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Schwul, süchtig und ein Genie

Die queere Stimme des 20. Jahrhunderts: Hundert Jahre Truman Capote

Der Jahrhundertschriftsteller Truman Capote kam am 30. September 1924 in New Orleans zur Welt. Sein Einfluss auf die queere Kulturgeschichte kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.


Truman Capote (1924-1984) im Jahr 1978 im legendären Club Studio 54 in New York (Bild: IMAGO / Everett Collection)

Zu einer Zeit, als Truman Capote in den USA längst bekannt ist wie ein bunter Hund, verbringt er mit Tennessee Williams einen Abend in einer vollbesetzten Bar in Key West. Eine Frau erkennt Capote, stürmt auf ihn zu, zieht ihre Bluse hoch bis über den Bauch und hält ihm einen Augenbrauenstift entgegen: Sie will ein Autogramm – rund um ihren Nabel. Truman zögert, doch Tennessee ermuntert ihn. Der betrunkene Ehemann der Frau wird daraufhin von einem Tobsuchtsanfall gepackt, holt schließlich sein Geschlechtsteil aus der Hose und brüllt: "Da Sie anscheinend alles signieren – wie wär's hiermit?" Im Saal herrscht Totenstille. Nach einer kurzen Pause entgegnet Truman: "Ich weiß nicht, ob da mein Autogramm drauf passt, aber ich könnte es mit einem Kürzel versehen."

Geschichten wie diese erzählt Capote immer wieder, letztere auch in unterschiedlichen Varianten und besonders gerne in geselliger Runde, wobei er die öffentliche Aufmerksamkeit auskostet wie niemand sonst. Er liebt den Tratsch und die Konversation auf hohem Niveau – und genießt seine eigene Schlagfertigkeit. Zudem erweist sich Capote als guter Zuhörer, mit besonderem Interesse für die Abgründe der Seele, die Schwächen und Widersprüchlichkeiten seiner Mitmenschen – wie auch für die eigenen. In seinem Selbstporträt "Nächtliche Unruhe" (1979) beschreibt sich der Schriftsteller als Siamesisches Zwillingspaar, das plaudernd miteinander unentwegt im Clinch liegt: "Masturbation ist immer noch besser als all die Typen, die du schon angeschleppt hast", sagt während einer schlaflosen Nacht der eine; der andere wiederum entgegnet "Wenn's nach Dir ginge, würden wir es überhaupt nur noch mit uns selbst machen."

Mit Kritik nicht besonders zimperlich


Truman Capote im Jahr 1948 (Bild: Carl Van Vechten / wikipedia)

In diesem inneren Dialog stellt er sich auch Fragen nach seinen sexuellen Fantasien, nach seinen Ängsten und seinem Glauben. "Ich bin bestimmt nicht der schlechteste Mensch, der mir je begegnet ist, jedenfalls solange man nicht genau hinschaut", meint Truman, der jedoch auch einräumt, in seinem Leben ein paar vorsätzliche Grausamkeiten begangen zu haben. Dabei bekennt sich ein Teil von ihm zum christlichen Glauben an einen Gott – ungeachtet all dessen, was er an sich selbst als nachlässige Sünden betrachtet. Er fasst sie zusammen in dem koketten Ausspruch: "Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie." Dieses Zitat wird zum schlagkräftigen Titel eines zum Kultbuch avancierten Gesprächsbands, der sich aus mehreren Interviews mit dem Journalisten Lawrence Grobel kurz vor Capotes Tod im Jahr 1984 zusammensetzt (im Original "Conversations with Capote")

Das Buch ist eine größtenteils unterhaltsame, meist geistreiche, manchmal auch anrührende Ansammlung von biografischen Anekdoten, durchzogen von zahlreichen Scharfzüngigkeiten und Lästereien: William Burroughs? Hat keine Unze Talent, findet Capote. Barbara Streisand? Macht aus jedem Song eine Oper in drei Akten. Ernest Hemingway? Eine haarige Klemmschwester, der es an Aufrichtigkeit fehlt. Truman Capote ist dafür bekannt, mit Kritik nicht besonders zimperlich zu sein, ganz unabhängig vom Bekanntheitsgrad der Betreffenden. Kein Wunder, dass er sich mit vielen befreundeten Prominenten überwirft – manche werden ihm zum Feind.

