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Berlin
Abstrakt, sinnlich, queer: Mark Bradfords Werkschau "Keep Walking"
Die Werkschau des kalifornischen Künstlers Mark Bradford ist ein Glücksfall für Berlin. Sie zählt zu den wichtigsten queeren Kunstereignissen des Jahres – ein Erlebnis, das man gesehen, gehört und gespürt haben muss.

Mark Bradford im Hamburger Bahnhof: Float, 2019 und Niagara, 2005
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12. Oktober 2024, 02:23h 7 Min.
Straight Acting? Auf diesem Belag so gut wie unmöglich. Selbst in Cowboystiefeln oder robusten Sneakers herrscht akute Stolpergefahr. Vor allem für jene, die sich in einem coolen John-Wayne-Gang versuchen. Der Untergrund der riesigen Halle ist mit einem der weltweit größten Bodengemälde ausgelegt, das je in einem Museum zu erleben war: Auf mehreren hundert Quadratmetern Grundfläche erstreckt sich ein leuchtend bunter Flickenteppich, der aus unregelmäßig übereinandergeschichteten Papierstreifen und Textilien besteht. Das Publikum wird zu einem Teil des "Float" genannten Kunstwerks – es ist dazu eingeladen, darauf herumzuspazieren und auszuprobieren, wie sich Bewegung auf diesem Untergrund anfühlt. Und egal, welche Richtung man auch einschlägt: der Weg wird zu einem – wenngleich auch holprigen – Parcours der Achtsamkeit.
Es ist eine Mammutschau, die derzeit in den weitläufigen Rieck-Hallen in der Berliner Nationalgalerie der Gegenwart zu erleben ist. Bei den Räumen handelt es sich um die ehemaligen Güterbahnhofshallen aus den 1960er Jahren, die vor zwanzig Jahren in das Museumsgebäude des Hamburger Bahnhofs integriert wurden. Sie machen gerade so den Eindruck, als wären sie eigens für Arbeiten wie Bradfords 2019 entstandenes Werk "Float" errichtet worden. Insgesamt finden dort rund zwanzig Installationen und Gemälde Platz, die der aus Los Angeles stammende Künstler innerhalb von zwei Jahrzehnten erschaffen hat. Viele davon sind so monumental, dass sie jeweils einen Saal für sich alleine beanspruchen.
Der Titel "Keep Walking" ist doppeldeutig zu verstehen
"Keep Walking" lautet der Titel der Schau, und das ist fraglos doppeldeutig zu verstehen: Wörtlich übersetzt bedeutet es "Weitergehen!", wobei die Aufforderung zur Bewegung auch als Metapher auf dem persönlichen Lebensweg zu verstehen ist – im Sinne einer Ermutigung wie "Mach weiter so!" oder "Gib nicht auf!"
Zur Eröffnung der Ausstellung ist Mark Bradford zu Gast beim Künstlergespräch im Hamburger Bahnhof. Er ist 62 Jahre alt, Schwarz und schwul, etwa zwei Meter groß und schlaksig – und genau das, sein eigener Körper, wird gleich zu Beginn an diesem Samstagnachmittag zum Thema: "Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn mag, aber ich habe gelernt, mit ihm umzugehen und ihn durch meine Umwelt zu steuern."

