https://queer.de/?51191
30 Jahre "Der bewegte Mann" – Teil I
Der richtige Film zum richtigen Zeitpunkt
Heute vor 30 Jahren – am 6. Oktober 1994 – war die Premiere der Komödie "Der bewegte Mann", die als erster bundesdeutscher Schwulenfilm fürs große Kino einiges in Bewegung gebracht hat.

Raus aus dem Schrank: Joachim Król (l.) und Til Schweiger in "Der bewegte Mann" aus dem Jahr 1994 (Bild: Constantin Film)
- Von
6. Oktober 2024, 03:38h 7 Min.
Der bewegte Mann – Erster deutscher Schwulenfilm fürs große Kino
Als vor 30 Jahren "Der bewegte Mann" in die Kinos kam, war eines schon ziemlich klar: Es wird ein kommerzieller Erfolg! Die beiden Comic-Vorlagen von Ralf König waren schon Bestseller. Und der erfolgreiche Produzent Bernd Eichinger betraute Sönke Wortmann mit der Regie, der schon unter anderen mit "Kleine Haie" unter Beweis gestellt hatte, wie man flott Geschichten erzählen und das ganz große Publikum ansprechen kann.
Mehr als 6,5 Millionen Zuschauende wollten seither erleben, wie Doro (Katja Riemann) ihren Freund Axel (Til Schweiger) auf dem Gäste-WC des Kölner "Gloria" mit einer anderen Frau ertappt und schließlich vor die Tür setzt. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe kommt er zunächst bei einer Männergruppe unter und schließlich bei dem schwulen Norbert (Joachim Król). Als Doros Schwangerschaftstest anschlägt und sie sich auch deshalb entschließt, Axel zurückzuholen, überrascht sie diesen ein zweites Mal. Zu ihrem Entsetzen muss sie feststellen, dass diesmal keine andere Frau dabei ist, sondern der nackte Norbert im Schlafzimmerschrank steht.
Heute noch interessant?
Allein die simple Handlung liefert keine Begründung, heute an diesen Film zu erinnern. Interessant ist vielmehr, dass erst mit diesem Film Schwule im deutschen Mainstreamkino angekommen sind und sich mit heterosexuellen Männern erstmals auf Augenhöhe begegnen, wenngleich der Abstand zum Boden ein ziemlich überschaubarer ist. Gemessen an der Aufregung über den ersten schwulen Kuss in der TV-Serie "Lindenstraße" im Jahre 1987 war das Mitte der 1990er Jahre ein Fortschritt!
Da ist beispielsweise Walter (alias Waltraud, großartig gespielt von Rufus Beck), der als "schwuler Gast" recht unbekümmert von schwulem Sex in der Männergruppe berichtet und sich darüber wundert, dass die weiteren Teilnehmer große Schwierigkeiten haben, über sexuelle Bedürfnisse zu reden. Am Ende gelingt das "befreite" Sprechen über "Titten".

Eine Schlüsselszene des immer noch unterhaltsamen Films "Der bewegte Mann" (Bild: Constantin Film)
Vom Comic zum Film
Noch interessanter ist es heute, auszuleuchten, welche Anteile der beiden Comic-Vorlagen "Der bewegte Mann" und "Pretty Baby" es in welcher Form in den Film geschafft haben. Dieser Fokus offenbart sehr deutlich, was man damals dem Publikum einer Kino-Komödie zumuten konnte bzw. wollte.
Zunächst fällt auf, dass die Hauptfigur Axel im Film erstaunlich unbewegt daherkommt. In dem gleichnamigen Comic von Ralf König war er schon von Doro verlassen worden, sieht ein, dass er an sich arbeiten muss und entscheidet sich freiwillig für die offene Männergruppe. Um Doro "zurückzuerobern" inszeniert er sogar einen Selbstmordversuch, den Doro allerdings sehr schnell durchschaut. Der geänderte Filmeinstieg kann sicher mit einer höheren "Gag-Dichte" erklärt werden, nicht aber, dass sämtliche "schwulen Bezüge" der Hauptfigur Axel gestrichen wurden. So erzählt Axel im Comic, dass er bei der Bundeswehr schon einmal mit Alfons als Belohnung (!) für ein bei Axel gestochenes Tattoo "geschlafen habe" (S. 49f.) und sich durchaus vorstellen könne, seine "schwulen Anteile" auszuleben, wenn – ja wenn – da nicht Aids als Problem wäre (S. 92)! Im Film ist davon nur das Tattoo geblieben, das der betrunkene Axel dem sabbernden Norbert zeigt. Hätte man sich bei einem Zeichentrickfilm vielleicht mehr getraut?
Als die beiden Comics 1987 bzw. 1988 erschienen sind, galt Aids noch als eine Tod bringende "Schwulenkrankheit". Zehn Monate vor "Der bewegte Mann" (1994) hatte der US-Film "Philadelphia" (1993) an die Folgen dieser Krankheit erinnert. Vielleicht wurde Aids – genauso wie der Freitodversuch von Axel – als eine zu schwere Kost für eine Komödie angesehen. Erst seit 1996 gilt eine HIV-Infektion mit den zugelassenen Kombitherapien als gut behandelbar.

