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Neu bei Hanser Berlin
Post Covid trifft auf Queerness
Verblüffende Details, unerwartete Kippmomente und selbstkritische Ehrlichkeit: Im gelungenen Prosadebüt "Muskeln aus Plastik" macht Selma Kay Matter chronische Erkrankung und Trans-Sein zum Thema.

Selma Kay Matter, geboren in Zürich, studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin und am Literaturinstitut Hildesheim (Bild: Lee Everett Thieler)
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5. Oktober 2024, 10:23h 5 Min.
Wie lässt sich angemessen über Post Covid, überhaupt über chronische Krankheiten, Allergien, Behinderung oder über Schmerzen sprechen und schreiben? Wie über Hilfebedürftigkeit? Wie über Fürsorglichkeit? Was macht das mit uns, wenn wir dazu noch trans sind?
Die Kommunikation wird, wie wir uns leicht denken können, damit nicht einfacher – eher komplizierter. Und was geschieht mit der Sexualität und dem Begehren? Wo bleiben sie in dem Netz von Überforderung? Welche Sprache haben wir, um all das ausdrücken zu können, wofür wir eigentlich keine Sprache besitzen, weil wir diese Dinge lieber ausblenden und verdrängen?
Selma Kay Matter versucht in "Muskeln aus Plastik" (Amazon-Affiliate-Link ), soeben im Verlag Hanser Berlin erschienen, das Unmögliche, nämlich eine Antwort. Gelungen ist der aus der Schweiz stammenden nichtbinären Person etwas Großartiges, nämlich ein Essay über die fragile Balance zwischen Gelingen und Misslingen eines herausfordernden Lebens, herausfordernd sowohl für jene, die diesseits als auch jenseits der Erfahrung von Krankheit und Hilfebedürftigkeit stehen. Es ist eine Antwort, wie ein fürsorgliches Miteinander-Umgehen gelingen könnte und was gleichzeitig an Barrieren in uns selbst und um uns herum im Wege steht.
Kein Ratgeber für den Alltag

"Muskeln aus Plastik" ist am 1. Oktober 2024 bei Hanser Berlin erschienen
Aber Vorsicht, das Buch ist alles andere als ein Ratgeber oder eine Handlungsanleitung für den Alltag. Gleichzeitig ist es randvoll mit genau diesen extremen Erfahrungen und den daraus entstehenden Lebenssituationen aus lauter Einschränkungen und Behinderungen. Matter gelingt es, darüber in einer Art und Weise zu denken und zu schreiben, die mir den als Essay deklarierten Text als überaus gelungen erscheinen lässt. Es ist zugleich ein Stück faszinierende, sprachmächtige, hochreflektierte Literatur. "Dieses Buch ist für alle, die es brauchen", lautet die Widmung.
In Matters Essay, der sich nicht scheut, hie und da sozusagen Mini-Romane einzustreuen und auch mal ins Surreale zu wechseln, gibt es drei trans Akteur*innen: Kay, Aron und Ilay – mit Kay als der zentralen Figur. Gegliedert ist der Text in fünf Abschnitte mit sprechenden Titeln wie "Sick Boy Gym", "Museum of Pain" oder "Kays Cave".
Wenn das Schreiben einer E-Mail zum Problem wird
Wir starten mit Kay und Aron im Fitness Center. Was dort wie Training aussieht, ist für Kay Post-Covid-Therapie. Wir erfahren, was es heißt, mit Schmerzen und sofortiger Erschöpfung leben zu müssen, wenn schon das Ausräumen der Spülmaschine oder das Schreiben einer E-Mail zum Problem wird. Medizinisch heißt das myalogische Enzephalomyelitis (ME) beziehungsweise chronisches Fatigue-Syndrom (CES).
Es gibt keinen "validierten Biomarker, mit dem sich die Erkrankung im Körper nachweisen ließe", klärt uns Matter auf. Sie werde dadurch doppelt unsichtbar, denn weder sehen wir sie der Person an, noch sagen Labortests darüber etwas aus. Und über die Therapie denkt Kay so:
Es kommt mir komplett absurd vor, dass ich meine Tiefenmuskulatur im Bauch trainieren soll, während ich nicht mal in der Lage bin, mir Spaghetti zu kochen, ohne dass sich meine Symptome verschlimmern.
