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"Will & Harper" auf Netflix: Unbedingt ansehen!
Die vor tief empfundener Menschlichkeit nur so strotzende Doku "Will & Harper" begleitet Hollywood-Star Will Ferrell und seine beste trans Freundin Harper Steele nach ihrem Coming-out bei einem Roadtrip durch die USA.

Harper Steele und Will Ferrell lernten sich im Autor*innen-Team der Sketchshow "Saturday Night Live" kennen (Bild: Netflix)
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2. Oktober 2024, 07:44h 4 Min.
Ein Hollywood-Star lässt sich bei einem Roadtrip durch die USA begleiten. Diese Filmidee hat das Zeug dazu, entweder als eitle Selbstbeweihräucherung zu enden oder zu einer unglaubwürdigen Sozialstudie zu verkommen, bei der ein Promi in der Provinz dem wahren Leben nachspürt. Im Fall des wundervollen Dokumentarfilms "Will & Harper", der neu bei Netflix zu sehen ist, liegt die Sache allerdings anders. Was daran liegt, dass Comedy-Ikone Will Ferrell – der Titel deutet es an – hier eben nicht alleine unterwegs ist.
Harper Steele und Ferrell kennen sich seit Jahren: Sie fing ungefähr gleichzeitig im Autor*innen-Team der Sketchshow "Saturday Night Live" an, als er dort zum Ensemble stieß (und berühmt wurde). Die beiden freundeten sich an, später schrieben sie gemeinsam die Komödie "Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga". Nur dass Steele in all dieser Zeit noch nicht wirklich als sie selbst lebte. Denn erst während der Pandemie begann sie mit ihrer Transition und offenbarte ihrer Familie und allen Freund*innen per E-Mail ihre Identität als trans Frau.
Mit Pringles von New York nach Kalifornien

Poster zum Film: "Will & Harper" kann seit 27. September 2024 auf Netflix gestreamt werden
Seine bedingungslose Unterstützung und Liebe für die enge Freundin zog Ferrell damals keinen Moment lang in Zweifel. Doch er hatte Fragen. Und Steele hatte durchaus Redebedarf. Außerdem wollte sie – die begeisterte Roadtripperin – noch einmal mit dem Auto durch die USA fahren und erleben, wie unterschiedlich sich diese Erfahrung, zumal in der Provinz, anfühlt, wenn man nicht mehr als Mann unterwegs ist. Wohlwissend, dass es allein aus Sicherheitsgründen nicht schaden kann, dabei nicht allein zu sein. So brechen die beiden – mit jeder Menge Packungen Pringles im Gepäck, die hier zum Running Gag werden – auf, von New York, wo sie zunächst der alten Arbeitsstätte SNL einen Besuch abstatten, über Bundesstaaten wie Indiana, Illinois oder Texas bis nach Kalifornien.
Was man in "Will & Harper", inszeniert von Josh Greenbaum (der u.a. auch bei der herrlichen Komödie "Barb & Star Go to Vista Del Mar" Regie führte) nun auf ganz wundervolle Weise zu sehen bekommt, ist zweierlei. Einerseits Allyship at work: Die aufrichtige Unterstützung, mit der Ferrell seiner Freundin zur Seite steht, ist herzergreifend, und man kann ihm quasi dabei zusehen, wie er dazulernt und mit jedem Tag sein Verständnis wächst. Aber andererseits ist der Film auch Zeugnis eines Selbstfindungsprozesses, ist doch Steele selbst noch eher am Anfang ihrer Lebensreise als trans Frau und mittendrin im Sammeln von Erfahrungen und dem Ausloten der eigenen Identität. Am Ende ist zumindest klar, dass eine solche Reise aus einer engen Freundschaft eine noch viel engere machen kann.
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Unterhaltsame Reise-Doku und vorbildhaftes Lehrstück
Die Ehrlichkeit, mit der alle Beteiligten vorgehen, ist dabei besonders berührend. Es kommt im Laufe des Trips zu sehr erbaulichen Begegnungen, sei es mit Steeles Schwester, mit langjährigen Wegbegleiter*innen wie Will Forte oder Tina Fey und sogar in schummerigen Kleinstadt-Bars in Landstrichen, wo vermutlich vor allem Trump-Fans leben. Doch als Zuschauer*in wird man auch Zeug*in von unguten Situationen, in denen zum Teil gerade Ferrells Prominenz, die an anderer Stelle fast zu einer Art Schutzschild für Steele wird, Probleme nach sich zieht. Etwa wenn er sich mit einem Politiker fotografieren lässt, der – wie sich danach herausstellt – diverse Anti-Trans-Gesetze mitzuverantworten hat. Oder wenn ein Steak-Essen unter Beobachtung zu jeder Menge Hass in den sozialen Netzwerken führt.
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Tränen des Lachens und des Schmerzes liegen in "Will & Harper" ohnehin sehr nah beieinander, und die Leichtigkeit, mit der dieser vor tief empfundener Menschlichkeit nur so strotzende Film gleichzeitig unterhaltsame Reise-Doku und vorbildhaftes Lehrstück gleichzeitig ist, beeindruckt. Man möchte Steele und Ferrell küssen für die Offenheit, mit der sie wirklich keinem noch so intimen Thema aus dem Weg gehen, von geschlechtsangleichenden Operationen bis hin zu Selbstmordgedanken. Und ihre Freundin Kristen Wiig bekommt ein Extra-Küsschen für den Song, denn sie diesem Roadtrip und vor allem dieser Freundschaft auf den Leib schreibt. Unbedingt ansehen!
Will & Harper. Dokumentarfilm. USA 2024. Regie: Josh Greenbaum. Mitwirkende: Will Ferrell, Harper Steele. Sprache: englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). Laufzeit: 114 Minuten. Seit 27. September 2024 auf Netflix
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