Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?50805

Abfuhren, Lügen, Ghosting

Online-Dating kann sogar zu einer Art Burnout führen

Anhaltender Stress und Frust beim Online-Dating könnten zu dem psychosomatischen Syndrom führen, warnt die Psychologin Wera Aretz. Betroffen seien etwa 14 Prozent der Nutzer*innen von Dating-Plattformen.


Symbolbild: Schwule Dating-Apps auf einem Smartphone
  • 3. September 2024, 06:09h 5 Min.

In einer Hand liegt das Smartphone, die andere öffnet die App. Der Blick fällt auf ein fremdes Gesicht. Nur wenige Sekunden vergehen, bevor die Entscheidung fällt: Gefällt mir diese Person – oder nicht? Dann geht es Klick auf Klick.

Online-Dating ist längst kein neues Phänomen. 20 Millionen Deutsche haben Tinder, Grindr, Parship, Bumble und Co. bereits genutzt, wie aus einer Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom von 2022 hervorgeht. Rund 60 Prozent davon haben demnach schon einmal eine oder mehr feste Beziehungen über das Online-Dating gefunden. Bitkom Research hatte 1.005 Menschen in Deutschland ab 16 Jahren befragt.

Unsicherheit bei jungen Menschen

Insbesondere junge Menschen fühlen sich angesichts der vielen Optionen bei der Partner*innen-Suche oft unsicher. Das fand eine Untersuchung aus Indien heraus, die kürzlich bei einer Konferenz in Prag präsentiert wurde. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer*innen von meist 18 bis 30 Jahren gab an, bei der Partner*innen-Suche irritiert zu sein – Frauen häufiger als Männer.

Gründe könnten den Forscher*innen zufolge bearbeitete Fotos und die Vielzahl der Optionen im Internet sein. Wenn man dort täglich mit manipulierten Bildern konfrontiert sei, steige bei vielen Menschen die Erwartung an potenzielle Partner*innen. Hinzu komme die Masse an möglichen Partner*innen in Dating-Apps und sozialen Medien, berichtet das Team um Chayan Munshi von der Ethophilia Research Foundation in Santiniketan. In sozialen Medien werden junge Menschen demnach zudem oft mit sexuell stimulierenden Inhalten überschüttet. Auch das verschiebe die Realität und die Erwartungen an potenzielle Partner*innen.

Dating-Burnout

Wera Aretz, Paartherapeutin und Psychologin an der Hochschule Fresenius in Köln, warnt vor einem Dating-Burnout. Anhaltender Stress und Frust beim Online-Dating könnten zu dem psychosomatischen Syndrom führen, schreibt sie im "Journal of Business and Media Psychology". Dating-Burnout sei zwar keine eigenständige Krankheit, äußere sich aber unter anderem in emotionaler Erschöpfung, Zynismus und verminderter Leistungsfähigkeit. Betroffen seien schätzungsweise 14 Prozent der Nutzer*innen von Dating-Plattformen.

Risikofaktoren sind besonders die Monotonie beim immer wieder Über-den-Bildschirm-Wischen, um eine interessante Person kennenzulernen. Manche Menschen würden stundenlang Profile lesen, dieselben Nachrichten schreiben und am Ende ohne Date dastehen. Auch Ghosting, also plötzlich ignoriert oder geblockt zu werden, stelle ein Risiko für Dating-Burnout dar. Ghosting kann jeden treffen – beim Texten oder nach einer Verabredung. Anfällig für Dating-Burnout sind laut Studie besonders diejenigen, die ohnehin ein geringes Selbstwertgefühl oder Bindungsängste haben.

Gerecht ist das Ganze ohnehin nicht: "Online-Dating ist überhaupt nicht fair", sagt Johanna Degen, Sozialpsychologin und Paartherapeutin in Flensburg. "Online-Dating ist super sexistisch und diskriminierend. Sie sehen ja auf den Dating-Apps auch kaum Menschen mit Behinderung."

