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Buchtipp
Als schwuler Junge auf einem armen Bauernhof
Tue wächst in der dänischen Provinz auf. Die Familie hat wenig Geld, die Mutter ist spielsüchtig, der Vater legt sich mit der Nachbarschaft an. Und dann merkt Tue, dass er auf Jungs steht. Thomas Korsgaard findet für seinen Debütroman "Hof" eine einmalige Sprache.

Symbolbild: Thomas Korsgaard zeichnet in "Hof" das Bild einer prekären Kindheit auf dem Land jenseits von Bauernhofidylle (Bild: BLACK17BG / pixabay)
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21. September 2024, 01:32h 5 Min.
Die acht Hunde, die auf dem Bauernhof leben, haben keine Namen. Sie sind, genau wie die Rinder, eher Nutztiere. Tues Vater Lars streichelt sie gerne, er füttert sie vom Tisch, sie gehorchen ihm. Essen gegen Gehorsam, es ist eine einfache Gleichung, die ihm seine Familie verwehrt.
Tues Mutter beschwert sich, dass die Hunde zu viel kosten. Sie ist zum vierten Mal schwanger, und schon jetzt fehlt das Geld. Lars will die Welpen verkaufen, ob sie Papiere haben oder nicht. Er kriegt das schon hin, ist sich Tue sicher. "Ihm gelang fast alles", denkt er, genauso fasziniert wie überrascht.
Der Vater macht seinen Goldzahn zu Geld

Der Roman "Hof" ist Anfang September 2024 im Kanon Verlag erschienen
In Nørre Ørum, wo der zwölfjährige Tue auf dem Bauernhof aufwächst, ist kaum was los. Das Kaff liegt im mittleren Teil von Jütland, also des dänischen Festlandes. Es ist so ein Ort, bei dem man weit rauszoomen muss, bis man die nächste Stadt sieht. Und in Skive, eine halbe Stunde entfernt, leben auch nur 20.000 Menschen. Hier spielt "Hof", das Romandebüt von Thomas Korsgaard. Der dänische Originaltitel "Hvis der skulle komme et menneske forbi" – "Wenn ein Mensch vorbeikäme" – trifft es ganz gut. Denn hier kommt fast niemand vorbei.
Es ist ein Mikrokosmos, in dem viele gesellschaftliche Probleme zusammenkommen. Fehlendes Geld prägen fast jedes Gespräch innerhalb der Familie. Als die Waschmaschine kaputtgeht, kann sie sich keine neue leisten. Irgendwann lässt sich der Vater sogar einen Zahn ziehen, um die Goldfüllung zu Geld zu machen.
Erste Erfahrungen mit Pornos und Wichsen
Die Beziehung der Eltern ist von Abneigung geprägt. Zwischen ihnen fällt kein Wort der Liebe, es gibt keine Geste der Wertschätzung. Das verschlimmert sich noch nach Lonnys Totgeburt. Sie verfällt in eine Depression, verbringt den ganzen Tag im Online-Casino. Vom Vater hagelt es Beleidigungen und Unverständnis. Am Ende bleibt wieder alles an ihm hängen, so seine Lesart.
Und in dieser Gemengelage, wo nach dem Abendessen Zigaretten auf dem Teller ausgedrückt werden, versucht Tue (und seine zwei Geschwister Nina und Morten, über die man aber kaum etwas erfährt) aufzuwachsen. Er kommt gerade in die Pubertät, macht erste Erfahrungen mit Pornos, Wichsen und dem Penis eines Mitschülers. Er merkt, dass ihm Jungs gefallen. Das überfordert ihn zunächst.
In der Familie fehlen Geld und Liebe
Doch anders als ähnliche prekär lebende Jugendliche, die sich ihrer sexuellen Außenseiterposition bewusst werden – Vergleiche mit Édouard Louis oder Didier Eribon sind unvermeidbar – flieht sich Tue nicht in eine vergeistigte, literarische Welt der intellektuellen Nonkonformität und Distinktion. Er grenzt sich auch von seiner Umwelt ab, aber indem er zum Klassenclown wird, Streiche spielt, nur Mist im Kopf hat, ständig zur Schuldirektorin zitiert wird. Seine Klasse meidet ihn zunehmend, aber nicht, weil er schwul oder bi oder queer ist, sondern weil er zu Hause vernachlässigt wird.
Und auch der Stil unterscheidet sich deutlich von anderen Coming-of-Age-Geschichten. Thomas Korsgaard erzählt "Hof" (Amazon-Affiliate-Link ) aus einer kindlichen Perspektive. Die damit verbundene Hilflosigkeit und Naivität verstärken die deprimierende, oft auch aggressive Stimmung in der Familie nur noch. Was Korsgaard schreibt, macht oft traurig und betroffen. Und doch will er aber keine Aufsteigergeschichte schreiben, in der es dem unschuldigen Helden gelingt, aus seinem Umfeld auszubrechen. "Hof" zeigt gleichwohl, wie sehr es das Leben bestimmt, wenn in der Familie sowohl Geld als auch Liebe fehlen.
Thomas Korsgaard gilt als Wunderkind

Thomas Korsgaard (Bild: Lis Kasper Bang)
Tue dient dabei als Ich-Erzähler, seine Sätze sind kurz, aber dennoch präzise. Die Kapitel haben nur wenige Seiten, schildern in sich fast geschlossene Episoden des Hof- und Schullebens. Dieser Stil ist einmalig, man kann sich ihm kaum entziehen.
Wenn jemand als Wunderkind bezeichnet wird, kann diese Auszeichnung wie ein Damoklesschwert über dem eigenen Kopf hängen. Bei Thomas Korsgaard hat die Zeit jedoch gezeigt, dass er diesem Prädikat gerecht wird. Seinen autobiografisch geprägten Debütroman schrieb er mit 21, er erschien bereits 2017 in Dänemark. Er sollte der Auftakt einer Trilogie werden, die sich alleine in seiner dänischen Heimat bislang über 300.000 Mal verkauft hat.
"Hof" rückt das Skandinavien-Bild zurecht
Sieben Jahre später erscheint der Roman in Deutschland – die weiteren Teile folgen im Halbjahresrhythmus – in einer Übersetzung von Justus Carl und Kerstin Schöps. Seine Relevanz hat "Hof" nicht verloren. Vielleicht kommt die Veröffentlichung sogar zu einer passenden Zeit: Migrationsdebatten haben den Blick kürzlich verstärkt nach Dänemark richten lassen, wo eine sozialdemokratische Ministerpräsidentin eine äußerst restriktive, rechte Einwanderungspolitik fährt (und damit bei Wahlen sehr erfolgreich ist).
Das sehr deutsche, von ZDF-Fernsehfilmen geprägte und tatsächlich nie vollständig zutreffende Bild vom heilen, linksliberalen Skandinavien begann spätestens damit – wenn nicht schon angesichts eskalierender schwedischer Gangkriminalität – zu bröckeln. Bullerbü war einmal. Thomas Korsgaards "Hof" leistet seinen Beitrag, das Skandinavien-Bild weiter zurechtzurücken.
Thomas Korsgaard: Hof. Die Tue-Trilogie, Band 1. Originaltitel: Hvis der skulle komme et menneske forbi. Aus dem Dänischen von Justus Carl und Kerstin Schöps. 288 Seiten. Kanon Verlag. Berlin 2024. Gebunden mit schwarzem Farbschnitt: 25 € (ISBN 978-3-98568-128-0). E-Book: 19,99 €
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