Die Fehden mit Gore Vidal und den "Schwänen"

Sein Schriftstellerkollege Gore Vidal führt gegen ihn einen spektakulären Verleumdungsprozess, weil Capote in einem Interview sagt, dass Vidal auf einer Party ausfällig gegenüber der Kennedy-Familie geworden sei. In Wirklichkeit ist der Streit nur der erste Höhepunkt eines bereits lange schwelenden Konflikts, in dem wohl nicht nur Zwietracht, sondern auch Neid und enttäuschte Erwartungen eine Rolle spielen. Vidal sagt einmal über Capote, dieser halte sich für eine "sehr reiche Society-Lady", dabei sei er nichts weiter als "eine republikanisch gesinnte Hausfrau aus Kansas, mit allen Vorurteilen". Capote wiederum urteilt über Vidal, dieser habe nicht ein literarisch relevantes Werk geschrieben, "kein unvergessliches Buch, oder eines, das eine Wende in seinem Leben gebracht oder sonst irgendjemanden berührt hätte". Für die Klatschpresse ist die Auseinandersetzung ein gefundenes Fressen. Sie trifft den Nerv eines Publikums, das sich nur zu gern am Zickenkrieg zweier schwuler Schriftsteller ergötzt – zumal die beiden einst eine Freundschaft verband.

Eine weitere und weitaus verhängnisvollere Fehde riskiert Capote mit einer Gruppe prominenter und wohlhabender Frauen in New York, die er die "Schwäne" nennt – unter ihnen High-Society-Ladys wie Barbara Paley und Gloria Vanderbilt. Sie schmücken sich in der Öffentlichkeit mit ihm als gefeierten Schriftsteller und sonnen sich in seinem intellektuellen Glanz. Als bester schwuler Freund erfährt er intimste Geheimnisse und wird zum Seelentröster in der Not. Im Gegenzug erhält Truman Zugang zum Kreis der oberen Zehntausend; er besucht die Frauen mit deren Familien auf ihren Yachten, reist in Privatjets und trifft sich mit ihnen zum Lunch im "La Côte Basque". Es kommt zum Vertrauensbruch, als er Mitte der 1970er Jahre Auszüge aus seinem unvollendeten Werk "Erhörte Gebete" (Answered Prayers) im Magazin "Esquire" veröffentlicht. In diesen Texten enthüllt er pikante Details über das Privatleben der Frauen, über ihre unerfüllten Sehnsüchte und die Affären ihrer Ehemänner – eine literarische und gesellschaftliche Bombe. Von diesem Zeitpunkt an gilt Capote als Verräter, er wird von weiten Teilen der New Yorker Gesellschaft geächtet. Andere wiederum zollen ihm dafür Respekt, wie etwa der Schriftsteller James A. Michener, der Capotes Arbeit als "die Sicht eines Proktologen auf die amerikanische Gesellschaft" beschreibt.

Kontakt zu den Außenseitern und Marginalisierten

Doch Capotes Lebenswerk wird mit dieser Episode auf ein Klischee reduziert, denn letztlich war er weit mehr als ein Beobachter der Reichen und Schönen. Bereits in seinen frühen Kurzgeschichten – etwa in seinem 1948 erschienenen Erzählband "Baum der Nacht" (Amazon-Affiliate-Link ) (Tree of Night) – identifizierte er sich mit den Außenseitern und Marginalisierten der Gesellschaft. Zu seinen Figuren gehören junge Frauen, die sich den heteronormativen Konventionen verweigern, sowie Männer, die der Trunksucht verfallen, körperlich eingeschränkt sind oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Capotes Favorit unter seinen eigenen Reportagen ist das Stück "Ein Tagwerk" aus dem Sammelband "Die Hunde bellen" (The Dogs Bark), bei der er die Witwe Mary Sanchez einen Tag lang bei ihrer Arbeit als Putzfrau begleitet und dabei erfährt, dass ihr Mann im Jahr zuvor an den Folgen seiner Trunksucht verstarb und einer ihrer Söhne wegen bewaffneten Raubüberfalls eine zehnjährige Haftstrafe absitzt.


