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Interview zum Heimkinostart
Hat sich nach Ihrem Film etwas verändert, Virginie Verrier?
Das Biopic "Marinette" über die französische Fußballerin Marinette Pichon greift mit der Abwertung des Frauensports und Gewalt in lesbischen Beziehungen mehrere Tabuthemen auf. Wir trafen die Regisseurin zum Interview.

Szene aus "Marinette – Kämpferin. Fußballerin. Legende." (Bild: Vigo Films / France 3 Cinéma / Beside Films)
- Von Lina Heimann
5. September 2024, 04:31h 7 Min.
Virginie Verrier ist Drehbuchautorin, Regisseurin und Mitproduzentin des Biopics "Marinette – Kämpferin. Fußballerin. Legende." (Amazon-Affiliate-Link ) über die lesbische Profifußballerin Marinette Pichon aus Frankfurt. Thematisiert werden sowohl ihre beeindruckenden Erfolge als auch die Gewalt, die die Sportlerin in ihrer Familie und in einer früheren Beziehung ausgesetzt war (ausführliche Filmkritik). Das Biopic, das seit 22. August 2024 zum Streamen erhältlich ist, erscheint am Donnerstag auch auf DVD.
Wir sprachen mit Regisseurin Verrier über die Zusammenarbeit mit Pichon, was ihr wichtig war beim Darstellen von lesbischen Beziehungen sowie über prekäre Strukturen im französischen Frauenfußball.

Regisseurin Virginie Verrier (Bild: privat)
Das Hauptthema in Marinette ist natürlich der Fußball. Welche Beziehung haben Sie zu dem Thema Fußball?
Gar keine. (lacht) Für mich ist Fußball nicht das Hauptthema, aber vielleicht hilft es zu wissen, dass ich sportlich sehr aktiv war und eine Ex-Sportlerin bin.
Die Autobiografie von Marinette Pichon stellt die Grundlage für den Film dar. Wie war der Prozess der Zusammenarbeit mit Marinette Pichon?
Ich habe Interviews mit ihr und ihrer Familie geführt und danach habe ich meine Arbeit als Drehbuchautorin gemacht. Am Drehbuch schreiben war sie nicht beteiligt.
Hat Marinette Pichon das Drehbuch vor der Veröffentlichung gelesen?
Ich habe das Drehbuch im Anschluss an die Gespräche geschrieben, habe es ihr dann aber nicht geschickt, weil ein Drehbuch etwas Besonderes ist. Ein Drehbuch kann man nicht einfach zum Lesen schicken, wenn jemand sich damit nicht auskennt. Deshalb habe ich es Marinette und ihrer Frau vorgelesen. Wir haben vier Stunden damit verbracht, und ich habe ihr Szene für Szene vorgelesen und erklärt, was in den Szenen passieren wird und welche Gefühle ausgelöst werden sollen. Am Ende hat sie gesagt: "Mach!" Es gab keine Kritik, nicht mal ein Komma wurde verändert.
Ein Drehbuch funktioniert nicht wie ein Buch, sondern ist sehr speziell. Deshalb wollte ich ihr lieber jede Sequenz und jede Emotion erklären.
Es geht im Film auch immer wieder um Marinettes Beziehung zu Frauen. Mir hat gefallen, wie unaufgeregt ihre lesbische Identität behandelt wird. Wie sind Sie an das Thema herangegangen?
Das ist genau das, was ich darstellen wollte. So, dass es einfach selbstverständlich ist. Es ist kein Coming-of-Age Film oder ein Film über ein Coming-out, sondern ein Film über ihre Arbeit und ihre Ausdauer. Ja, es ist wichtig, aber es ist für mich auch einfach selbstverständlich.

