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Vom biblischen Sodom zu James Baldwin

"Kein anderes Ufer": Ein Buch über die "Erfindung der Homosexualität"

Für den Theologen Norbert Reck ist Homosexualität eine willkürliche Erfindung, die auf Missdeutung von Bibelstellen beruht. Homophobie werde erst verschwinden, wenn wir aufhören, an Hetero- und Homosexualität festzuhalten.


Das brennende Sodom (Domenico Fetti, um 1620): Laut Norbert Reck hat nicht Homosexualität den Zorn Gottes heraufbeschworen, sondern sexualisierte Gewalt und Missbrauch (Bild: Museo Thyssen-Bornemisza)

Ist die homosexuelle Identität ein Konstrukt der Moderne und das Coming-out als schwul oder lesbisch lediglich ein Relikt, das es zu überwinden gilt? Das glaubt zumindest der Publizist Norbert Reck. In seinem Buch "Kein anderes Ufer. Die Erfindung der Homosexualität und ihre Folgen" (Amazon-Affiliate-Link ) vertritt der katholische Theologe die Ansicht, die Wirklichkeit des sexuellen Begehrens sei zu komplex, um Menschen bestimmten Gruppen zuzuordnen. Signifikante Unterschiede zwischen Homo- und Heterosexuellen gebe es gar nicht, die jeweiligen Kategorien würden "eher herbeidefiniert" – und seien letztlich sogar verantwortlich für das Fortbestehen der Homophobie in der westlichen Gesellschaft.

Den Ursprung für die "Aufteilung der Menschen in Homo- und Heterosexuelle" sieht Reck im über Jahrhunderte erstarrten "Denken über gleichgeschlechtlichen Sex in der christlich-abendländischen Kultur". Konkret macht er seine These an jenen Bibelstellen deutlich, "die in der christlichen Tradition über Jahrhunderte als Verdammungsurteile gelesen wurden" und über die er in seinen Nachforschungen vor allem dank "jüdischer Bibelwissenschaftler sowie christlicher Autoren, die die jüdische Gelehrsamkeit in diesen Fragen ernst nehmen", neue Einsichten gewonnen habe.

Bei der Zerstörung von Sodom ging es nicht um Homosexualität


Das Buch "Kein anderes Ufer. Die Erfindung der Homosexualität und ihre Folgen" ist im Matthias Grünewald Verlag erschienen

Vor allem die rätselhafte Geschichte von den Männern der Stadt Sodom wird irrtümlicherweise als Beleg dafür angeführt, dass gleich­geschlechtliche Beziehungen aus christlicher Perspektive zu verurteilen sind: In diesem Kapitel treffen drei Engel in männlicher Gestalt als Fremde in der Stadt ein, um im Auftrag von Gott nach dem Rechten zu sehen. In der Nacht tauchen die Männer von Sodom bei dem Gastgeber Lot auf und fordern unter Androhung von Gewalt, mit seinen Gästen sexuell zu verkehren – ein Vergehen, für das Gott die Stadt mit Feuer und Asche zerstören wird. Doch ist hier wirklich gleich­geschlechtliches Begehren das Thema? Norbert Reck nimmt die Bibelstelle Wort für Wort unter die Lupe, fasst den aktuellen Stand der Diskussion kritisch zusammen und bindet das Geschehen gut verständlich in einen historischen und kulturellen Kontext ein.

Sodom war eine wohlhabende Stadt, die regen Handel betrieb und mit inneren wie äußeren Konflikten zu tun hatte. Reck zeigt auf, dass es in dieser Geschichte nicht um Liebe und Begehren, sondern um sexualisierte Gewalt geht: "Fremden begegnete man mit Misstrauen – sie könnten ja Feinde sein. Ausländer waren in der Stadt meist eher geduldet als willkommen. Kamen sie ungefragt, konnte es geschehen, dass man sie – ähnlich wie Kriegsgefangene oder Sklaven – unterwarf, indem man sie erniedrigte und vergewaltigte" – eine in kriegerischen Konflikten übliche Praxis, die seit der Antike "bis in die Gegenwart hinein immer wieder anzutreffen" ist. Das Geschlecht des Opfers spielt dabei keine Rolle.

