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Kinostart
Eine queere Liebe im faschistischen Italien
Laura Luchettis romantisches Drama "Der schöne Sommer" über eine lesbische Liebe in den 1930er Jahren beeindruckt vor allem mit mitreißenden Bildern und schönen Kostümen.

Ginia (Yile Yara Vianello) und Amelia (Deva Cassel) kommen sich immer näher (Bild: Cinemien)
- Von Lina Heimann
18. September 2024, 05:52h 5 Min.
Turin, 1938: Es ist ein warmer Sommertag, den die 17-jährige Ginia (Yile Yara Vianello) mit ihrem Bruder Severino (Nicolas Maupas) und Freund*innen an einem See verbringt. Plötzlich erkennt einer der Männer auf einem Ruderboot eine Frau und ruft sie zu sich. Amelia (Deva Cassel) zieht sich bis auf die Unterwäsche aus, springt vom Boot und schwimmt zu der am Ufer sitzenden Gruppe.
Ginia kann den Blick nicht von der jungen, unbekannten Frau abwenden und scheint wie gebannt von der Freiheit und Lebensfreude, die Amelia ausstrahlt. Diese Begegnung ist für Ginia der Anfang eines Sommers, der gleichermaßen von neuen Erfahrungen wie unerfüllten Erwartungen, vor allem aber von jugendlicher Selbstfindung geprägt ist.
Amelia ist für Ginia ein Tor zu einer neuen Welt

Poster zum Film: "Der schöne Sommer" startet am 19. September 2024 im Kino
Der Sommer scheint die klassische Jahreszeit für Coming-of-Age-Erzählungen zu sein und fungiert auch in Laura Luchettis "Der Schöne Sommer" als ein trügerisch leichter Hintergrund für Geschichten, die von innerem Aufruhr und Umbrüchen handeln. In der Verfilmung von Cesare Paveses 1949 veröffentlichter Roman-Trilogie, freundet sich die eher zurückhaltende Schneiderin Ginia mit Amelia an, die ihr Geld als Aktmodel für Künstler*innen verdient.
In der Hoffnung, in Turin bessere Arbeit und Lebensumstände zu finden, sind Ginia und Severino vom Land in die Stadt gezogen, aber trotz Ginias Erfolgen auf der Arbeit, scheint sie nicht erfüllt von ihrem Leben und wie auf der Suche nach Möglichkeiten, um aus ihrem Alltag auszubrechen. So stellen Amelia und ihr Umfeld eine aufregende Abwechslung zu Ginias geordneten Leben dar. Amelia, die raucht, trinkt und lockere sexuelle Beziehungen mit Männern führt, ist wie ein Tor zu einer neuen Welt, von der Ginia ein Teil sein möchte – obwohl Amelia sie davor warnt, es ihr gleich zu tun.
Seit der ersten Begegnung am See, existiert eine Spannung zwischen Ginia und Amelia, die klar romantisch konnotiert ist. Amelia scheint sich dessen bewusst zu sein und flirtet offensiv mit Ginia, die erst langsam versteht, was ihre Gefühle für Amelia bedeuten und welche Form die Beziehung zu Amelia annehmen kann. Ginia und Amelia verbringen mehr und mehr Zeit miteinander, die Beziehung wird inniger und damit auch komplizierter, geprägt von unausgesprochenem Verlangen.
Die Chemie zwischen den Schauspielerinnen könnte besser sein
Die Beziehung zwischen Ginia und Amelia ist das zentrale romantische Element des Films, leider wird die Emotionalität aber nicht immer überzeugend transportiert, trotz der feinfühligen und schönen Bildsprache. So stehen die poetischen Bilder des Films teilweise im Kontrast zwischen dem, was sich auf der Handlungsebene zwischen Ginia und Amelia entwickelt. In einigen Szenen fehlt es zudem etwas an Intensität zwischen den Schauspielerinnen.
Diese überzeugen vor allem einzeln: Yile Yara Vianello spielt Ginias Unisicherheiten, Wünsche und auch Selbstbezogenheit sehr treffend, und Deva Cassel verkörpert Amelia als selbstsicher und dennoch verletzlich. Hervorzuheben ist zudem Nicolas Maupins Performance als Severino, der Ginia davon abhalten will, mehr Zeit mit Amelia zu verbringen. Durch Maupins feinfühlige Darstellung ist Severino nicht nur ein besorgter und verurteilender Bruder, und die Geschwisterbeziehung zwischen Ginia und Severino wird im Laufe des Films zu einem berührenden Element.
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Luchettis Adaption ist trotz des historischen Settings von einem modernen Blick geprägt, beispielsweise durch die Verwendung von Sophie Hungers Lied "Walzer für Niemand" oder der Zeitlosigkeit der dargestellten Erfahrungen, wie Ginias Ernüchterung nach ihrer ersten sexuellen Erfahrung mit dem Maler Guido (Alessandro Piavani). Die Darstellung der Beziehung zwischen Ginia und Amelia gibt einerseits historischer Queerness Raum, gleichzeitig wird eine Verbindung in die Gegenwart geknüpft, da die Dynamik zwischen Ginia und Amelia zeitunabhängig funktioniert. Genauso sind Ginias Drang mehr erleben zu wollen oder ihr Wunsch, von einer anderen Person gesehen zu werden, universell greifbare Erfahrungen.
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Lesbischer Sex bleibt eine Fantasie
Vieles wird in "Der Schönes Sommer" nur angedeutet und nicht ausgesprochen, so auch das politische Klima in Italien. Es gibt kurze Sequenzen, die auf den italienischen Faschismus hindeuten, wie eine Rede von Mussolini im Radio, die durch das geöffnete Fenster zu hören ist – bis Ginia das Fenster schließt. Ginia blendet die politische Situation in Italien größtenteils aus, und so bleibt im Film die Außenwelt oft im Hintergrund, der Fokus liegt stattdessen auf Ginias Gefühlswelt.
Nur angedeutet wird auch die körperliche Ebene der Beziehung zwischen Ginia und Amelia: Während der Sex zwischen Ginia und Guido ausführlicher dargestellt wird, sind die romantischen Szenen zwischen Ginia und Amelia weniger explizit und haben oft eine verträumte Note, so als wären sie vielleicht nur eine Fantasie. Es braucht natürlich keine Sexszene, um eine romantische Beziehung ernst zu nehmend darzustellen, aber die verwunschene Darstellung der körperlichen Nähe trägt in diesem Fall etwas dazu bei, dass die Beziehung weniger real als andere Elemente des Films wirkt.
Auch wenn es an einigen Stellen an Emotionalität und Tiefe fehlt, ist Luchettis Film eine bedacht und gefühlvoll erzählte Coming-of-Age-Geschichte, die den Hoffnungen, aber auch der Melancholie junger Menschen Raum gibt. Der Film beeindruckt insbesondere mit präzisen Nahaufnahmen und mitreißenden Bildern sowie einem ästhetischen Setting und schönen Kostümen, die zu einer stimmungsvollen Gesamtatmosphäre beitragen.
Der schöne Sommer. Drama. Italien 2023. Regie: Laura Luchetti. Cast: Adrien DeWitt, Alessandro Piavani, Andrea Bosca, Anna Bellato, Cosima Centurioni, Deva Cassel, Gabriele Graham Gasco, Nicolas Moupas, Yile Vianello. Laufzeit: 111 Minuten. Sprache: italienische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Cinemien. Kinostart: 19. September 2024
Links zum Thema:
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20:15h, Arte:
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