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Interview

Warum gibt's im "Cranko"-Film so wenig Sex, Sam Riley?

Das Biopic "Cranko" mit Sam Riley in der Hauptrolle setzt Stuttgarts schwuler Ballett-Legende John Cranko ein Denkmal. Wir sprachen mit dem britischen Schauspieler über seine Tanzqualitäten und Deutschkenntnisse, die Besetzung queerer Rollen sowie Erotik im Film.


Sam Riley bei den Dreharbeiten zu "Cranko" (Bild: Philip Sichler / Zeitsprung Pictures / SWR / Port au Prince Pictures)

Seine Kinodebüt gab der Brite Sam Riley als Post-Punk-Ikone und Joy-Division-Sänger Ian Curtis in Anton Corbijns Biopic "Control". Mit Viggo Mortensen und Kristen Stewart war er "On the Road" als cooler Aussteiger unterwegs. An der Seite seiner Ehefrau Alexandra Maria Lara spielte Riley in der Komödie "Rubbeldiekatz" von Detlev Buck.

Bevor er demnächst im Biopic "Die Witwe Clicquot" zu sehen ist, spielt der 44-Jährige nun in "Cranko" (Kinostart: 3. Oktober 2024) die schwule Tanz-Ikone John Cranko unter der Regie von Joachim Lang. Mit dabei sind die Ballettstars Friedemann Vogel, Elisa Badenes, Jason Reilly und weiteren Ensemblemitgliedern des Stuttgarter Balletts.

Bereits vor einigen Tagen wir den bewegenden Filmausschnitt: "John Cranko – So verließ ihn seine große Liebe Alex" veröffentlicht. Außerdem trafen wir Sam Riley zum Interview.

Mister Riley, was sagt Ihre Ehefrau Lara zu Ihren Tanzqualitäten?


Poster zum Film: "Cranko" startet am 3. Oktober 2024 bundesweit im Kino

Sie findet mich einen unglaublich guten Tänzer. Eigentlich habe ich sie gewonnen, weil ich so gut tanzen kann. Natürlich auch noch wegen anderer Sachen! (lacht)

Waren Sie schon immer ein Fan von Ballett?

Absolut nicht, meine Faszination für das Ballett ist erst durch diese Rolle entstanden. Früher hatte ich vielleicht Vorurteile und dachte, das wäre nichts für mich. Meine Meinung hat sich schnell geändert, als ich vor dem Dreh zum ersten Mal das Stuttgarter Ballett besuchte und dort entdeckte, wie wunderschön diese Kunst war.

Was ist für Sie so wunderschön Augen am Ballett?

Die Faszination lässt sich mit Worten schwer erklären. John Cranko sagt im Film einmal, man könne ein ganzes Leben im Tanz finden, angefangen von den Kindertagen. Als ich das Ensemble im Proberaum erlebte, sind mir jedenfalls mehrmals die Tränen gekommen, weil diese Schönheit einfach ergreifend war.

Sie haben in "Control" Ian Curtis von Joy Division gespielt. Gibt es eine Verbindung von der Post-Punk-Ikone Curtis zur Ballett-Ikone Cranko?

In beiden Fällen habe ich Familie und Freunde kennen gelernt. Da spürt man zum einen die Hoffnung, zum anderen aber natürlich auch eine gewisse Angst. Wird man den Erwartungen gerecht, diese Figur zu spielen? Die Erfahrung von "Control" war für mich bei "Cranko" wichtig. Beide wollte ich nicht als Ikone darstellen, sondern als Menschen. Entscheidend dabei war, dass ich Ähnlichkeiten zu mir finden kann. Das ist für mich der Schlüssel für jeder Rolle.

Wie groß erlebt man die Last, eine reale Person zu spielen?

