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Geschichts-Podcast
War die DDR ein queeres Eldorado?
Bereits 1976 – und damit fünf Jahre vor der Bundesrepublik – ermöglichte die DDR trans Menschen auf dem Papier Personenstandsänderungen und geschlechtsangleichende Operationen. Ein neuer Podcast hinterfragt, wie liberal der realsozialistische Staat tatsächlich war.

Symbolbild: Charlotte von Mahlsdorf (1928-2002) gehörte zu bekanntesten queeren Persönlichkeiten der DDR (Bild: IMAGO / teutopress)
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22. September 2024, 10:00h 3 Min.
Hin und wieder ist zu hören, wieviel liberaler die DDR für queere Menschen gewesen sei. Dann heißt es beispielsweise, dort habe es für trans Menschen schon 1976 Namens- und Personenstandsänderungen und geschlechtsangleichende Maßnahmen gegeben. Und auch der § 151, der im DDR-Strafgesetzbuch den gleichgeschlechtlichen Sex von Erwachsenen mit Jugendlichen unter Strafe stellte (volljährig war man mit 21), wurde bereits 1988 ersatzlos gestrichen (und galt übrigens bis dahin, anders als der § 175 im Westen, auch für Frauen). Nebenbei bemerkt, haben wir diesem Umstand zu verdanken, dass der Einigungsvertrag die Abschaffung des § 175 festschrieb, die dann 1994 endlich im wiedervereinigten Deutschland umgesetzt wurde.
Wie war das also in der ollen DDR – hatten es queere Menschen tatsächlich besser als im vermeintlich Goldenen Westen? Keineswegs. Wer es genauer wissen will, dem sei ein unbedingt hörenswerter Podcast empfohlen, der unter dem schönen und beziehungsreichen Titel "Horchpost DDR" veröffentlicht wurde. Beziehungsreich deshalb, weil diese Podcast-Reihe von der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt herausgegeben wird. Vor der Wende gab es unter dieser Adresse ein Stasi-Gefängnis, und heute betreibt man dort geschichtliche Aufklärung.
Akten erzählen von einer Unterdrückungsgeschichte
Unter dem Titel "Trans* 1976. Transition zwischen Kontrolle und Selbstbehauptung in der DDR" gibt die an der Berliner Humboldt Universität tätige Soziologin Ulrike Klöppel in einem knapp einstündigen Gespräch Auskunft über ein Kapitel queerer Geschichte. Und das fällt insgesamt doch sehr ernüchternd aus. Klöppel ist eine Expertin bei dem Thema queer in der DDR – zahlreiche Publikationen bezeugen das, wobei trans einen besonderen Schwerpunkt bildet.
Das begann 2008 mit einem Forschungsprojekt an der Berliner Charité, wo es darum ging, Psychiatrie-Akten auszuwerten. Sie stieß dann recht bald auf das Thema trans und blieb schließlich diesem Thema in ihrer weiteren zeitgeschichtlichen Forschungsarbeit treu. Klöppel gibt zu verstehen, was sie in den Akten fand, ist ein alles andere als liberaler Umgang mit trans Menschen. Es sind im Grunde Beispiele für eine Unterdrückungsgeschichte. Hilfesuchende Menschen mussten immer auch damit rechnen, dass autoritär in ihr Lebens- und Arbeitsumfeld eingegriffen wurde. Zwangs-Psychiatrisierung war durchaus an der Tagesordnung.
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Die Verfügung wurde unter Verschluss gehalten
Die "Verfügung zur Geschlechtsumwandlung" regelte zwar ab 1976 die Namens- und Personenstandsänderung und auch geschlechtsangleichende Maßnahmen im Fall von "Transsexualismus", wie es damals hieß, die allerdings unter Verschluss gehalten und nie veröffentlicht wurde. Immerhin hatten Ehe- und Sexualberatungsstellen davon Kenntnis – so in Leipzig, Dresden, Berlin und Rostock. Aber als grundlegendes Problem benennt Klöppel neben dieser Informations-Deckelung vor allem die Tatsache, dass es für queeres Leben keine Öffentlichkeit und ebenso wenig Selbsthilfegruppen gab. Es sieht zwar so aus, als habe es in den 1980er Jahren eine Trendwende gegeben, indem von der Charité eine Selbsthilfevernetzung gefördert wurde, aber das bliebe noch zu verifizieren, meint Klöppel.
Ulrike Klöppel bewundert zu Recht den Mut der Menschen, die sich mit Eingaben an staatliche Stellen wandten, um sich zu outen und um als trans Personen in dem Geschlecht leben zu können, das sie für sich als ihr richtiges erkannt hatten. Solche Eingaben wurden überhaupt erst ab Mitte der 1960er Jahre zur Kenntnis genommen und bis dahin strikt zurückgewiesen. Doch sie seien immer auch Grenzgänge gewesen, wie Klöppel sagt, bei denen das Risiko einer Zwangseinweisung in die Psychiatrie mit kalkuliert werden musste.
Fazit: Eine liberale DDR mit Blick auf queeres Leben ist pure Legende.
Links zum Thema:
» Podcast "Trans* 1976. Transition zwischen Kontrolle und Selbstbehauptung in der DDR"
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