https://queer.de/?51166
Streamingtipp
How to Be Gay Daddies
Die Miniserie "Lost Boys & Fairies" begleitet ein schwules Paar aus Cardiff auf dem steinigen Weg zur Identitätsfindung und Elternwerdung. Die bezaubernde BBC-Produktion kann auch in Deutschland gestreamt werden.

Andy (Fra Fee, l.) und Gabe (Sion Young) sind schon seit einigen Jahren ein Paar (Bild: BBC)
- Von
3. Oktober 2024, 10:22h 4 Min.
Eltern zu werden ist eine tiefgreifende und oft lebensverändernde Erfahrung, die neben immenser Freude auch erhebliche Herausforderungen mit sich bringt. Zumal mit der Elternwerdung ein neuer Prozess der Identitätsfindung einhergeht. Für queere Paare ist das Elternwerden oft eine noch komplexere Erfahrung, da sie von zusätzlichen rechtlichen, sozialen und kulturellen Herausforderungen geprägt sein kann.
Davon kann auch der Waliser Daf James berichten. Er arbeitet für Film, Fernsehen und Theater, ist selbst schwul und hat gemeinsam mit seinem Mann bereits drei Kinder adoptiert. Um den Prozess, durch den sie gegangen sind, zu verarbeiten, wie er sagt, habe er die Serie "Lost Boys & Fairies" geschrieben – "Ich konnte einfach nicht anders". Darin geht es um den Performancekünstler Gabe, der sich mit seinem Partner Andy den Traum der Elternschaft erfüllen will. Die Serie erzählt in drei Teilen ihre gemeinsame Reise zur Adoption. Eine schwule Coming-of-Middle-Age-Story, in der es für Daf James, der hier als Creator, Autor, Musikdirektor und ausführender Produzent tätig war, vor allem um eines geht: Familie.
Als unverheiratetes schwules Paar ein Kind adoptieren

Poster zur Serie: "Lost Boys & Fairies" kann seit Juni 2024 im BBC iPlayer gestreamt werden
Gabe (Sion Young) und Andy (Fra Fee) sind schon seit einigen Jahren ein Paar, verheiratet sind sie allerdings nicht, denn das findet Gabe "viel zu heteronormativ". Gabe tritt als Dragqueen regelmäßig im Nachtclub "Neverland" auf und hat hier seine queere Wahlfamilie gefunden. Zu seiner konservativ geprägten Familie hat er ein schwieriges Verhältnis: Die Mutter ist gestorben, da war Gabe noch ein Kind, und der brummige Vater ist eher distanzierter, kühlerer Natur. Nun will er mit seinem Partner Andy, den er einst im Club an der Bar kennengelernt hat, ein Kind adoptieren. Dabei wird er nicht müde zu betonen, dass es unbedingt ein kleines Mädchen werden soll.
Doch dazu müssen sie erstmal ihre Sozialarbeiterin Jackie (Elizabeth Berrington) davon überzeugen, dass sie der Aufgabe gewachsen sind. Dabei zeigt sich in der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Biografie vor allem bei Gabe viel Unausgesprochenes, Verdrängtes und Verschwiegenes – traumatische Erlebnisse, die bis in die Gegenwart nachzuwirken scheinen. Dazu zählt nicht nur homophobes Mobbing in der Schule, sondern auch erlebte physische Gewalt durch den Vater in der Kindheit und missbräuchlicher Drogen-, Alkohol- und Sexkonsum im jungen Erwachsenenalter.
Der Versuch, diese Abgründe in den Gesprächen zu verheimlichen, führt zu Flashbacks, die von der Regie in teils tragikomische Bilder mit Fantasy- oder Horrorelementen überführt werden. Das nimmt der narbenreichen Vergangenheit nicht nur die Schwere, sondern löst diese sogar in Humor auf – damit findet der Versuch von Gabe, die eigene Vergangenheit gegenüber seinen Mitmenschen zu verharmlosen, auch auf visueller Ebene statt. Ein berührender Regiekniff.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Zwischen Drama und Komödie
Daneben spielt auch die auditive Ebene eine große Rolle: Die Musik von Daf James nimmt viel Raum ein und changiert geschickt zwischen klassischen Stücken, um die innere spannungsgeladene Gefühlswelt der Protagonist*innen zu skizzieren, und poppigen Hits, die atmosphärisch von Lebensfreude, Glück und Liebe erzählen. Dabei löst sich dieser binäre Gegensatz auch in den Genresprüngen zwischen Drama und Komödie auf. Dass die Regie hier keine Angst vor Kitsch hat, um von großer Melancholie und dramatischem Schmerz zu erzählen, zeigt sich insbesondere in der musicalhaften "Mad World"-Interpretation aller Protagonist*innen, die in überzeichneter Absurdität von überbordendem Schmerz erzählt, der unter die Haut geht.
"Lost Boys & Fairies" ist vor allem ein Plädoyer dafür, einander mit Verständnis zu begegnen, sich zuzuhören und zu akzeptieren, dass es Gründe dafür gibt, warum wir so sind, wie wir sind – gerade im Erwachsenenalter, wenn die Prägung durch Kindheit und Jugend schon hinter uns liegt. Wie nah Retraumatisierung und Heilung bei traumatisierten Personen beieinander liegen können, zeigt die Serie kongenial in der Beziehung zwischen Gabe und dem potenziellen Adoptivsohn Jake – dass sie sich gegenseitig so triggern, bedeutet zunächst einmal viel Schmerz. Das Aushalten des Sich-Erinnerns scheint quälend. Aber darin liegt auch die einzigartige Möglichkeit, durch Annäherung, Zärtlichkeit und Vertrauen dauerhaft zu heilen.
|
Die walisische Serie "Lost Boys & Fairies", übrigens in englischer und walisischer Originalsprache, feierte im Juni Weltpremiere auf BBC One zur Primetime. Nur drei Tage später wurde sie in Anwesenheit von Daf James beim Seriencamp Festival in Köln zum ersten Mal in Deutschland gezeigt und von der Jury einstimmig mit dem Official Competition Award ausgezeichnet (queer.de berichtete). Bei der Preisverleihung war allerdings schon zu vernehmen, dass für Deutschland wohl ein öffentlich-rechtlicher Sender zugeschlagen hat. Schon jetzt kann die Miniserie im BBC iPlayer gestreamt werden.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Serie auf BBC One
Mehr zum Thema:
» Weitere Kritik von Ralf Kaminski: Der dornenreiche Weg zur Regenbogenfamilie (08.06.2024)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Mi, 00:00h, BR:
Bulldog
Toni und ihr Sohn Bruno sind ein Herz und eine Seele, das ändert sich schlagartig, als sie auf Ibiza eine Frau kennenlernt.
Serie, D 2022- 3 weitere TV-Tipps für Mittwoch »
