Weitere Textstellen der Bibel unter die Lupe genommen

Auch in den zwei berüchtigten Versen im Buch Levitikus geht es nicht um gleich­geschlechtliche Liebe, wie Norbert Reck eindrücklich belegt – obwohl es zunächst den Anschein hat, wenn es heißt: "Du sollst nicht mit einem Mann liegen, wie man mit einer Frau liegt". Reck weist nach, dass sich der Text an das Familienoberhaupt wendet – den Patriarchen -, der dazu aufgefordert wird, "sexuellen Missbrauch von Abhängigen" zu unterlassen, wobei auch in diesem Fall "nicht sexuelles Vergnügen problematisiert wird", sondern "Aspekte männlicher Macht, nicht Verbindung, sondern Trennung, nicht Zärtlichkeit, sondern Demütigung und Gewalt."

Ähnlich, nur etwas komplizierter verhält es sich mit den zweieinhalb Sätzen, die Paulus zum Thema beisteuert. Ihn habe die christliche Theologie zum "Kronzeugen für die Verurteilung sexueller Handlungen zwischen Menschen des gleichen Geschlechts" gemacht – so Reck. Einerseits geht es Paulus bei seiner Verdammung von Männern, die "Schamloses mit Männlichen" begehen, um "Sexorgien mit orientalischem Flair" der römischen Oberschicht, bei der manche Sklaven zur Prostitution gezwungen wurden. Andererseits ist ihm die "Form des gleich­geschlechtlichen Sexes, die im Römischen Reich gesellschaftlich akzeptiert war", generell ein Dorn im Auge, und dazu zählt vor allem der "herrschaftsförmige, penetrative Sex freier römischer Männer an Kriegsgefangenen, Sklaven und Jungen."

Die Verfolgung der "Sodomiter"

Aus der Perspektive von Paulus gerät allmählich jegliche Sexualität unter Generalverdacht, die nicht der Fortpflanzung dient – damit übt er großen Einfluss auf die Entwicklung des Christentums aus. Entscheidend ist für Reck die Tatsache, dass die sexuelle Interpretation der Sodom-Geschichte in den Mittelpunkt rückt. Spätestens Kardinal Petrus Damiani (ca. 1006-1072) prägt den eigenständigen Begriff der "Sodomie" und ordnet ihn einer klar definierten Gruppe zu: den "Sodomitern", die fortan unbarmherzig verfolgt werden. Dabei vollzieht sich eine Spaltung der Sexualität unter der Bevölkerung, in der nach Recks Ansicht bis dahin auch gleich­geschlechtliche Liebesbeziehungen möglich, wenn nicht sogar integriert waren.

Mit seiner umfassend belegten Erörterung all jener Textstellen der Bibel, in denen es kaum um gleich­geschlechtliche Liebe, sondern eher um Machtmissbrauch und Erniedrigung durch sexuelle Praktiken geht, gelingt Norbert Reck eine äußerst klare und durchweg plausible Abhandlung. Auch der Grund für die Fehldeutungen wird erkennbar, wenn der Autor im Anschluss jenes finstere Kapitel der Kirchengeschichte ausleuchtet, bei dem die Verteufelung von Homosexualität offenbar von missbräuchlichen Praktiken in den eigenen Reihen ablenken sollte.

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Von kirchlichen und kapitalistischen Machtstrukturen


Dr. theol. Norbert Reck, geboren 1961, ist freier Autor und Übersetzer. Er ist Mitglied im Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (Bild: Verlagsgruppe Patmos)

Umso unverständlicher ist es, dass die weiteren Kapitel in Recks Buch kaum Neues und Erhellendes hervorbringen – ganz im Gegenteil: Zunächst schließt der Autor in einem historischen Parforceritt auf gerade mal zweieinhalb Buchseiten die "theologische Erfindung der Sodomie im Mittelalter" mit dem "aufkommenden Kapitalismus in der Neuzeit" kurz. "Sodomitische Subkulturen" innerhalb einer neuen Kultur des Wettbewerbs, so Reck, hätten ein im Grunde integratives "System männlicher Freundschaften" abgelöst, bei dem angeblich auch sexuelle Kontakte unter Männern kulturell akzeptiert waren. Darüber hätte man gerne mehr erfahren, vor allem im Zusammenhang mit der Entstehung einer homo­erotischen Kultur in Florenz und Venedig, doch davon ist bei Reck nicht die Rede.