Künstler Mark Bradford beim Artist Talk im Hamburger Bahnhof (Bilder: Bert Hoffmann)
Mark Bradford zieht von der ersten Minute an das Publikum in Bann – nicht zuletzt durch seine einnehmende Körpersprache, der man sogleich anmerkt, dass sie alles andere als kontrolliert ist. Ganz im Gegenteil: Er lässt seinen Armen, Händen und seiner Mimik freien Lauf. So macht er seine Erfahrungen unmittelbar nachvollziehbar, und sein künstlerischer Ansatz wird auf eine sehr persönliche Art verständlich.
"Welche Rolle spielt mein Körper? Welches Verhältnis habe ich zu ihm und wie navigiere ich ihn durch die Welt? Das sind die Fragen, die mich in meiner Arbeit bewegen", sagt Bradford. Für ihn sind Körper und Kommunikation durch Bewegung eng miteinander verknüpft. Er veranschaulicht das mit einer Erinnerung aus seiner Schulzeit: "Ich konnte sehen, wie sich Leute verkrampfen, sobald ich die Mensa betrat, als ob sie denken: 'Oh, mein Gott, hoffentlich setzt sich der Homosexuelle nicht an meinen Tisch'", so Bradford. "Wenn ich einen Raum betrete, begleiten mich immer auch meine Hautfarbe, meine Größe, meine queere Identität sowie mein Alter." Und dieses Phänomen, diese Frage nach grundsätzlicher Akzeptanz, fühle sich je nach Umgebung mehr oder weniger willkommen an – eine existenzielle Grunderfahrung, die Bradfords bisherige Arbeit von Anfang an begleitet.
Ein Hüftschwung als Ausdruck des Widerstands
An der Stirnseite des riesigen Flickenteppichs öffnet sich der Saal zum nächsten Raum, in dem bereits von weitem die Videoinstallation "Niagara" (2005) auf großer Leinwand zu sehen ist, eines von Bradfords frühen Werken. Der Titel bezieht sich dabei auf den gleichnamigen Filmklassiker von 1953, vor allem auf die endlos lange Szene, in der sich Marilyn Monroe hüftschwingend von der Kamera entfernt – angeblich die längste Walk Scene der Filmgeschichte.
Mark Bradford zeigt in seiner Adaption seinen damaligen Nachbarn Melvin, der in eng anliegenden Shorts ähnlich schwungvoll und verführerisch auf einem Boulevard voranschreitet, als wäre es ein Laufsteg – und nicht eine von toxischer Männlichkeit dominierte Straße im Stadtteil South Central, die als sozialer Brennpunkt von Los Angeles gilt.

Mark Bradford, Niagara (Filmstill), 2005 (Bild: Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jacopo La Forgia © Courtesy Mark Bradford und Hauser & Wirth)
"Die Art, wie sich Melvin fortbewegt und selbstbewusst den öffentlichen Raum aneignet, gefiel nicht jedem im Viertel", erinnert sich Bradford. "Wir wurden beim Dreh lautstark als Schwuchteln beschimpft." Für Bradford ist Melvins Hüftschwung jedoch ein Ausdruck des Widerstands gegen den normierten männlichen Körper: "Was mich an Melvin schon bei unserer ersten Begegnung beeindruckte, war sein Mut, er selbst zu sein und das Risiko einzugehen, dafür angegriffen zu werden."
Gemeinschaftlichen Safe Spaces ein Denkmal gesetzt
Die Symbolik von geschützten Räumen, in denen nicht nur seine Hautfarbe, sondern auch seine Queerness akzeptiert wird, stellt einen Schwerpunkt in Mark Bradfords Arbeit dar. Eine der wichtigsten Umgebungen, in denen er sich schon als Kind sicher und willkommen fühlt, ist der Friseur-Salon seiner Mutter, einem laut Bradford "weiblich dominierten Raum". Dort beginnt er während seiner Schulzeit auszuhelfen, und in einer Werkserie von Gemälden finden sich die Erinnerungen daran in Form von eingearbeiteten Papiertüchern wieder, so genannten "End Papers", die zum Schutz der Haare vor Hitze eingesetzt werden – Bradford schichtet sie auf die Leinwände und verkohlt die Ränder. Dabei fließen nicht nur persönliche Erinnerung ein, sondern auch der Verweis auf die Bedeutung von Haaren in Schwarzen Communitys.