Druck spürt man sowieso bei jeder Rolle. Mein Anspruch ist immer, so gut wie möglich zu sein. Da bin ich kritischer als die schlimmsten Kritiker. Solche Figuren sind auf jeden Fall Traumrollen für jeden Schauspieler. Deshalb ist es für mich eher eine Ehre als eine Last.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film
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Es gibt die Diskussion, wonach queere Figuren nur von queeren Menschen gespielt werden sollen. Der "Queer as folk"-Macher Russell Davies fordert das rigoros. Umgekehrt sah man Daniel Craig in Venedig in "Queer" nicht zum ersten Mal in einer schwulen Rolle. Wie sehen Sie das?

Ich kann Russell Davies teilweise verstehen, ich möchte einem schwulen Mann seine Erfahrungen nicht absprechen. Es gibt tatsächlich Dinge, die man als Schauspieler nicht tun sollte, ich würde etwa nie einen Othello spielen. Aber dass schwule Figuren nur schwulen Darstellern vorbehalten bleiben sollen, fände ich falsch. Entscheidend für mich ist immer die Glaubwürdigkeit. Daniel Craig war als Lover von Francis Bacon in "Love is the Devil" doch ziemlich perfekt!

Hätte Fassbinder diesen Film gedreht, wäre es bei den Sex-Szenen sicher heftiger zugegangen. Weshalb beschränkt sich "Cranko" da nur auf Andeutungen?

Bei "Cranko" standen Sex-Szenen nie im Drehbuch, mich fragte auch niemand, ob ich davor Angst hätte. Vielleicht liegt es daran, damit der Film eine Jugendfreigabe erhält und auch ein junges Publikum ihn sehen kann. Ich habe früher einige Sex-Szenen gespielt und bin kein so großer Fan davon. Auch als Zuschauer wirft mich das aus dem Film, weil man denkt: 'Ach, da ist der Daniel Craig.'.

Sie spielen auf Deutsch. Wie leicht fällt es dem Briten, in der fremden Sprache zu spielen?

Vor dieser Herausforderung hatte ich richtig Angst. Mein Freund und Kollege Bill Nighy gab mir den Rat: 'Das Heilmittel gegen die Angst vor der Arbeit ist die Arbeit!'. Ich habe dann zwei Monate vor dem Dreh meine Dialoge auswendig gelernt. Damit konnte ich die Szenen ganz gut über die Bühne bringen – aber es gab immer diese kleine Stimme im Kopf, die warnt: 'Gleich kommt dieses Wort, das du immer falsch aussprichst!'. Zum Glück war John ja nicht deutsch, wenn ich 'der' und 'die' und 'das' falsch gesagt habe, wurde das einfach so gelassen.

Sie waren in Cannes an der Seite von Jude Law zu sehen, spielen demnächst im Biopic "Die Witwe Clicquot" und haben mit Jan-Ole Gerster einen Thriller abgedreht – kein schlechter Lauf…

Es sieht ein bisschen so aus, als wäre ich gerade recht erfolgreich. Richtig deutlich wurde mir das bei einem Besuch in meiner Heimat in West Yorkshire. Das dortige Kino hat nur zwei Leinwände, und auf beiden lief ein Film, bei dem ich mitgespielt habe. Es waren nur Nebenrollen, aber meine Eltern waren begeistert.

Da müssen Sie langsam aufpassen, dass sie nicht mehr Erfolg haben als ihre Kollegin und Ehefrau Alexandra Maria Lara…

Ich werde nie so erfolgreich wie meine Frau. Das war glasklar vom ersten Moment. Und damit kann ich sehr gut leben! (lacht)

Infos zum Film

Cranko. Biopic. Deutschland 2024. Regie: Joachim A. Lang. Cast: Sam Riley, Max Schimmelpfennig, Lucas Gregorowicz, Hanns Zischler sowie Friedemann Vogel, Elisa Badenes, Jason Reilly und weitere Ensemblemitglieder des Stuttgarter Balletts. Laufzeit: 128 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Port au Prince Pictures. Kinostart: 3. Oktober 2024.
Galerie:
Cranko
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