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Streamingtipp
Familienkrach in der Haute Couture
Die sehr unterhaltsame französische Serie "La Maison", neu bei AppleTV+, versucht gar nicht erst so zu tun, als sei sie etwas anderes als eine Edel-Soap. Queerness wird großgeschrieben!

Der schwule Robinson (Antoine Reinartz), Neffe von Chefdesigner Vincent Ledu, träumt selbst von einer Designkarriere (Bild: AppleTV+)
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29. September 2024, 03:27h 3 Min.
Wenn heute von Seifenopern die Rede ist, dann schwingt nicht selten ein abfälliger Tonfall mit. Bei Soaps denkt man in erster Linie an täglich ausgestrahlte Serien à la "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder "General Hospital", günstig, wie am Fließband und ohne künstlerischen Anspruch produziert, während die erfolgreichen Zeiten von aufwändigen Hochglanz-Serien wie "Dallas" oder "Melrose Place" jahrzehntelang zurückzuliegen scheinen.
Oft erst auf den zweiten Blick fällt deswegen auf, dass natürlich auch heute noch immer wieder Geschichten auf dem Bildschirm zu sehen sind, die nach genau diesen Mustern funktionieren: familiäre Streitigkeiten und amouröse Verwicklungen, Rachepläne und eifersuchtsgetriebene Intrigen gibt es auch in "Yellowstone", "The Morning Show" oder "Downton Abbey" zu sehen. Nur dass diese Serien sich lieber das Mäntelchen des Prestige-TVs umhängen, als sich als Seifenopern zu erkennen zu geben.
Ein fiktives Modehaus in Paris
Mit "La Maison", gerade angelaufen bei AppleTV+, gibt es nun aber endlich wieder einmal eine Serie, die eben dieses Genre mit Wonne zu umarmen scheint. Zehn Folgen lang dreht sich in dieser französischen Produktion alles um ein fiktives Modehaus in Paris: Ledu, noch immer als unabhängiger Familienbetrieb geführt, gehört bereits seit 100 Jahren zu den großen Haute Couture-Institutionen. Doch statt der Vorbereitung auf die Jubiläums-Modenschau hat Chefdesigner Vincent Ledu (Lambert Wilson) bald anderes am Hals, als ein Video viral geht, das ihn bei einem rassistischen Rant zeigt. Galliano lässt grüßen!

Lambert Wilson als Chefdesigner Vincent Ledu (Bild: AppleTV+)
Sein Bruder Victor (Pierre Deladonchamps), der noch Anteile an der Firma hält, aber eigentlich mit der Familie gebrochen und in die Konkurrenz eingeheiratet hat, lacht sich ins Fäustchen, während seine Schwiegermutter, die mächtige Mode-Unternehmerin Diane Rovel (Carole Bouquet), eine Übernahme-Chance wittert. Der Ledu-Neffe Robinson (Antoine Reinartz, aus "120 BPM"), eigentlich für die PR zuständig, aber insgeheim selbst von einer Design-Karriere träumend, ist an der Video-Situation womöglich nicht ganz unschuldig.
Und Vincents engste Mitarbeiterin, beste Freundin und langjährige Muse Perle Foster (Amria Casar, "Call Me By Your Name") möchte den Untergang des Betriebs verhindern, indem sie die junge, unkonventionelle Modeschöpferin Paloma Castel (Zita Hanrot) als neue Designerin engagiert, die ihrerseits einen sehr persönlichen, alles andere als unkomplizierten Bezug zur Familie Ledu hat. Doch Vincent ist kein bisschen gewillt, sein Lebenswerk kampflos aufzugeben.
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Es wird in "La Maison" – verantwortet von den Showrunner*innen Valentine Milville und José Caltagirone – hintergangen und gelogen, betrogen und getäuscht, was das Zeug hält, immer wieder verschieben sich die Machtverhältnisse und Loyalitäten innerhalb der erweiterten Familie und natürlich gibt es auch allerlei amouröse Verwicklungen. Als eine Mischung aus "Emily in Paris" und "Succession" beschrieb der britische Guardian die Serie, und doch ist sie eben Seifenoper durch und durch. Was auch bedeutet, dass man von den Drehbuch-Dialogen eher keine tiefschürfenden Erkenntnisse oder subtile Raffinesse erwarten sollte.
Kurzweilige Unterhaltung mit Amanda Lear in einer Gastrolle
Dass ausgerechnet die Mode selbst und die Prozesse ihrer Entstehung angesichts von so viel Familien- und Firmendrama ein wenig ins Hintertreffen gerät, ist bedauerlich. Aber wer das verkraftet und sich auch an der den Bildern innewohnenden Künstlichkeit nicht weiter stört, kommt hier in Sachen leichter, kurzweiliger Unterhaltung voll auf seine Kosten. Auch weil Queerness großgeschrieben wird, nicht nur wenn Robinson damit ringt, sein Techtelmechtel mit einem Firmenangestellten (Corentin Fila) zu einer echten Beziehung werden zu lassen, oder Paloma und ihre Partnerin (Park Ji-min) Berufliches und Privates vermischen.

Mit der neuen Designerin Paloma Castel (Zita Hanrot, r.) und ihrer Partnerin Park Ji-min (Ye-Ji Kang) gibt es auch ein lesbisches Paar (Bild: AppleTV+)
Vor allem allerdings macht es Spaß, Schauspieler*innen wie dem wunderbar schnöseligen Lambert Wilson, der unverwüstlichen Carole Bouquet oder der charismatischen Amira Casar (sowie in einer Gastrolle Amanda Lear) dabei zuzusehen, wie sie mit viel Spielfreude hemmungslos auf die Tube drücken.
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