Schummeln, Lügen und Optimieren

Vielleicht gerade deshalb möchten Menschen sich von ihrer besten Seite präsentieren und von anderen abheben, meint Degen. Sie warnt aber: "Je mehr ich mein Profil optimiere, desto mehr Stress habe ich, weil ich mit dieser perfekten Version von mir selbst als Identität und beim Date dann auch damit konfrontiert werde, die Enttäuschung beim Anderen zu erleben."

Paartherapeutin Aretz kennt diese Selbstoptimierung auch von ihren Klient*innen. Männer schummelten bei ihrer Größe, Frauen hingegen verjüngten sich auf ihren Profilen. Auch beim Bildungsstand wird getrickst, und dass das Gegenüber wirklich Single ist, kann auch gelogen sein.

Mehrgleisig fahren

Und das ist anscheinend keine Seltenheit, zeigt die insgesamt sehr heterosexuelle Forschung. So fanden die Wissenschaftler*innen aus Indien heraus, dass sogar manche Menschen, die bereits in einer festen Partnerschaft sind, Dating-Plattformen nutzen. Aretz sagt, trotz Partnerschaft zu daten sei jedoch nicht immer schlimm. Unter bestimmten Voraussetzungen, wie etwa einer offenen Beziehung, könne solches Online-Dating auch etwas Positives sein. Oder wenn man gemeinsam als Paar mit einer dritten Person seine Sexualität erforschen wolle. Aber: "Wenn man davon ausgeht, dass ein Partner nicht weiß, dass der andere Partner Online-Dating betreibt, kann es natürlich zu großen Irritationen kommen", sagt die Psychologin.

Die weltweite Auswahl

Einen generellen Vorteil der virtuellen Partner*innen-Suche sieht Aretz darin, dass man so auch über weite Distanzen potenzielle Partner*innen kennenlernen kann. So führe Online-Dating dazu, dass es mehr Paare mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gebe. Auch spielten gesellschaftliche Schichten eine geringere Rolle. "Die größte Chance ist, dass wir auf eine sehr bequeme und spielerische Art nebenbei mit einer schier unglaublich großen Anzahl von Personen in Kontakt kommen, die wir auf dem Weg zum Studium, zur Arbeit oder im Supermarkt nicht kontaktieren könnten. Und zwar auch noch Leute mit unterschiedlichen soziokulturellem Hintergrund", sagt die Psychologin. "Ich kann ja per Klick Leute in Indien, in der Türkei, in Griechenland – auf der ganzen Welt kennenlernen."

Und auch, wenn es ein anhaltendes Vorurteil ist: Auf Dating-Apps suchen Menschen nicht nur nach einmaligen sexuellen Bekanntschaften – One-Night-Stands. Die Bitkom-Umfrage hat ergeben, dass sich nur sechs Prozent der Nutzer*innen Sex zum Ziel gesetzt haben. 71 Prozent sehnen sich nach einer festen Beziehung. Bei der angeblich repräsentativen Studie wurde nicht nach der sexuellen Orientierung der Teilnehmer*innen unterschieden.

Wie datet man erfolgreich?

Einige Paartherapeut*innen empfehlen kostenpflichtige Apps, um eine bessere Hälfte zu finden – Bezahlende meinten es ernster. Für junge Menschen ist es Aretz zufolge jedoch mitunter besser, Gratisseiten wie Tinder oder Okcupid zu verwenden, weil die Zielgruppe dort jünger sei.

Natürlich ist jeder Mensch anders und hat individuelle Wünsche an eine*n Partner*in. Wichtig sei, sich nicht zu verstellen und beispielsweise nur die besten Bilder von sich selbst auszuwählen und die besten Eigenschaften von sich aufzuzählen, sagt Aretz. Man müsse nur denen gefallen, an denen man selbst interessiert sei. Um die richtige Person zu finden, müsse man alle anderen mit Hilfe der eigenen Ehrlichkeit aussortieren: "Um die Nadel im Heuhaufen zu finden, musst du den Heuhaufen abbrennen."

-w-