Truman Capote 1968 (Bild: Eric Koch for Anefo / wikipedia)

Kein anderer pflegte Kontakte innerhalb eines solch breiten Spektrums der amerikanischen Gesellschaft wie Truman Capote: Er hatte einen persönlichen Verbindung zu den Nixons, den Kennedys und den Reagans; als Journalist kam er Marlon Brando und Mick Jagger so nah wie niemand sonst aus seiner Zunft, und zu den weiblichen Superstars, mit denen er eng befreundet war, zählte Marilyn Monroe, der er in einem Gespräch die Anekdote entlockte, wie Errol Flynn auf einer Party mit seinem Penis auf dem Klavier klimperte: "Er hat sogar die richtigen Tasten getroffen. Weißt Du, was er gespielt hat? You Are My Sunshine."

Eine besondere Beziehung entwickelte Truman zu verurteilten Serienkillern, von denen er eigenen Aussagen zufolge mehr als 400 kennenlernte. Sie vertrauten sich ihm an, weil er sich vehement gegen die Todesstrafe aussprach. Truman verfügte über ein Einfühlungsvermögen, das ihnen signalisierte: Ich fälle kein Urteil über euch – ich versuche, eure Motive nachzuvollziehen. Genau das gelang ihm in einer literarischen Vielschichtigkeit, für die er viel Anerkennung erntete. In seinem 1965 erschienenen Roman "Kaltblütig" (Amazon-Affiliate-Link ) (In Cold Blood) rekonstruiert Capote den vierfachen Mord an der Familie Clutter im Westen von Kansas. Das Buch wird zum Wegbereiter eines neuen Genres: des Tatsachenromans. Die Recherchen beanspruchen sechs Jahre von Capotes Lebens – dabei entwickelt er ein inniges Verhältnis zu den beiden Tätern, vor allem zu dem 31-jährigen Perry Edward Smith, dessen eigene Kindheit von Gewalt geprägt war. Capote ist der letzte, der mit ihnen spricht; er wohnt dem Vollzug der Todesstrafe bei.

"Eine Stimme, die New York die Ohren dröhnen ließ"

So divers die Vielzahl der Stimmen auch ist, die Capote erhört und für ein großes Publikum hörbar werden lässt, ist seine eigene vor allem eine bedeutende queere Stimme des 20. Jahrhunderts. Und das ist zunächst einmal ganz wörtlich zu verstehen. Kein anderes Merkmal an ihm ist so häufig beschrieben worden. Für den Schriftsteller Norman Mailer war sie "voll aufgesetzter Sprödheit und unnachsichtiger Nasalität; eine Stimme, die New York die Ohren dröhnen ließ." John Malcolm Brinnin fand sie "seltsam und hoch, reich an spaßigen Resonanzen, die ihre eigene Tonleiter umspannten: Lerchentriller, und wenn er lachte oder brummte, ein Hafensirenenbaß." Truman selbst sagte dazu: "Ich weiß immer schon im voraus, wenn ein Interview mit mir eine leicht feindselige Wendung nehmen wird, weil ganz gleich, wer das Interview geschrieben hat, er schon im allerersten Abschnitt etwas über meine Stimme sagt."

"Andere Stimmen, andere Räume" (Amazon-Affiliate-Link ) (Other Voices, Other Rooms) – so lautet stimmigerweise der Titel des Romans, mit dem der 18-jährige Truman Capote als Schriftsteller seinen Durchbruch erzielt – eine autobiografische Erzählung über den feminin wirkenden Jungen Joel, der nach der Scheidung seiner Eltern bei Verwandten in den Südstaaten aufwächst. Bemerkenswert ist dabei, dass Capote bereits damals Vorurteile gegenüber seinem Alter Ego schildert, die heutigen Erfahrungen von Homophobie und Misstrauen gegenüber Queerness gleichkommen. Er beschreibt eine Szene, bei der der Lastwagenfahrer Sam Radcliff den jungen Joel betrachtet, und "es gefällt ihm gar nicht, wie der Junge aussieht. Er hatte seine eigenen Vorstellungen, wie ein 'echter' Junge aussehen sollte, und dieser Bursche verstieß irgendwie dagegen. Er war zu hübsch, zu zierlich und zu hellhäutig; seine Gesichtszüge waren samt und sonders mit einer sensiblen Feinheit gebildet, und eine mädchenhafte Zartheit verlieh ihm einen weichen Ausdruck."