Es geht weiter im Galopp: vom Konzil von Trient (1545-1563), bei dem die Ausforschung und das Geständnis sexueller Gelüste während der Beichte gefordert wurde, über die Pathologisierung von Homosexualität durch die Wissenschaft und die erste Emanzipationsbewegung im 19. Jahrhundert bis zur Streichung von der Liste der psychischen Krankheiten von der American Psychiatric Association im Jahr 1974, all das wird hopplahopp nacheinander abgehakt.

Leider scheint es so, als gelte Recks Interesse in diesem historischen Zeitraffer an keiner Stelle der differenzierenden Aufklärung, sondern der zielgerichteten Untermauerung seiner eigenen These. Und diese lautet: Homosexualität ist weder angeboren noch natürlich, sondern eine willkürliche Kategorie. Sie wurde geprägt von kirchlichen und kapitalistischen Machtstrukturen, in denen gleich­geschlechtliche Zuneigungen keinen Platz haben und darum kontrolliert werden müssen.

Norbert Reck beruft sich auf James Baldwin

Reck geht es eher darum, diese historische Perspektive ohne große Umschweife auf das Hier und Heute zu übertragen: Für ihn ist die selbstbewusste homo­sexuelle Identität weniger ein Ausdruck von Emanzipation im Kampf um Ankerkennung, sondern vielmehr eine Illusion – genauso, wie das Coming-out für ihn nicht mehr als eine Farce sein kann. Homophobie werde "erst verschwinden, wenn wir aufhören, an Homosexualität oder Heterosexualität zu glauben" – so die Überzeugung des Theologen. Er stützt sich dabei auf ein Zitat James Baldwins: "Es ist ein eigenartiger Triumph der Gesellschaft – und ihr Verlust -, dass sie es fertigbringt, Menschen von dem minderwertigen Status, den sie ihnen zugewiesen hat, auch noch zu überzeugen."

Tatsächlich lässt Recks Verweis auf Baldwin aufhorchen, denn auch für diesen galt die gleich­geschlechtliche Liebe als etwas Universelles, das nichts mit einer persönlichen oder kollektiven Identität zu tun hatte. Vom Konzept des Coming-out hielt demnach auch Baldwin nicht viel. Die Entdeckung, Männer zu begehren, machte er mit sich alleine und seinem christlichen Glauben aus – auch wenn das für ihn über viele Jahre hinweg soziale Isolation und Leid bedeutete. Nachdem Baldwin in den 1950er Jahren seine "große Liebe" Lucien Happersberger kennenlernte, zu dem er eine feste Beziehung anstrebte, setzte sich das Leiden auf einem anderen Level fort, denn sein Objekt der Begierde ging immer wieder auf Distanz und liebte auch Frauen. Happersberger heiratete dreimal während der Zeit, in der Baldwin sich nach ihm verzehrte. Paradoxerweise zählte Happersberger genau deshalb zu Baldwins Beuteschema: Baldwin lehnte zeit seines Lebens ein homo­sexuell geprägtes Selbstverständnis ab, weil er sich nicht auf die "Sprache der Unterdrücker" und die von ihnen bestimmten Schranken einlassen wollte. Folgerichtig waren Männer für ihn uninteressant, die sich selbst als schwul bezeichneten. Es ist bemerkenswert, dass Baldwins komplizierte und gewissermaßen auch selbstbeschränkende Haltung gegenüber Homosexualität – kombiniert mit dem Ideal einer romantischen Zweierbeziehung – bis heute kaum diskutiert wird. Selbst in den zahlreichen Porträts anlässlich seines hundertsten Geburtstags findet sich dazu so gut wie kein Wort. Reck hätte in der Auseinandersetzung mit Baldwins Biografie wichtige Erkenntnisse für seine Arbeit gewinnen können, doch er nutzt lediglich dessen Zitat zur Untermauerung seiner eigenen These.

Der blinde Fleck in Recks Weltbild

Wesentliche Teile von Recks Argumentation, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen, wirken wie aus dem Zusammenhang gerissen. Da wird etwa Sigmund Freuds Theorie zur sexuellen Objektwahl angeführt, der zufolge es keine angeborene Fixierung auf das männliche oder weibliche Geschlecht gibt. Doch von der Festlegung auf eine sexuelle Identität am Ende der psychosexuellen Entwicklungsphase, die Freud für unvermeidlich hielt, verliert Reck kein Wort. Ähnlich verhält es sich mit der in den 1940er Jahren in den USA veröffentlichten repräsentativen Umfrage durch Alfred Kinsey: Diese dient Reck als Beleg dafür, dass Heterosexualität und Homosexualität keine realen Kategorien sind – ohne in Erwägung zu ziehen, dass die Ergebnisse aufgrund der damaligen Tabuisierung und des Verbots gleich­geschlechtlicher Handlungen verzerrt sein könnten.