Deimos, 2015 (Bild: Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jacopo La Forgia © Courtesy Mark Bradford und Hauser & Wirth)
Gemeinschaftliche Safe Spaces, die in der Ausstellung thematisiert werden, sind die Clubs der Black Gay Community, wie etwa das Roxy, eine legendäre Rollerdisco in New York, der Bradford mit seinem gut fünf Meter breiten Cinemascope-Video "Deimos" ein Denkmal setzt: Unterlegt mit dem sich stetig verlangsamenden Hit "Greatful" der queeren Ikone Sylvester sind bunte Rollschuhräder zu sehen, die zunächst lebhaft auf dem Boden kullern und dann zum Stillstand kommen – ein Versinnbildlichung für das soziale Gefüge, die sexuelle Unbekümmertheit und die Lebensfreude der Disco-Ära in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, die mit dem Aufkommen von Aids ein trauriges Ende finden.
Der Macker und die trans Frau
Zu den spannendsten Multi-Media-Installationen zählt das Werk "Pinocchio Is On Fire" von 2010. Es besteht aus einem Tunnel, der aus zwei sich verengenden Wänden gebildet wird – ausgekleidet mit geschwärzten Zeitungsseiten. Das Thema bezieht sich auf die Beziehung des Sängers Teddy Pendergrass zu einer trans Frau.

Pinocchio is on Fire, 2010 (Bild: Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jacopo La Forgia © Courtesy Mark Bradford und Hauser & Wirth)
Als das Verhältnis 1982 bei einem Autounfall ans Licht der Öffentlichkeit gerät, beherrscht es lange die Schlagzeilen. Pendergrass ist eines der ersten männlichen Sexsymbole der Black Community in den USA, er entspricht bis dahin genau dem männlich-konstruierten Stereotyp – doch von da an liegt das heternormativ-maskuline Image des Superstars in Trümmern. Ironisch hallt der Song "Tell Me the Truth" der Jazz-Sängerin Nancy Wilson durch den Raum. An den Wänden des Saals hängen auf Augenhöhe 27 Schallplatten-Cover, die von Bradford gestaltet wurden und einerseits auf die Rolle der Musik verweisen, die während der Aids-Epidemie in den Clubs der Gay Community für ein trotziges Gemeinschaftsgefühl sorgte – andererseits steht die Anzahl für 27 Freunde von Bradford, die an den Folgen einer HIV-Infektion verstarben.
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"Ich hatte nie zum Ziel, ein großer Künstler zu sein"
Mark Bradford widmet sich in seinem künstlerischen Werk auf bemerkenswerte Weise Themen wie Körperlichkeit und Queerness – nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf kollektiver Ebene. Dabei arbeitet er vor allem mit den Stilmitteln der Abstraktion. Dass seine Kunst dennoch unmittelbar berührt und eine fast überwältigende Sinnlichkeit ausstrahlt, zeugt von der Kraft seiner Arbeit.
Bradfords Karriere begann vergleichsweise spät: Erst im Alter von dreißig Jahren schrieb er sich am California Institute of the Arts ein. "Ich hatte nie zum Ziel, ein großer Künstler zu sein", sagt Bradford. "Ich hab einfach nur immer getan, was ich tun wollte und nebenbei im Friseursalon Geld verdient." Ab 2005 wurde seine Arbeit zunehmend beachtet, doch seinen internationalen Durchbruch erlebte er 2017, als er die USA auf der Biennale in Venedig vertrat.
Heute sind seine Werke in renommierten Museen wie dem Museum of Modern Art (MoMA) und dem Whitney Museum in New York sowie der Tate Modern in London vertreten. Bradford gilt mittlerweile als einer der bedeutendsten Künstler*innen seiner Generation, der das zeitgenössische Kunstverständnis maßgeblich mitprägt. Dass die beiden Kuratoren und Direktoren des Hamburger Bahnhofs, Sam Bardaouil und Till Fellrath, ihn für eine Ausstellung nach Berlin geholt haben, ist ein Glücksfall. Diese Ausstellung zählt zweifellos zu den wichtigsten queeren Kunstereignissen des Jahres – ein Erlebnis, das man gesehen, gehört und gespürt haben muss.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage der Staatlichen Museen zu Berlin
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















