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Die Tagebücher des Horst Bienek

"Allerdings ein fantastischer Fick an der Friedhofsklappe"

Die erstmals vollständig veröffentlichten Tagebücher des Schriftstellers Horst Bienek (1930-1990) sind intime Chroniken eines Mannes, der mit seiner Homosexualität ringt, während er sie hemmungslos und ausschweifend auslebt.


Horst Bienek im Jahr 1979. Vor allem für seine in zahlreiche Sprachen übersetzte autobiografisch gefärbte Gleiwitzer Roman-Tetralogie erhielt der Schriftsteller zahlreiche internationale Literaturpreise (Bild: IMAGO / Heinz Gebhardt)

"Es schien, als habe hier noch niemand etwas von AIDS gehört", notiert Horst Bienek im März 1985 in seinem Tagebuch. Der Autor ist zu Besuch in Amsterdam, die Angst vor der sich ausbreitenden HIV-Pandemie breitet sich aus. Weiter heißt es: "Aber die Sauna war voll, und es wurde allerorten gefickt wie eh und je, und zweimal sah ich auch Poppers-Ekstasen."

Vor einigen Wochen kam ich mit einem Menschen in einer Bar in ein Gespräch. Er, ein schwuler Mann über 60, erzählte mit komödiantischer Distanz, in der Schmerz einfacher sagbar wird, dass er oft abends zu Hause sitze und weine. Kurz darauf begann ich mit der Vorbereitung für diese Rezension. Ich musste bei der Lektüre häufig an jenen Gesprächspartner aus der Bar denken.

Ein turbulentes Leben


Die Tagebücher sind am 21. Oktober 2024 unter dem Titel "Es gibt nur die Kunst, die Liebe und den Tod. Dazwischen gibt es nichts." im Hanser Verlag erschienen

Horst Bienek starb 1990 an den Folgen seiner HIV-Infektion. Seine Tagebücher sind ein wilder, sexueller und beängstigender Ritt durch das Leben eines beeindruckenden Künstlers. Er war ein erfolgreicher Autor von Roman, Essays und Lyrik, hatte als Redakteur, Drehbuchautor und Regisseur gearbeitet und war als Künstler, Übersetzer und Lektor tätig gewesen. Als Autor war er vor allem durch seine vierbändige Romanreihe über Gleiwitz bekannt geworden. Darin schildert er das Leben in der oberschlesischen Stadt seiner Heimat, heute Gliwice. Es ist ein monumentales Panorama der politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts.

Bienek wuchs in der NS-Zeit auf, wurde als Jugendlicher inhaftiert und nach dem Krieg aus seiner schlesischen Heimat vertrieben. 1951 wurde er von der Stasi verhaftet, an die sowjetische Geheimpolizei MGB übergeben und in einem Gulag interniert. Er lebte als offen schwuler Mann und doch spielt seine sexuelle Orientierung überraschenderweise keine Rolle in seinem literarischen Werk. Zumindest bisher.

Eine Geschichte von Spaß, Angst und Einsamkeit

Im Hanser Verlag sind unter dem großartigen Titel "Es gibt nur die Kunst, die Liebe und den Tod. Dazwischen gibt es nichts." (Amazon-Affiliate-Link ) erstmals die Tagebücher Bieneks in gesammelter Form erschienen. In seinen Arbeiten behandelte er häufig Themen, die ihn selbst persönliche berührten und die inspiriert waren von seinen eigenen traumatischen Erlebnissen. Er verband persönliche Geschichten mit der großen Geschichte und berührte so immer wieder universelle Fragen nach Heimat, (kultureller) Identität, Trauma, Verlust und Vertreibung. Themen, die uns bis heute beschäftigen und Bieneks Werk zeitlos glänzen lassen.

Und Offenheit, auch in erotischen Situationen, soll dafür Gesetz sein! In jedem Fall soll es auch ein intimes Tagebuch sein, nicht allein, das ist klar, aber Rücksichten (auf wen?) werde ich nicht nehmen. Das ist auch nicht für eine Publikation bestimmt oder höchstens eine ganze Weile nach meinem Tode ...

