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Udo Kier wird 80: "Ich bin nett, ich mag Tiere"

Dracula, Hitler, Frankenstein: Udo Kier ist für solche Rollen bekannt. Arte schenkt ihm nun zum 80. Geburtstag eine Doku. Diese zeigt, wie viel mehr der schwule Schauspieler jenseits dieser Horrorrollen in Wirklichkeit ist.


Udo Kier in "Andy Warhols Dracula" (Bild: Arte / IMAGO / Everett Collection)
  • Von Michael Freckmann
    14. Oktober 2024, 05:17h 5 Min.

Dass es der Kölner Udo Kier einmal nach Hollywood schaffen würde, sich in der Filmkunstszene einen Namen machen würde und in den USA als König der Nebenrollen gelten könnte, hätte in seiner Kindheit wohl niemand geglaubt. Am wenigsten er selbst. Da lief er nämlich noch durch das zerbombte Köln. War er selbst doch während eines Bombenangriffs geboren worden und hatte diesen mit seiner Mutter gerade so überlebt.

Vieles an seiner Karriere scheint unwahrscheinlich, gar unglaublich, sodass sein Lebenslauf allein schon spannend zu erzählen ist. Als Jugendlicher stand er als Arbeiter bei Ford am Fließband – eine Tätigkeit, in der man sich ihn aus heutiger Sicht so gar nicht vorstellen kann. Wenn er bei all den Rollen, die er übernahm – wie etwa Mörder, Friseur oder Lover – einen Fließbandarbeiter in einem Autowerk gespielt hätte, es wäre wohl eine gewesen, die man ihm wahrscheinlich nicht so leicht abgenommen hätte.

Er wollte einfach nur weg aus Deutschland, wie viele in seiner Generation. Er ging zum Sprachunterricht nach London und wurde dort in einer Bar für einen Film entdeckt. Diesen drehte er vollkommen unerfahren und landete einen Treffer. Wie er selbst sagt, sei sein Vorteil gewesen, dass er damals zwar noch nicht schauspielern konnte, aber eben sehr fotogen war.

Zufälle befeuerten seine Karriere

Nach nur einem Film galt er bereits als Entdeckung, und in seiner Heimat machte der WDR einen Fernsehbeitrag über diesen Kölsche Jung, der nun in London der nächste große Star werden könnte. So ging es mit den Zufällen weiter: Im Flugzeug traf er Paul Morrissey, einen Freund Andy Warhols, mit dem er seinen ersten Durchbruch schaffen sollte – ausgerechnet mit den Rollen als Frankenstein und Dracula. Dabei legte Udo diese und andere dunkle Rollen zwar einerseits mit seiner Mimik und Sprache durch und durch böse an. Gleichzeitig spielte er auch immer mit Ironie, wie etwa, wenn sein Dracula sich übergeben muss, weil er zu viel Blut getrunken hatte. Er machte klar: Es ging ihm um mehr als Horror-Trash.


Udo Kier als Mondnazi-Führer Wolfgang Kortzfleisch in "Iron Sky: The Coming Race" (Bild: Arte / IMAGO / Capital Pictures)

Es ist schon bemerkenswert, in welch unterschiedlichen Bereichen er sich sein Leben lang tummelte. Die Kölner Kunstszene gehört dazu, dann Andy Warhols Umfeld und auch mit Madonna arbeitete er zusammen. Später kamen die deutschen Regie-Enfant-Terribles Rainer Werner Fassbinder und Christoph Schlingensief dazu. In Kiers Filmografie einen großen Raum nahm dann auch Lars von Trier ein. Und diese Umtriebigkeit hält offenbar bis heute an: Denn auch in dem neuen japanischen PC-Game "OD" ist er mit Stimme und Gesicht zu sehen.

Das Spannende an dieser Biografie ist nun die scheinbare Leichtigkeit, mit der Udo Kier von einer Chance zur nächsten geglitten ist. Lag das daran, dass es damals wirklich einfacher war als heute? Wohl kaum. Alle sozialen Medien und Selbstvermarktungsplattformen gab es ja noch gar nicht. Es war und ist wohl vor allem Udo Kiers Offenheit und Risikofreude geschuldet, dass er diesen Weg nehmen konnte. Dass dabei auch vieles daneben ging, versteht sich von selbst, wie er in der Doku auch gern zugesteht: "Ich glaube, dass 100 meiner Filme schlecht sind, 50 lassen sich mit ein paar Gläsern Rotwein ertragen, aber 50 Filme sind gut."


