Album veröffentlicht? Zwar sind die Schallplattenläden der 1980er Jahre, deren Mitarbeiter sich bei der Einsortierung von Klaus Nomis LPs überfordert sahen, trotz des Vinyl-Revivals zunehmend rar geworden, doch es lässt sich nicht ausschließen, dass sein die Grenzen zwischen Klassik und Elektro-, Industrial- und Techno aufsprengendes Werk auf der einen oder anderen Streaming-Plattform für Verwirrung sorgen wird. Mit Sicherheit wird es allerdings die ebenso banale wie fundamentale Erkenntnis fördern, dass die verschiedenen Arten und Genres von Musik – ebenso wie die Menschen – letztendlich alle einen gemeinsamen Ursprung haben.

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