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Kirchengeschichte
So queer ist Jesus!
In seinem aufschlussreichen Buch "Christus (m/w/d). Eine Geschlechtergeschichte" beschreibt der Kirchenhistoriker Anselm Schubert, wie Jesus in den letzten 2.000 Jahren abwechselnd männlich, weiblich, androgyn, inter, schwul und queer gesehen wurde.

Transparent "Jesus is queer" beim London Pride 2019 (Bild: IMAGO / Dreamstime)
- Von
8. September 2024, 08:41h 5 Min.
Auf knallrotem Grund prangt jener sexy Jesus auf dem Buchcover, mit dem der spanische Künstler Salustiano Garcia Cruz zur Semana Santa, der Karwoche in Sevilla für Aufregung sorgte. Ein schwuler Jesus – geht denn das? Und ob das geht. Und es geht vor allem noch viel mehr, wenn wir in die theologischen Debatten der letzten 2.000 Jahre einsteigen, wie das jetzt der Kirchenhistoriker Anselm Schubert mit dem im Verlag C. H. Beck erschienenen Buch "Christus (m/w/d). Eine Geschlechtergeschichte" (Amazon-Affiliate-Link ) für uns tat.
Was Schubert aus dem Archiv der katholischen Kirche zur Geschlechtsfrage in Sachen Gottessohn alles hervorholt, ist wirklich unglaublich und vermittelt uns die Einsicht eines Anything goes im Glauben. Denn tatsächlich war Christus bis heute schon so ziemlich alles gewesen, was menschliche Fantasie zu denken in der Lage war. Jesus erscheint als eine schier grenzenlose Projektionsfläche für die sich wandelnden mentalen Bedürfnisse, angefangen von der Frühzeit über das Mittelalter und das Zeitalter der Aufklärung bis in die Moderne unserer Tage hinein. Ein Ende der Deutungen ist nicht absehbar.
Dabei führt Jesus ohnehin eine Doppelexistenz, nämlich als ein göttliches Wesen und Teil der heiligen Dreifaltigkeit und schließlich als eine historische Gestalt, die einst auf dem staubigen Boden dieser Welt wandelte, um Wunder zu vollbringen und Prophezeiungen zu verkünden. Beides zusammenzudenken, nämlich den menschgewordenen Gott und seine Göttlichkeit, das ist für sich schon eine buchstäblich olympische Denkaufgabe. Wobei Kirchenväter und -mütter damit zugleich eine Lebensaufgabe gefunden haben, nämlich Deutungshoheit zu beanspruchen.
Geschlecht als kulturelle Konstruktion

Das Buch "Christus (m/w/d)" ist Ende August 2024 im Verlag C.H. Beck erschienen
Das Buch versuche nicht, so der Autor, eine dogmatisch "richtige" Antwort auf die Frage zu geben, welches Geschlecht Jesus Christus im Christentum hat, vielmehr behandelt es die Frage "vor dem Hintergrund der sich langsam, aber stetig wandelnden Geschlechterordnung in der Geschichte". Daraus ergibt sich der schöne Nebeneffekt, dass wir nicht nur ständig neue Deutungen über die Geschlechtlichkeit Christi präsentiert bekommen, sondern Geschlecht überhaupt als kulturelle Konstruktion erfahren. Bestätigt wird damit, dass die Gleichsetzung von biologischem und sozialem Geschlecht eine kulturelle Vorentscheidung bedeutet. Diese Einsicht hat es freilich bislang noch nicht bis zum Vatikan geschafft.
Schuberts Gang durch die Kirchengeschichte beschert uns einen vielgestaltigen Jesus, der abwechselnd männlich, weiblich und androgyn gesehen wurde oder auch alles zusammen, mal verheiratet und mal Witwer war, der für schwul und queer erklärt und bei dem schließlich noch Intergeschlechtlichkeit angenommen wurde. Das Spektrum an Deutungen lässt wirklich keine Möglichkeit aus. Auch die Frage nach der Sexualität wurde über die Epochen hinweg immer wieder kontrovers diskutiert. Eine Zeitlang verehrte man sogar die Vorhaut des beschnittenen Jesus, die aber als Reliquie gleich in mehreren Exemplaren existierte.
Jesus als gebärende Mutter
Gewiss, das meiste davon war metaphorisch gedacht, aber genau dieser Umstand hat die Fantasie besonders beflügelt. Bis zum Mittelalter wurde Jesus immer wieder mal als gebärende und nährende Mutter interpretiert, aus deren Brüsten die Menschen Milch, Weisheit oder Erlösung saugen und aus deren Uterus der fromme Gläubige wiedergeboren werde. Paradoxes stand also stets hoch im Kurs.
Mit der Mystik war es dann ab dem 16. Jahrhundert erst einmal vorbei, obschon weibliche Inkarnationen Christi virulent blieben, ausgelöst durch "das Unbehagen an einer durch einen männlichen Christus irgendwie unvollendet gelassenen Heilsgeschichte". Parallel zur Alchemie wird schließlich die Androgynität Gottes favorisiert. Aber auch damit ist es spätestens mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert vorbei und erst recht im 19. Jahrhundert, wo nun eine Vermännlichung Christi zu beobachten ist und Jesus zum "wahren Mann" wird.
Dass Jesus in unserer Zeit auch noch queer wurde, konnte angesichts einer sehr interpretationsfreudigen Queer Theory nicht ausbleiben, die dazu noch einen "Queer Bible Commentary" lieferte und beispielsweise solche Erklärungen parat hält wie diese: Der Tod Christi sei keineswegs Gottes Plan, sondern ein Akt homophober Gewalt gewesen. Während die Zuschreibung intergeschlechtlich diese Erklärung erfuhr: "Er wurde nicht auf normalem geschlechtlichem Wege empfangen und ihm fehlte der männlich-chromosomale Erbanteil des Vaters."
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Motor für die unendlichen Christus-Bilder ist das eigene Begehren
Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, was an Bizarrem und an irrationaler Verstiegenheit jeglicher Art in der christlichen Glaubensgeschichte über zwei Jahrtausende hinweg verhandelt wurde. Anselm Schubert hat in überbordender Materialfülle wohl nichts davon ausgelassen. Beeindruckend ist das allemal.
Und der Erkenntnisgewinn? Dass die Menschen nichts anderes so sehr beschäftigt wie ausgerechnet die Frage von Geschlecht. Da scheinen wir uns in nichts von früheren Generationen zu unterscheiden. Immerhin kämpfen wir heute um die Anerkennung der geschlechtlichen Vielfalt. Der Motor für die unendlichen Christus-Bilder ist am Ende unser eigenes Begehren. Weshalb der Autor meint, es sei vielleicht gut, "dass die Bibel keine klare Aussage zur Geschlechtsidentität Christi trifft".
Das Resümee: "Solange es Christen gibt, entscheidet nicht die Inkarnation über das Geschlecht Christi, sondern das Begehren derer, die an ihn glauben." Eine wahre Einsicht, die mir neulich durch ein Graffiti auf einem Baustellenzaun bestätigt wurde. Darauf stand die Botschaft: "Gott ist trans".
Anselm Schuster: Christus (m/w/d). Eine Geschlechtergeschichte. 396 Seiten. Verlag C.H.Beck. München 2024. Hardcover-Ausgabe: 32 € (ISBN 978-3-406-82237-7). E-Book: 24,99 €
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