Udo Kier auf der Kölner Hohenzollernbrücke (Bild: Broadview TV / Torbjörn Karvang)

Nur wenige queere Rollen

Obwohl Udo Kier selbst schwul ist, ist die Zahl der Rollen, in denen er eindeutig schwule Personen spielt, eher überschaubar. Dazu zählt aber die Figur des Hans Klein in "My Private Idaho" von 1991. Dort spielt er einen aus Deutschland stammenden Mann, der in den USA an zwei männliche Sexarbeiter gerät. Die beiden Typen werden gespielt von den noch sehr jungen Schauspielern Keanu Reeves und dem früh verstorbenem River Phoenix, dem Bruder von Joaquin Phoenix. Für Udo Kier war es mit 50 Jahren der Beginn seiner US-Karriere.

Die andere queere Rolle, die Udo sehr viel später spielte, ist die des Friseurs Pat Pitsenberger in "Swan Song". Pat ist ein alt gewordener Friseur, der einsam in einem Altersheim hockt und nun noch eine letzte Frisur an einer gestorbenen Kundin gestalten soll. Darüber findet er zurück ins Leben. In dem Film geht es um den Verlust vieler Freunde durch Aids und das Verschwinden der analogen Schwulenkultur. "Das muss ich nicht spielen, das bin ich", erklärte Udo einmal in einem Interview. Und so ist wohl dieser Film auch eine Art Statement von ihm über seinen eigenen Lebensweg, ohne letztlich eine Biografie geschrieben zu haben. Eben in Form eines künstlerischen Ausdrucks.

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Wenig Privates in der Doku

In der Arte-Doku kommt sein Privatleben jenseits der Jugend kaum vor. Ob er darüber nicht sprechen wollte oder ob der Regisseur Jobst Knigge sich dafür nicht interessiert hat, bleibt offen. Das einzige Private, das man sieht, ist, wie Kier in seinem Wohnhaus in Palm Springs, einer ehemaligen Bibliothek voll mit Büchern, Bildern und anderen Kunstwerken, umherläuft. Dort lebt er zusammen mit seiner riesigen Schildkröte Hans.

Wenn er sich alleine fühle, so sagt Udo, stelle er sich an den Pool und singe Lieder auf Kölsch. Ob das so stimmt oder nicht, darauf kommt es letztlich nicht an. Es macht aber eines klar: Man sieht in dem Film eher den aktiven Vollblutkünstler, der Udo Kier nach wie vor ist, als die Privatperson. Und es zeigt, dass gerade diese Unabhängigkeit und die Fähigkeit, sich entziehen zu können, die er auch in dieser Doku durchsetzt, ihn offenbar so weit gebracht haben.


Udo Kier bei einem Interview in seinem Haus in Palm Springs (Bild: Broadview TV)

Dieses Spiel mit den Images rund um seine Person beherrscht Udo Kier meisterhaft. Das macht dieser Film sehr gut deutlich. Wie sehr er sich dessen bewusst ist, davon berichtet auch ein Produzent der Serie "Hunters" von 2020, in der Kier mal wieder Hitler spielen sollte. Am ersten Drehtag lockerte Udo die Atmosphäre auf, indem er ans Team gerichtet sagte: "Ich bin nett! Ich mag Tiere!" Das entspannte die Stimmung beim Team merklich, aus dem ihn viele ja nur aus diesen markanten Gruselrollen kannten.

Es ist das Verdienst des Arte-Films von Jobst Knigge, dass dieser das stark festgelegte Bild des Horror-Schauspielers aufbricht und ausgiebig einmal die vielen anderen Gesichter des Udo Kier zeigt.

"Der wunderbare Udo Kier" kann bis zum 2. Januar 2025 in der Arte-Mediathek gestreamt werden. TV-Ausstrahlungen gibt es am 26. Oktober 2024 um 10:30 Uhr sowie am 4. November 2024 um 08:20 Uhr.

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