"Keine Energie zu haben, raubt einem die Persönlichkeit"
Wie funktionieren soziale Beziehungen in einer solchen Situation und wie der Sex, für den Kay sich hinterher tagelang erholen muss? Ist die Antwort "langsames Lieben" und wie sähe das überhaupt aus? "Keine Energie zu haben, raubt einem die Persönlichkeit." Das leuchtet ein, denn soziale Beziehungen funktionieren nur mit energetischem Einsatz. Und jeder Crash gehe mit der Gefahr des Chronisch-Werdens einher. Also braucht es ein ständiges Aktivitäts- und Energiemanagement. Oder anders gesagt: "Maximale Kontrolle innerhalb des totalen Kontrollverlustes." Und so kommt Kay zu dem Wunsch: "Ich will ein Toyboy aus Plastik sein."
Der Besuch eines sehr bekannten Möbelhauses wird zur surrealen Geschichte, in der Kay-aus-der-Vergangenheit auf Kay-aus-der-Gegenwart trifft. Kay und Ilay sind beide auf der Suche nach einer für sie funktionierenden Wohnraumgestaltung, damit das Sickbed auf ein Sexbett umgestellt werden kann. Für Ilay sind die Wände problematisch, die sie hinter einem Vorhang verschwinden lassen will, und für Kay hingegen die Decke: "Ich kann mir einfach nicht den gleichen Rauchmelder angucken, während ich einen Blowjob bekomme, wie während ich crashe."
Der Abschnitt "Kays Cave" beginnt mit einem Klingeln an der Tür und der Entrüstung, so gehe das nicht – klingeln, auf der Türmatte stehen, Einkaufstüten in der Hand und erwarten, dass geöffnet werde, um auf den folgenden dreißig Seiten zu erfahren, warum es nicht geht. Aber stattdessen ist da dieser ungebetene und ahnungslose Gast, der sich nicht vorstellen könne, wie es sich anfühlt, "hundertmal lieber ein Bär aus Glas" zu sein, als einen Körper aus Fleisch, Nerven und Knochen zu haben. Sich vorzustellen, "gern ein Kay-aus-der-Konservenbüchse" zu sein.
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Das ideale Sickboy-Apartment
Matter liefert in diesem Abschnitt einen Exkurs über das Traumhaus, wie es sich der "Playboy"-Herausgeber Hugh Hefner einst hat bauen lassen, mit dem der architektonische Raum in eine Art Prothese verwandelt wurde – eine "Männlichkeitsmaschinerie", die gewissermaßen Hefners maskuline Performance übernahm. Etwas Ähnliches schwebt Kay vor – nämlich als ein ideales Sickboy-Apartment, um schließlich durch das Klingeln beim Planen unterbrochen zu werden.
Dass Matter szenisches Schreiben studiert hat, tut dem in seiner Form entgrenzten und in seiner Dramaturgie geradezu fluiden Essay sehr gut. Wir sehen förmlich vor uns, was wir gerade lesen. Das Erzählte vermittelt eine große Anschaulichkeit mit oft verblüffenden Details, unerwarteten Kippmomenten und selbstkritischer Ehrlichkeit. Die Alltagssituationen vermischen sich dabei wie selbstverständlich und in fließenden Übergängen mit wissenschaftlichen Reflexionen, und dazu gibt es am Schluss noch eine hochkarätige Literaturliste. Dass in dem Text auch noch Witz und Ironie ihren Platz haben, ist ein weiteres Plus.
Am Ende aber öffnet die selbstkritische Haltung und die wohltuende gelegentliche Ironie samt literarischer Fantastik den Raum für ernstgemeinte Empfehlungen wie etwa die, Care-Arbeit müsse nicht zu jedem Zeitpunkt gerne gemacht werden, aber man müsse sie gewaltfrei machen im wahrsten Sinne des Wortes, denn:
Da die Gesundheitsversorger*innen in einer deutlichen Machtposition sind und wir chronisch Kranken bzw. trans* Personen von ihrem Wohlwollen abhängig sind, damit sie uns Indikationsschreiben oder Rezepte ausstellen, können wir uns nicht wirklich wehren gegen Ableismus, Transfeindlichkeit und jede andere Art von Machtmissbrauch.
Selma Kay Matter: Muskeln aus Plastik. Essay. 240 Seiten. Hanser Berlin. Berlin 2024. Hardcover: 23 € (ISBN 978-3-446-28003-8). E-Book: 14,99 €
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