Garance Marillier spielt die Fußballerin Marinette Pichon (Bild: Vigo Films / France 3 Cinéma / Beside Films)
Es gibt wenige Filme, die Gewalt in romantischen Beziehungen zwischen Frauen thematisieren. Auch gesellschaftlich wird die Thematik eher weniger besprochen. Was war Ihnen beim Schreiben und beim Dreh dieser Szenen wichtig?
Es ist eine szenische und emotionale Parallelsetzung der Situation, die Marinette schon als Kind erlebt hat. Für mich ging es darum zu zeigen, wie es in einer gewissen Art und Weise eine Wiederholung gibt und wie Marinette in diese alten Gefühle und in diese alten Muster zurückkehrt. Es sind aber nicht nur emotionale Muster, sondern auch gewählte Muster der Inszenierung. Am Anfang gibt es beispielsweise eine Szene, in der Marinette nach Hause kommt und zu ihrem Vater sagt: "Wir haben gewonnen und ich habe das entscheidende Tor geschossen". Währenddessen sitzt der Vater auf dem Sofa und beachtet sie kaum. Die gleiche Art der Inszenierung habe ich dann versucht mit der Freundin darzustellen.
Bei der Szene, die Marinette im Erwachsenenalter erlebt, war für mich wichtig, dass es kein Geheimnis ist, sondern, dass ihre Freundinnen und ihre Arbeitskolleginnen ihr beistehen und ihr helfen, aus der Situation wieder herauszukommen. Es war mir dabei auch wichtig zu zeigen, wie eine Gruppe sich solidarisch verhält und jemandem helfen kann, aus so einer Gewaltsituation wieder herauszufinden.
"Marinette" ist der erste französische Film über eine Sportlerin. Woran liegt das? Und was müsste sich ändern, damit es mehr gibt?
Das ist der Grund, warum ich den Film produziert habe. Es war unmöglich, diesen Film in Frankreich zu produzieren. Aber, es gibt insgesamt keine Sportfilme in Frankreich, es ist generell das erste Biopic über eine*n Sportler*in. In den USA ist man diese Filme gewöhnt, weil Sport ein wichtiger Teil der Kultur ist, aber wir haben diese Kultur nicht.
Es ist zudem so, als wäre der Frauensport so etwas wie ein separater Bereich. Der Frauensport wird nicht wirklich betrachtet, es ist, als würde er komplett im Hintergrund verschwinden. Als ich mit einem Produzenten über den Film gesprochen habe, hat er gesagt: "Frauenfußball ist so langweilig. Außerdem ist sie lesbisch, niemand wird diesen Film im Kino sehen wollen.". Frauensport wird also grundsätzlich nicht der Wert beigemessen, der ihm eigentlich zusteht.
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Im Film wird sehr deutlich, dass die Strukturen im französischen Frauenfußball fehlen. Ist Ihr Eindruck, dass sich die Situation inzwischen etwas verändert hat und Sportlerinnen mehr Aufmerksamkeit bekommen als damals Marinette Pichon?
Ein kleines bisschen, auf Grund von den Sozialen Medien. Wenn man heute Fußballspielerin ist, dann kann man einen Instagram-Account haben, und inzwischen gibt es zwei große Teams in Frankreich: Paris St. German und Olympique Lyon. Lyon ist achtmaliger Gewinner der Champions League. Die restlichen Spielerinnen sind noch in der gleichen Situation. Es gibt Lyon und PSG und danach nichts, es gab keine Veränderungen in den letzten 20 Jahren.
In den USA ist die Situation eine andere, aber in Europa ist es nur in England und Spanien anders. Dort wird sich um den Frauenfußball gekümmert, die Frauen spielen in großen Stadien wie in Wembley. Aber in Frankreich ist das nicht so, der Frauenfußball eine Art Witz für Männer. Allerdings nicht für alle Männer – einige sagen, dass sie Frauenfußball mögen, weil es wie altmodischer Männerfußball ist, bevor so viel Geld involviert war. Ich erinnere mich an ein Spiel von Lyon, bei dem ein Typ im Stadion war, der ein Schild hielt, auf dem zu lesen war: "Geht in die Küche". Nur um zu beleidigen, hatte sich dieser Typ ein Ticket gekauft.
Mit den französischen Institutionen gehe ich insgesamt sehr ernsthaft um, weil vieles nicht funktioniert. Während der Promotionsphase von "Marinette" hat uns der Präsident des französischen Fußballverbandes angerufen und gesagt: "Die Dinge werden sich verändern." Ich bin da sehr streng, ich hatte eigentlich gar keine Lust mit ihm zu sprechen. Marinette hat dann mit ihm gesprochen.
Glauben Sie, dass sich – zum Beispiel durch die Aufmerksam des Präsidenten des Fußballverbandes – etwas verändern wird?
Es gibt inzwischen einen neuen Präsidenten. Kurz bevor der Film rauskam, musste der Alte zurücktreten, da er Menschen sexuell belästigt hat. In Bezug auf den Neuen: Ich sehe nicht, dass sich im Moment etwas ändert, es ist nur Gerede. Es gibt zwar eine Absichtserklärung, aber bisher keinen Willen, Änderungen durchzusetzen.
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Ich habe gelesen, dass Sie Garance Marillier auf Instagram folgten und sie dann für den Film angefragt haben. Warum war sie die Richtige, um Marinette Pichon zu spielen?
Ich habe beim Schreiben des Drehbuchs ihr Instagram-Konto gesehen und ein Video hat mich in dem Moment wirklich begeistert. Sie war damals Anfang oder Mitte zwanzig, und das war auf jeden Fall die Altersgruppe, in der ich eine Schauspielerin gesucht habe. Die Schauspielerin musste ja jemanden vom 16. bis zum 32. Lebensjahr spielen können.
Ich hatte tatsächlich zwei Möglichkeiten: Entweder ich suche mir eine Fußballerin und wir bringen ihr Schauspielern bei oder eine Schauspielerin, die sich für Sport interessiert und die wir zum Fußball bringen. Und als ich Garance Marillier dann beim Fußballspielen sah, war für mich klar: Du bist die Erste, die das Drehbuch bekommt, wenn es fertig ist.
Wer sollte Ihren Film anschauen, für wen ist er vielleicht besonders?
Für alle. Für Männer und Frauen. Jemand erzählte mir, dass sie ein Film-Screening für kleine Mädchen organisieren werden. Und ich habe gesagt: "Ja, aber bitte auch mit kleinen Jungen." Es ist wichtig, dass auch sie eine Ikone und einen Champion wie Marinette auf der großen Leinwand sehen. Der Film ist also für alle Leute!
Marinette – Kämpferin. Fußballerin. Legende. Biopic. Frankreich 2023. Regie: Virginie Verrier. Cast. Garance Marillier, Emilie Dequenne, Alban Lenoir, Fred Testot. Sylvie Testud. Laufzeit: 95 Minuten. Sprachen: deutsche Synchronfassung, französische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Atlas Film. Erhältlich zum Streamen und auf DVD
Links zum Thema:
» "Marinette – Kämpferin. Fußballerin. Legende." bei Prime Video
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