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Sachbuch
Auf der Suche nach dem verlorenen Capote-Manuskript
Anuschka Roshani ist mehr als nur Fan von Truman Capote. Über die Begegnungen mit den letzten Weggefährt*innen des schwulen Schriftstellers schreibt sie das literarische Sachbuch "Truboy" – klug und elegant, unterhaltsam und voller sympathischem Pathos.
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22. September 2024, 03:51h 4 Min.
Es gibt nicht das eine Wort, das Truman Capote auch nur annähernd treffend beschreiben würde. Der US-amerikanische Schriftsteller, der am 30. September seinen 100. Geburtstag feiern würde, wird oft exzentrisch genannt, als Wunderkind gefeiert, zum tragischen Tausendsassa verklärt. Das gipfelt im sexistischen Dreiklang "Schwuchtel, Superegozentriker, Süchtiger", wie Anuschka Roshani feststellt.
Die Journalistin und Autorin nur als Fan des "Frühstück bei Tiffany"-Autors zu bezeichnen, greift zu kurz. Sie hat Capotes Gesamtwerk auf Deutsch herausgegeben und schreibt aktuell ihre Dissertation über ihn. Doch Roshani hat noch größere Pläne: Sie möchte das verschollene Manuskript des lange angekündigten Romans "Erhörte Gebete" ("Answered Prayers") finden.
Liegt das Manuskript in einem Schließfach?
Das Werk sollte die US-Version von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" werden. Doch Capote schaffte es nicht, so die gängige Erzählung, sein Sittenbild fertigzustellen. Veröffentlicht wurden nur einzelne Kapitel. Eines davon, "La Côte Basque 1965", löste eine gewaltige Kontroverse aus, weil Capote darin intime Details seiner reichen, glamourösen Freundinnen preisgab. Seine Schwäne, so nannte er sie, wandten sich wie viele andere von ihm ab, "La Côte Basque 1965" gilt als sein sozialer Selbstmord.
Anuschka Roshani klammert sich dabei an die Legende, dass Capote den Roman zu Ende geschrieben hat und das Manuskript in einem Schließfach liegt. Den Schlüssel dafür soll er in den letzten Minuten seines Lebens dem Model Joanne Carson anvertraut haben – ohne ihr aber zu verraten, in welcher seiner vielen Wohnorte die Bank sei. Capote soll nur noch gesagt haben, das Manuskript werde gefunden, wenn es gefunden werden will.
Sieben Weggefährt*innen Capotes sollen helfen

"Truboy" ist im August 2024 bei Kein & Aber erschienen
Was der Journalistin und Autorin Hoffnung machen kann: Schon 2014 findet sie mit ihrem Mann Peter Haag, der den Schweizer Verlag Kein & Aber leitet, bei Recherchen in New York bislang unveröffentlichte Geschichten von Capote. Die Erzählungen schrieb er im Alter zwischen 14 und 17, sie erschienen kurze Zeit später unter dem Titel einer der Geschichten, "Wo die Welt anfängt".
Also reist sie im Juni 2017 wieder in die Vereinigten Staaten. Dort trifft sie sieben Weggefährt*innen des begnadeten Schriftstellers: Kate Harrington, die Tochter von John O'Shea, einem Lover von Capote; Don Bachardy, den Mann von Christopher Isherwood, der jahrzehntelang mit Capote befreundet war; den Lektor Gordon Lish, der Capote zum ersten Vorabdruck von "Erhörte Gebete" überredete; Bob Colacello, Chef von Andy Warhols "Interview"-Magazin, der mit Capote im "Studio 54" tanzte; Alan U. Schwartz, der Capotes Werkrechte weltweit verkauft; Lawrence Grobel, der Letzte, der ein Interview mit Capote führte; sowie den Capote-Biografen Gerald Clarke.
Auf Capotes Sätzen throne die Schönheit "wie eine Schaumkrone"
Den Gesprächen stellt Anuschka Roshani zwei Kurzbiografien voran: Als Chronologie des Gelingens und des Scheiterns erzählt sie Truman Capotes wechselhaftes Leben aus zwei Perspektiven – eine sehr charmante Art zu zeigen, wie viele Lesarten ein Leben ermöglichen kann.
Außerdem reflektiert Roshani ihre eigene Leidenschaft für den schwulen Schriftsteller. Es sei die Schönheit, "die auf seinen Sätzen wie eine Schaumkrone thront", die sie "unmittelbar rührt, dass sie mir als Reflex des Staunens direkt ins Rückenmark fährt". Roshanis persönliche Sätze tragen ein gewisses Pathos – aber ein sympathisches, kein prätentiöses.
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Ein differenziertes Bild von Truman Capote
Überhaupt durchzieht ihr literarisches Sachbuch "Truboy. Mein Sommer mit Truman Capote" (Amazon-Affiliate-Link ) eine kluge Eleganz, im Stil genau wie in ihrer Interviewführung. Eine Eleganz, die dennoch nahbar und unterhaltsam ist. Ihre Gesprächspartner*innen und die Recherche in der New Yorker Public Library beschreibt sie ganz plastisch und mit einer präzisen Beobachtungsgabe – und einem sehr angemessenen Sinn für Humor. Als "Kreuzung aus Rumpelstilzchen, Gestiefelter Kater und E.T." beschreibt sie etwa den Lektor Gordon Lish.
Die Gespräche sind erhellend, ob man Capote schon gut kennt oder sich erst mit ihm vertraut machen möchte. Sie liefern ein vielschichtiges, oft sehr persönliches Bild dieser – oft, nicht immer – schillernden Persönlichkeit ab. "Truboy" ist deshalb mehr als die Suche nach einem verlorenen Manuskript. Das rundum gelungene Buch trägt dazu bei, ein differenzierteres Bild des Ausnahme-Schriftstellers Truman Capote zu zeichnen.
Anuschka Roshani: Truboy. Mein Sommer mit Truman Capote. Sachbuch. 352 Seiten. Kein & Aber. Zürich 2024. Gebundenes Buch: 25 € (ISBN 978-3-0369-5053-2). E-Book: 18,99 €
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