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Sachbuch

Gendern & Co.: Warum sich unsere Sprache ändern muss

Unter dem wohl bewusst doppeldeutigen Titel "Macht Sprache" haben die beiden Literaturwissenschaftlerinnen Lucy Gasser und Anna von Rath ein sehr lesenswertes "Manifest für mehr Gerechtigkeit" veröffentlicht.


Die beiden promovierten Literaturwissenschaftlerinnen Lucy Gasser und Anna von Rath riefen 2021 die Übersetzungs-App machtsprache.de ins Leben (Bild: Michelle Rue / Ullstein)

Lucy Gasser und Anna von Rath sind zwei Literaturwissenschaftlerinnen, die sich – wen wundert's? – mit Sprache beschäftigen. In welcher Weise sie das tun, lässt sich seit 2019 auf ihrem zweisprachigen Onlinemagazin "poco.lit." verfolgen. Jetzt haben sie gemeinsam im Ullstein Verlag ein "Manifest für mehr Gerechtigkeit" unter dem wohl bewusst doppeldeutigen Titel "Macht Sprache" (Amazon-Affiliate-Link ) veröffentlicht. Denn das Manifest ist sowohl eine Aufforderung, mit Sprache bewusst umzugehen, als auch eine Kritik an den in der Sprache sich abbildenden Machtstrukturen.

Wahrscheinlich wurde noch nie über eine gerechte Sprache und über die Frage, was das eigentlich bedeute, so viel diskutiert und geschrieben und auch so kontrovers wie heute. Dabei scheint gerade das Thema gendergerechte Sprache gesellschaftlich zu polarisieren wie kaum etwas anderes. Intelligente Menschen, die wir sonst als gesittete und vernünftige Mitbürger*innen kennen, verfallen dabei in Schnappatmung, flippen förmlich aus und gebärden sich, als verlangte man von ihnen so ungefähr das Unanständigste, was man sich nur denken kann.

Was spricht gegen eine Sprache, die alle Menschen einbezieht?


"Macht Sprache" ist Ende September 2024 im Ullstein Verlag erschienen

Kommentare wie "Gendern finde ich zum Kotzen" oder gendern sei "Idiotensprache" sind fast noch harmlose Beispiele. Da wurde sogar schon ein Gericht angerufen, weil ein heftig erregter Mensch angesichts von gendergerechter Sprache seine Persönlichkeitsrechte eingeschränkt sah. Das Gericht beurteilte das erfreulicherweise anders. Und wir kennen den Krieg politisch Konservativer und Rechter gegen das Gendern und ihre amtlichen Verbote (wobei unsere Sprache noch nie etwas anderes getan hat als zu gendern, nur eben nicht korrekt). Und dann der Vorwurf: Man dürfe ja nichts mehr sagen. Und tut es erst recht laut und penetrant. Die sprachliche Verrohung ist durchweg gesellschaftsfähig geworden.

Schon damit trifft das Manifest der beiden Autor*­innen im wahrsten Sinne den Nerv der Zeit. Aber was spricht gegen eine Sprache, die alle Menschen einbezieht und das diskriminierungsfrei, die den offenen und in Metaphern und Redewendungen verdeckten Rassismus und Ableismus benennt? Was spricht gegen ein machtkritisches Sprachbewusstsein und den Versuch, Sprache im Sinne von Gerechtigkeit zu verändern? Überhaupt nichts, nur Borniertheit und Ignoranz stellen sich dagegen.

Das Gendern kann im Zusammenhang mit einer sprachkritischen Sensibilisierung natürlich nur ein Aspekt unter vielen sein. Gasser und von Rath lassen in ihrem Plädoyer für mehr Sprachbewusstsein deshalb keines der Problemfelder aus. Das beginnt mit Überlegungen zur Positionierung, die bestimmt, "zu welchem Wissen, welcher Erfahrung und welchem Erfahrungswissen Menschen Zugang haben". Und auch die Frage der Privilegien prägt unseren Sprachgebrauch: "Ein Privileg beinhaltet also die Freiheit, sich mit bestimmten Dingen nicht beschäftigen zu müssen." Auch wenn das nicht gern gehört wird, aber weiß und hetero, nicht behindert oder arm zu sein, sind solche Privilegien, die die Sprechenden-Position prägt.

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Der politische Charakter sprachlicher Entscheidungen

Von Hannah Arendt stammt die Einsicht: "Menschen sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil sie mit Sprache begabte Wesen sind." Das stimmt im Guten wie im Bösen. In dem Manifest "Macht Sprache" liefern uns die beiden Autor*innen dazu Anschauungsmaterial in Fülle. Auch sie sprechen vom politischen Charakter sprachlicher Entscheidungen. Sie tun dies in einer betont zugänglichen Sprache, die ruhig erklärt und komplexe Zusammenhänge verständlich macht. Gelegentlich klingt das für meinen Geschmack ein wenig zu pädagogisch, hat aber auf jeden Fall den Vorteil, dass sie mit Bedacht argumentieren. Das heißt, sie verzichten weitgehend auf Imperative und setzen lieber auf die Offenheit der Leser*innen, an sich selbst und an ihrer Sprache zu arbeiten.

Dabei ist Gasser und von Rath klar, dass es nicht um Verbote gehen kann, sondern um Einsicht und am Ende um ein macht- und diskriminierungskritisches Bewusstsein. Auch wird unsere Welt nicht allein durch neue Begriffe besser, entscheidend ist immer die Praxis, das Handeln. Deshalb darf die Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven nicht bloß ein symbolischer Akt sein. Selbstbeschreibungen haben darin stets Vorfahrt. So gesehen, ist Sprache auch ein Ort des Widerstands. Davon war die Schriftstellerin Toni Morrison überzeugt und auch davon, dass Selbstverteidigung kein Selbstzweck sei, sondern dem Schutz der eigenen Würde diene. Und Sprachwandel ist das beste Zeichen für eine lebendige Sprache. Gasser und von Rath plädieren jedenfalls für eine solche Lebendigkeit mit lauter guten Denkanstößen.

Infos zum Buch

Lucy Gasser, Anna von Rath: Macht Sprache. Ein Manifest für mehr Gerechtigkeit. 240 Seiten. Ullstein Verlag. Berlin 2024. Hardcover: 21,99 € (ISBN 978-3-5502-0291-9). E-Book: 18,99 €
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