Selbst das T-Shirt mit der Aufschrift "Top Fit" aus dem Comic ("Pretty Baby", S. 37) wurde für den Film übernommen
Starker Mann ganz schwach
Der Film spielt mit der Frage "Wann ist ein Mann ein Mann?". Bei Norbert wird beispielsweise der heterosexuelle Axel spätestens dann zum "richtigen Mann im Haus", als er das Problem geklauter Zeitungen löst, indem Axel frühmorgens zusammen mit dem sichtlich beeindruckten Norbert an den Briefkästen auf der Lauer liegt und dem Ertappten sehr eindrücklich die Leviten liest. Diese Szene ist im Comic überhaupt nicht vorhanden! Es ist sicher auch kein Zufall, dass die komplette Handlung von Düsseldorf nach Köln verlegt wurde.

Til Schwieger als bewegter Mann
Einen lobenswerten Kontrapunkt setzt hier der Schluss des Films: Es ist der schwule Norbert, nicht Axel als Kindsvater, der bei der finalen Geburtsszene eine zentrale Rolle spielt. Damit gelingt dem Film ein weiteres Novum im deutschen Mainstreamkino: der Beginn eines differenzierteren Blicks auf die schwule "Subkultur". Alle Rollen sind sehr unterschiedlich angelegt und eröffnen ein Panorama schwuler Lebensweisen. Dass die queere Community auch schon damals noch viel bunter war, war allerdings Mitte der 1990 Jahre so noch nicht kommunizierbar. Vielleicht musste es damals eine Komödie sein, um zumindest das leisten zu können.
Wie die zeitgenössische Homo-Presse über den Film berichtete
Dank des Kölner Centrums Schwule Geschichte (CSG) und seiner Bestände kann man heute nachlesen, wie die frühere Homo-Presse über diesen Film berichtet hat, der 3,7 Millionen Mark gekostet haben soll. Für "Magnus" (1994, Juli, S. 18-22) ist er der "wahrscheinlich erste deutsche Schwulenfilm fürs große Publikum". Zunächst werden die Dreharbeiten zur Partyszene im (früheren) Kölner "Bel Air" beschrieben. All dies wirke wie ein Spiegelbild der Kölner Szene, bei dem sich die Schwulen durch die Maskenbildnerin in das Klischee verwandelten, das es von ihnen gebe. Sönke Wortmann wird für seine Leichtigkeit gelobt und dass er im Umgang mit den Hauptdarsteller*innen ein gutes Händchen gezeigt habe. Probleme soll er nur mit den 80 aufgedrehten Party-Schwulen gehabt haben, die nie ruhig sein wollten. Ralf König hatte in der Party-Szene einen Cameo-Auftritt im eleganten goldenen Paillettenkleid und immerhin vier Wörtern Text ("Ach ja, wie tragisch", hier online, 0:52 Min.).