Das Machtgefälle innerhalb der Mehrheitsgesellschaft scheint ohnehin ein blinder Fleck in Recks Weltbild zu sein. Das äußert sich bereits im Untertitel seines Buches: "Die Erfindung der Homosexualität und ihre Folgen." Müsste es nicht vielmehr um die Erfindung der Heteronormativität gehen, die Nischen für alles erzwingt, was nicht in ihr Konzept passt? Wenn Reck die "Aufteilung" der Menschen in zwei Gruppen beklagt, klingt das mitunter so, als herrsche zwischen Homo- und Heterosexualität längst keine Ungleichheit mehr – und als läge die Verantwortung für die Trennung vor allem bei jenen, die für sich einen geschützten Raum in Form einer subkulturellen Infrastruktur in Anspruch nehmen. Abgesehen davon lassen sich Menschen immer häufiger von verschiedenen kulturellen Einflüssen prägen und entwickeln dadurch hybride oder multiple Identitäten: schwul, lesbisch, bisexuell – in einer aufgeklärten Gesellschaft geht wohl kaum noch jemand davon aus, dass sich mit einem dieser Label Rückschlüsse auf die gesamte Persönlichkeit ziehen lassen.

Dennoch klagt Reck über Erfahrungen mit Klischees und Schubladendenken. Er berichtet, dass viele betroffene Menschen aus seinem Umfeld unglücklich mit dem Konzept einer schwulen oder lesbischen Identität sind. Das Coming-out sei für sie keine Lösung, sondern Teil des Problems: "So steht es bei vielen um ihre 'Homosexualität'. Sie wird nicht als Lust, sondern als Zwang erlebt. Die Bitterkeit dieser Menschen richtet sich nicht gegen jene, die ihnen das Leben schwermachen – sie richtet sich gegen die eigene Lust. Sie wollen ihr eigenes Wollen nicht. Das führt zu einer tiefen Gespaltenheit gegenüber dem eigenen Empfinden."

Internalisierte Homophobie

Auch Martin Dannecker und Reimut Reiche beschreiben diese innere Zerrissenheit in ihrem Standardwerk "Der gewöhnliche Homo­sexuelle" von 1974 und bezeichnen sie als "internalisierte Homophobie" – als Verinnerlichung des gesellschaftlichen Stigmas: Dabei wird die Verachtung jener übernommen, von denen man verachtet wird, und gegen sich selbst gerichtet. Doch die Schlussfolgerung der beiden Sexualwissenschaftler ist der von Reck diametral entgegengesetzt. Reiche hat auf einer Podiumsdiskussion anlässlich des 50. Jahrestags der Studie ausdrücklich auf die Bedeutung des Coming-outs als wichtigste Erkenntnis ihrer Arbeit hingewiesen: "Wer das lebend übersteht, ohne Selbstmord und ohne seelisch krank zu werden, der schafft auch den Rest" – verbunden mit einem gewöhnlichen Leben und einem ungewöhnlichen sozialen Aufstieg als Teil einer schwulen Subkultur. Inzwischen hat sich diese Community erweitert und ausdifferenziert, und auch wenn längst andere gesellschaftliche Rahmenbedingungen den Alltag bestimmen, spielt das Coming-out nach wie vor eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung des Selbstwertgefühls.

Norbert Reck muss während seiner Recherche irgendwann auch auf die Arbeit der Frankfurter Sexualwissenschaftler gestoßen sein, denn immerhin zitiert er Dannecker zweimal in seinem Buch – allerdings in einem eher nebensächlichen Kontext. Hätte sich Reck eingehender mit ihm beschäftigt, wäre sein pastoral geratenes Schlussplädoyer zur Überwindung der Trennung zwischen den Menschen möglicherweise differenzierter ausgefallen.

Infos zum Buch

Norbert Reck: Kein anderes Ufer. Die Erfindung der Homosexualität und ihre Folgen. Anstoß zu einer notwendigen Debatte. 176 Seiten. Matthias Grünewald Verlag. Ostfildern 2024. Paperback: 20 € (ISBN 978-3-7867-3357-7). E-Book: 15,99 €

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