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Ab Donnerstag im Kino

Eine lesbische Annäherung in einem nach rechts rückenden Europa

Der französische Spielfilm "Tandem – In welcher Sprache träumst du?" lebt von seinen beiden talentierten Hauptdarstellerinnen und ihren gemeinsamen Momenten der Intimität.


Angst vor Rechtsradikalismus, Populismus und Klimawandel: Fanny (Lilith Grasmug, r.) und die Lena (Josefa Heinsius) in "Tandem – In welcher Sprache träumst du?" (Bild: Julien Poupard / Les Films de Pierre / Port au Prince Pictures)

"Diese Treppe symbolisiert die Versöhnung von Frankreich und Deutschland", erklärt Fanny, flotten Schrittes die Stufen des Europaparlaments erklimmend, "das deutsch-französische Tandem". Sie führt ihre deutsche Austauschpartnerin Lena durch Straßburg und teilt mit ihr Fragmente ihres Lebens. Mit dieser – zumindest für den deutschen Kinostart titelgebenden -Metapher versucht die an der deutsch-französischen Grenze aufgewachsene Regisseurin in "Tandem – In welcher Sprache träumst du?" Klischees zu überwinden und Probleme andernorts zu suchen. Claire Burger porträtiert zwei jugendliche Frauen auf der Suche nach der Wahrheit in ihrer politischen Weltanschauung, in familiären Beziehungen und in der lesbischen Liebe.

Der Sprachaustausch zwischen Lena und Fanny in Leipzig und Straßburg steht zunächst unter keinem guten Stern. Fanny wurde von ihrer Mutter zu diesem Tapetenwechsel vielmehr überredet, leidet sie doch unter Mobbing-Erfahrungen durch ihre Mitschüler*innen, die sie konsequent als "Blabla" diskreditieren und ihre Äußerungen nicht für voll nehmen. Dass sie mit der mutigen Schlagkraft des antifaschistischen und militanten Schwarzen Blocks liebäugelt, wirkt hier fast wie eine Trotzreaktion.

Lena hingegen präsentiert sich als unantastbare und abgebrühte Jugendliche, deren harte Schale sie von ihrem familiären Umfeld abgrenzt. Ihr politisches Bewusstsein wird ihr mehr als gefühlte moralische Überlegenheit ausgedeutet: etwa wenn sie sich gegen das unterwürfige Verhalten der Mutter ihrem Ex-Freund gegenüber äußert oder dem rassistischen, vermeintlich AfD-wählenden Großvater Paroli bietet.

Ein Film über die Zukunftsfurcht der Jugend


Poster zum Film: "Tandem – In welcher Sprache träumst du?" startet am 24. Oktober 2024 bundesweit im Kino

Der unverfrorene Spitzname "Blabla" steht dabei sinnbildlich für die fehlende Ernsthaftigkeit und das alltägliche Belächeln in Dialogen, die in den Protagonistinnen Frustration auslösen. Sie äußern Angst vor Rechtsradikalismus, Populismus und Klimawandel, fühlen sich aber von ihrem Umfeld missverstanden und ungehört. Diese Veräußerung von Angstzuständen und der Zukunftsfurcht müsse man ernst nehmen, erklärte Burger in der diesjährigen Berlinale-Pressekonferenz im Februar, auf der ihr Film im Wettbewerb um einen Goldenen Bären konkurrierte. "Ich glaube, es gibt nicht die Jugend. Es gibt viele Formen von Jugend heute, engagiert in unterschiedlichem Maße."

Daher ist "Tandem – In welcher Sprache träumst du?" auch mehr als fragmentarischer Ausdruck zu werten: zwei junge weiße Frauen auf der Wahrheitssuche inmitten der europäischen Gesellschaft, die an Ecken und Enden stark nach rechts rückt und rassistisches xenophobes Gedankengut in die Tagesordnung spült. Fanny verstrickt sich, um sich selbst Gehör zu schaffen und um Lena zu beeindrucken, in ein selbstmanipulatives und verzweifeltes Netz aus Lügen. Ihre Wut ist ziellos, richtet sich mal gegen ihre kleinbürgerlichen Eltern und dann wieder gegen sich selbst. Der Film bemüht sich nicht, Antworten zu liefern, er zwingt zu einem Aushalten von Widersprüchen. Das kapitalistische System zwingt jede*n Einzelne*n zur Individualisierung der Probleme, anstatt eine gemeinsame Artikulation für strukturelle Unterdrückung zu finden.

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Knisternde Chemie, die Lust auf mehr macht

Die Suche nach Antworten führt Lena und Fanny zueinander. "Tandem – In welcher Sprache träumst du?" lebt von seinen beiden talentierten Hauptdarstellerinnen und ihren gemeinsamen Momenten der Intimität. Die akzentuierte Gegensätzlichkeit der beiden Charaktere, zwischen einer vermeintlich draufgängerischen Josefa Heinsius und einer hochsensiblen Lilith Grasmug, führt zu einer knisternden Chemie, die Lust auf mehr macht. Zunächst finden die beiden Figuren durch den Konsum psychedelischer Mushrooms sexuell zueinander; schon bald ist aber das gemeinsame Band für sie ein emotionaler Ankerpunkt, das das sprachliche Unverständnis durchbricht, welches insbesondere Fanny bei der Konfrontation mit einer deutschen Umgangssprache verunsichert. Der deutlich passendere Originaltitel "Langue Étrangère" oder "Fremdsprache" übersetzt, benennt ein gegenseitiges Unverständnis, das sowohl linguistisch als auch dialogisch existiert.

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Burger wolle mit "Tandem – In welcher Sprache träumst du?" keinen politischen Film machen, sondern vielmehr das Erwachen der Sinnlichkeit der beiden jungen Frauen erzählen. So könne, lautet ihre Überzeugung, Politik sinnlich erfahrbar gemacht werden. Genau unter dieser Prämisse funktioniert dieser Film aber am wenigsten: Er macht politische Debatten selbst zu selten zum Verhandlungsgegenstand und schafft es mitunter nicht, Schwerpunkte zu setzen.

Dialoge, die Auskunft über Widersprüche und Ängste geben können, werden vorschnell abgewürgt – zurück bleiben Bruchstücke, die über den inhaltlichen Gehalt des Films wundern lassen. Die Führungen durch Leipzig respektive Straßburg wirken behäbig, die Monologe über die Oktober-Demonstrationen 1989 (die sich am 9. Oktober zum 35. Mal jährten) und das Europaparlament schulbuchartig. Die titelgebende Metapher des Tandems ist auf die deutsch-französische Kooperation ausgelegt und schwächt somit den herzlichsten Aspekt des Films: die lesbische Annäherung der beiden Frauen inmitten des systemischen Chaos.

Infos zum Film

Tandem – In welcher Sprache träumst du?. Drama. Frankreich, Deutschland, Belgien 2024. Regie; Claire Burger. Cast: Lilith Grasmug, Josefa Heinsius, Nina Hoss, Chiara Mastroianni, Jalal Altawil. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Port au Prince Pictures. Kinostart: 24. Oktober 2024
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