Ralf König in einer Nebenrolle des Films, der nach seinen Comics verfilmt wurde (Bild: Constantin Film)
Einige Monate später war der Film fertig, und "Magnus" (1994, Oktober, S. 18-21) fand weitgehend positive Worte über den Streifen. Besonders Rufus Beck wird gelobt, der offenbar direkt einem schwulen Bilderbuch entsprungen sei. Der interviewte Ralf König freut sich, dass der Film kein "Käfig voller Narren" geworden ist, auch wenn er betont, dass es nicht sein Film, sondern ein Sönke-Wortmann-Film ist. Der interviewte Sönke Wortmann berichtet wiederum von seinen Feldstudien in der Kölner Szene mit und ohne Ralf König, um sich auf diesen Film vorzubereiten. Joachim Król wird mit der Frage konfrontiert, ob schwule Rollen nicht doch besser von Schwulen verkörpert werden sollten. Dabei hat er genauso überzeugend den schwulen Norbert Brommer verkörpert, wie dies auch Rock Hudson mit Heterosexuellen gelungen ist.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
"Adam" (1994, Oktober, S. 20-22) beschreibt Norbert Brommer zwar als einen Verlierertyp in der Tradition von Woody Allen und Charlie Brown, der aber kein Mitleid erregt, sondern eine positive Identifikationsfigur sei. Auch "Adam" bietet ein Interview mit Sönke Wortmann, der darauf verweist, wie er Ralf König in die Dreharbeiten und die Entwicklung der Figuren mit eingebunden habe. Nur die genaue Ausgestaltung der weiblichen Filmfiguren habe Ralf König dann doch lieber ganz Wortmanns geübten Hetero-Händen überlassen.
Auf der Erfolgswelle mitgeschwommen – die Serie "Bewegte Männer"
Fast ein Jahrzehnt nach "Der bewegte Mann" (1994) hat die Serie "Bewegte Männer" (2003-2005) versucht, sich an den Erfolg dranzuhängen. Mit Personen wie Ingolf Lück und Ingrid van Bergen hat man durchaus bekannte Schauspieler*innen für diese Serie gewinnen können. Eine Serie, die 39 Folgen jedoch nur davon lebt, dass der schwule Norbert heimlich für seinen heterosexuellen WG-Mitbewohner Axel schwärmt. Das Spiel der Schauspieler*innen ist überzeichnet, und alle paar Sekunden verraten Lacher aus dem Off, welche platten und klischeehaften Sprüche die Drehbuchschreiber*innen für gelungene Gags hielten. Zur Identifikation laden weder der machohafte und frauenfeindliche Axel Feldheim, noch der kleine und manchmal so hilflose Norbert Brommer ein. Von einem Humor à la Ralf König ist diese Serie sehr weit entfernt.

Die Serie "Bewegte Männer" wurde von 2003 bis 2005 produziert (Bild: Constantin Film)
Drei Staffeln mit jeweils 13 Folgen ist für eine Serie nicht besonders viel, aber sie hat ihre Zuschauer*innen offenbar erreicht, auch wenn nach den ersten beiden Staffeln von 2005 die dritte Staffel schon gar nicht mehr auf DVD erschienen ist. Auf Youtube kann man sich einige Minuten Filmschnipsel anschauen, die schon einen ausreichenden Eindruck der Filmcharaktere vermitteln. Zu dieser Serie gab es auf queer.de bisher nur eine Kurzmeldung aus dem Jahre 2004. Sie hat damit schon mehr Aufmerksamkeit bekommen, als ihr zusteht. Wir werden nichts mehr über diese Serie schreiben – versprochen!
Teil II: So kam Max Raabe zu seiner ersten Filmrolle
Teil III: Georg Roth: Aus Sister George wurde Dr. Rötger
Links zum Thema:
» "Der bewegte Mann" bei Prime Video
» Der Film auf DVD bei amazon.de
» Der Film auf Blu-ray bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.
00:15h, BR:
School of Champions
Folge 12: Xmess – Georg muss seinen Eltern, die sehr religiös sind, seine Homosexualität gestehen.
Serie, A 2025- 4 weitere TV-Tipps »
















