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Berlin

Ein Song für jedes Jahr nach Stonewall

Zwischen Rock-Oper, Drag-Show und Pop-Konzert: In Berlin feierte am Mittwoch Taylor Macs und Matt Rays einzigartige queere Performance-Show "Bark of Millions" ihre Europa-Premiere. Die vier Stunden vergingen wie im Flug.


Szene aus "Bark of Millions": Weitere Vorführungen im Berliner Festspielhaus gibt es nur noch am 11. und 12. Oktober 2024 (Bild: Daniel Boud)

Die Geschichte der queeren Bewegung hat schon immer Künstler*innen, Filme- und Theatermacher*innen inspiriert, sich damit auseinanderzusetzen. Auch im Theater und im Musical. Doch die vierstündige Produktion "Bark of Millions", die am Mittwoch im Berliner Festspielhaus ihre Europa-Premiere hatte, nachdem sie zuvor nur in Australien und den USA zu sehen war, ist schon etwas Besonders.

Der Titel jedes Liedes in "Bark of Millions" ist der Name einer queeren Figur der Weltgeschichte, die von Oscar Wilde bis zur Comedienne Margaret Cho eine ziemliche Bandbreite abdecken. Vorweggeschickt: Nicht immer kann man das als deutsche*r Zuschauer*in so richtig gut deuten. Aber das sind mehr Anspielungen als konkrete Biografien, die da auf die Bühne kommen, insofern stört es nicht.

Die Show wirkt in Teilen wie eine Pride-Parade

Die Show ist unglaublich opulent, mit vielen bunten Kostümen, einem fetten Orchester- Sound und einer fast schon überwältigenden Bühnen-Show. Tänzer*innen flirren über die Bühne, kommen und gehen – die Show wirkt in Teilen wie eine einzige riesige Pride-Parade. Es gibt aber auch ruhigere, melancholische Stellen. Ganz klar, hier waren Amerikaner*innen am Werk – da macht man keine halben Sachen. Musik, Gesang, Tanz, Humor und Sprache sind sorgsam geschrieben und inszeniert.

Der Bühnenautor Taylor Mac, der sich schon immer sehr für Cross-Over-Konzepte interessierte, erzählte in einem Interview, dass ihm die Idee für die Show 2019 kam, als der World Pride in New York doch eher freudlos durch die Straßen zog. In einem Interview für eine amerikanische Zeitung sagte er: "Warum kann Aktivismus nicht lustig und sexy sein? Ich mag Festwagen. Und ich mag das bunte Durcheinander einer Parade. Frivolität und Albernheit können ein Teil des Aktivismus sein. Einer der größten Momente des politischen Aktivismus, an den ich mich erinnern kann, war, als Demonstranten ein riesiges Kondom über das Haus von Jesse Helms zogen."

Mac bezieht sich auf die Aktion von ACT UP von 1991, als eine Gruppe schwuler Männer ein riesiges aufblasbares Gummi über dem Haus des erzkonservativen Senators Helms in Arlington, Virginia abrollte. Darauf prangte der Satz: "Ein Kondom, um unsichere Politik zu stoppen. Helms ist tödlicher als ein Virus". Die Aktion machte landesweit Schlagzeilen.

55 Songs aus 55 Jahren queere Geschichte

Queere Wegmarken wie diese waren es denn auch, die Taylor Mac dazu bewogen, 55 Songs aus 55 Jahren Geschichte seit Stonewall zu schreiben. "Ich hatte das Gefühl, dass es nur sehr wenige Songs gab, die als offene Ausdrucksformen von queerem Leben und queerer Kultur geschrieben wurden. Wo waren die Lieder, die all den Schmerz, das Feiern und das Überleben zum Ausdruck brachten? Und da wir diesen Mangel sahen, wollten Matt und ich unseren Teil dazu beitragen, ihn zu beheben. Wir haben 55 Songs geschrieben, einen für jedes Jahr seit Stonewall. Und jedes weitere Jahr werden wir einen weiteren hinzufügen."

Die Show macht ungeheuren Spaß – und das soll auch so sein. Die vier Stunden vergehen wie im Flug. Die Show ist, und das sieht und hört man auch, Ergebnis eines langwierigen kreativen Prozesses. Taylor Mac und sein Komponist Matt Ray schöpften dabei aus dem Vollen und verschmolzen Pop, Jazz, Blues, Oper und sogar elektronische Musik in den Kompositionen, mehrere Genres lassen einen ganz neuen Sound entstehen – der sich im Verlaufe des Abends von Song zu Song nochmal verändert.

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Ein überzeugendes Mammut-Werk

"Bark of Millions" ist ein überzeugendes Mammut-Werk geworden – das sich bestimmt noch verändern wird in den nächsten Jahren, wenn die Show weitere Stationen machen wird. Amerikanische Zeitungen schrieben "genial" und "zauberhaft" über die Show. Völlig zu Recht.

Und doch stellt man sich als Zuschauer*in am Schluss die Frage, was war das nun? Ist das ein Pop-Konzert? Eine Drag-Show? Eine Rockoper? Politisches Theater? Es ist von allem etwas, und noch viel mehr. Also, schnell hingehen – es gibt in Berlin nur noch zwei weitere Vorführungen am 11. und 12. Oktober 2024. Es lohnt sich auf jeden Fall!

-w-