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Der junge Truman in schlüpfriger Pose

Zum Skandal wurde das Buch allein des Umschlags wegen: Das darauf abgebildete Foto zeigt den jungen Truman in einer schlüpfrigen Pose. "Für gewöhnlich wurden Schriftsteller zu dieser Zeit mit ihrem Hund oder im Rollkragenpullover abgelichtet", so sein Biograf Gerald Clarke. Truman schaue direkt in die Kamera, als wolle er sie verführen. "Das bin einfach ich, auf dem Sofa liegend und in die Kamera blickend", entgegnet wiederum Capote im Gespräch mit Lawrence Grobel. "Aber ich schätze, es lässt vermuten, ich gäbe mehr oder minder jemandem einen Wink, auf mich draufzusteigen".


Truman Capote auf dem Umschlagfoto seines Romans "Other Voices, other Rooms" (1948): "Ich schätze, das Foto lässt vermuten, ich gäbe mehr oder minder jemandem einen Wink, auf mich draufzusteigen" (Bild: Harold Halma)

Mit seiner schwulen Identität ging Truman von Anfang an offen und selbstbewusst um – und das zu einer Zeit, als gleichgeschlechtliche Handlungen und jegliche Andeutung von Queerness in den USA noch lange verboten waren. In einem Interview mit der New York Times sagte er: "Die Leute fühlen sich anfangs befremdet durch etwas, das sie als anders empfinden, aber ich habe sie verführt. Das lief wie folgt ab: Du findest ich bin anders – und ich werde Dir zeigen, wie interessant dieses Anderssein ist." Auch sein Lebensgefährte Jack Dunphy war nie ein Tabuthema. Die beiden verbrachten 35 gemeinsame Jahre, bis Truman im August 1984 starb.

Die Queerness zog sich durch sein gesamtes Werk

Capotes Queerness zog sich durch sein gesamtes Werk, mal mehr, mal weniger unterschwellig. Für die Verfilmung seines 1958 veröffentlichten Romans "Frühstück bei Tiffany" (Amazon-Affiliate-Link ) wurden jedoch alle Andeutungen getilgt – sehr zum Verdruss von Truman, der zudem Audrey Hepburn für eine Fehlbesetzung hielt und in einer Neuverfilmung gerne Jodie Foster in der Hauptrolle gesehen hätte. Die heterosexuelle Romanze zwischen Holly Golightly und dem Nachbarn wurde von den Produzenten erfunden, weil sie glaubten, damit ein größeres Publikum zu erreichen. Dabei ist in der literarischen Vorlage von einer erotischen Spannung zwischen der Protagonistin und dem namenlosen Ich-Erzähler, der eine Etage über ihr wohnt, keine Rede. Genau genommen handelt es sich bei ihm wiederum um ein Alter Ego von Capote: Im Roman feiert er am selben Tag Geburtstag wie Truman – an einem 30. September.

Allen Einwänden zum Trotz schuf Capote mit Holly Golightly eine Stilikone, die von Audrey Hepburn hinreißend verkörpert und von einem queeren Fanpublikum auch heute noch ikonisch verehrt wird. Truman Capotes Stellung als queere Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – nicht nur seines literarisches Gesamtwerks wegen, sondern auch aufgrund seiner Autorität und der souveränen Art, in schwierigen Zeiten öffentlich mit seiner Queerness und seiner schwulen Identität umzugehen. Kein Wunder, dass er für den jungen und noch unbekannten Andy Warhol von Anfang an ein Vorbild war.

Warhols Bewunderung war so groß, dass er ihn gleich zu stalken begann, kaum dass er von Pittsburgh nach New York gezogen war. Er überhäufte ihn mit Fanpost und rief täglich bei Truman zuhause an – bis sich dieser genötigt sah, ihn in die Schranken zu weisen. Ungeachtet dessen entwickelte sich zwischen beiden eine Art Freundschaft, und Warhol widmete ihm 1952 seine erste Einzelausstellung: "Fifteen Drawings Based on the Writings of Truman Capote" – gewissermaßen ein Ausdruck der Solidarität und der Anerkennung, der in der Geschichte queerer Kultur einmalig ist.

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