Die eigene sexuelle Identität als schwuler Mann und seine HIV-Infektion sind wichtige Aspekte seiner Biografie und mit dem Erscheinen der Tagebücher nun auch endlich Teil seines schriftstellerischen Werkes. Homosexualität wurde in der Zeit, in der Bienek aufwuchs, sowohl von der nationalsozialistischen als auch von der frühen Bundesrepublik unterdrückt. Sein Leben als schwuler Mann im 20. Jahrhundert, verbunden mit der Tragik seines frühen Todes an den Folgen von Aids, macht ihn zu einer bedeutenden Figur in der queeren Literaturgeschichte.

Die erstmals vollständig veröffentlichten Tagebücher Horst Bieneks (1930-1990) eröffnen einen tiefen und unverstellten Einblick in das Leben eines Mannes, dessen queere Identität lange Zeit hinter den größeren Erzählungen seines Werkes verborgen blieb. Sie sind intime Chroniken eines Mannes, der mit seiner Homosexualität ringt, während er sie hemmungslos und ausschweifend auslebt und gleichzeitig versucht, künstlerische und emotionale Erfüllung zu finden.

Das mit über 1.700 Seiten gigantische Buch vervollständigt Bieneks literarisches Gesamtwerk auf bemerkenswerte Weise, weil es die Erfahrung des queeren Lebens in der Mitte des 20. Jahrhunderts dokumentiert. Die Tagebücher sind nicht nur ein intimer Bericht über persönliche Beziehungen, Sehnsüchte und die Einsamkeit, sondern auch ein wichtiges Zeitdokument der sozialen und politischen Unterdrückung von Homosexualität. Dabei sind sie geprägt von den Widersprüchen, denen Bienek als schwuler Mann in einer weitgehend feindlichen Gesellschaft ausgesetzt war.

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Anderssein, Außenseitertum und Einsamkeit

Die pointierten und immer wieder knappen Berichte eines exzessiven Sexlebens, die in Bieneks Tagebüchern immer wieder und wieder auftauchen, sind von doppelter Tragik. Zum einen vor dem Hintergrund der HIV-Pandemie sind sie Teil des Mahnmals für das Leid, das schwulen Männern in der Mitte des 20. Jahrhunderts erleiden musste – die vielen Menschen, die ihr Leben verloren, als auch die Stigmatisierung der Überlebenden.

Auf der anderen Seite steckt in der Getriebenheit der Tagebücher eine tiefe Traurigkeit über den Kampf gegen das Alleinsein. Bienek schreibt in einer klaren, oft ins Lyrische gleitenden Sprache, die gerade in den Momenten der Selbstreflexion oder der Beschreibung erotischer Träume und Begegnungen eine starke poetische Kraft entfaltet. Momente der Stille, der Einsamkeit und des tiefen emotionalen Erlebens, sind scharfsinnig beobachtet und sprachliche präzise formuliert. Zwischen innerem Monolog und essayistischer Reflexion.

Es war, glaube ich, das erste Mal, wo ich das Gefühl hatte, hier würde ich nur für die Erotik leben! Nur noch Sex + Vergessen in der Ekstase! Die totale, überwältigende Schönheit junger männlicher Körper! Und die Intensität der erfickten Ekstase!

Für die queere Literatur heute sind Bieneks Tagebücher ein wichtiger Bestandteil des literarischen Kanons, weil sie die komplexe Realität des schwulen Lebens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ungeschönt darstellen. Sie sind relevant, weil sie nicht nur von persönlichen Erfahrungen berichten, sondern auch den inneren Kampf eines Künstlers zeigen, der sich in einer Welt zurechtfinden muss, die ihn in vielen Aspekten ablehnt. Die Tagebücher sind lesenswert – sowohl als künstlerisches Werk als auch als aufrüttelnde und tief bewegende Dokumente einer queeren Lebensgeschichte, die bis heute nachhallt.

Infos zum Buch

Horst Bienek: Es gibt nur die Kunst, die Liebe und den Tod. Dazwischen gibt es nichts. Die Tagebücher 1951-1990. Herausgegeben von Daniel Pietrek, Gisela vom Bruch und Michael Krüger. 1.712 Seiten. Hanser Verlag. München 2024. Gebundene Ausgabe: 58 € (ISBN 978-3-446-27744-1). E-Book: 49,99 €

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