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Tod und Trost
Almodóvars ganz besonderer Film über Sterbehilfe
Martha ist an Krebs erkrankt und bittet ihre Freundin Ingrid, sie beim Sterben zu begleiten. Der schwule Ausnahme-Regisseur Pedro Almodóvar schafft mit "The Room Next Door" ein feinfühliges und doch unterhaltsames Melodrama.

Die krebskranke Martha (Tilda Swinton, l.) will sterben und bitte Ingrid (Julianne Moore) um Hilfe (Bild: Iglesias Más / Warner Bros.)
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24. Oktober 2024, 10:27h 4 Min.
Nein, ein Kolonialstil-Haus aus den 1880er Jahren hätte nicht zu Almodóvar gepasst. Dort nämlich, auch noch altersgerecht saniert, spielt Sigrid Nunez' Roman "Was fehlt dir". In das Haus fährt die krebskranke Martha für ihre letzten Tage, bevor sie sich mit einer Pille das Leben nehmen möchte. Ihre Freundin Ingrid ist an ihrer Seite.
Der schwule Altmeister Pedro Almodóvar verlegt die Handlung für seine Adaption in ein brutalistisches, großzügiges Haus, mit farbenfrohen Design-Vasen opulent ausgestattet. Es ist ein stilvoller Ort, der Eleganz ausstrahlt – wie fast alle Kulissen, an denen Almodóvar dreht. Ein würdevoller Ort.
Martha kennt als Kriegsreporterin den Tod
Würde, das ist das großes Thema von "The Room Next Door". Denn die ehemalige Kriegsreporterin Martha, großartig gespielt von Tilda Swinton, wünscht sich ein würdevolles Sterben. Sie ist an Gebärmutterhalskrebs erkrankt, will nicht noch eine weitere Behandlung mit unklaren Chancen über sich ergehen lassen. Sie ist bereit zu gehen, sagt sie zu Ingrid – dargestellt von Julianne Moore, die an Intensität mit Swinton mithalten kann. Die enge Freundin soll sie dabei begleiten, auch wenn die beiden sich gerade erst nach Jahren zufällig wieder getroffen haben.
Natürlich liegt da eine große Schwere in der Luft. Doch Pedro Almodóvar gelingt es, eine feinfühlige und nuancierte, aber dennoch unterhaltsame Geschichte zu erzählen. Martha ist keine Frau, die sich in Selbstmitleid suhlt. Sie hat in Kriegsgebieten von Bosnien bis in den Irak gearbeitet, der Tod ist ihr als Idee vertraut. Doch jetzt ist er unausweichlich, und Martha reagiert Ingrid gegenüber mit Sarkasmus.
Sterben nur auf illegalem Weg
Das scheint Ingrid aber nur noch mehr zu verunsichern. Die ganze Sache ist für sie ohnehin schwer genug. Stellenweise fragt man sich, wer von den beiden eigentlich mehr leidet – die Sterbende oder die Sterbebegleiterin? Wo Sigrid Nunez in ihrem Roman Ingrid als Ich-Erzählerin berichten lässt, erweitert Almodóvar die Perspektiven. Das führt zu einer ausgeglicheneren Dynamik der beiden komplexen Figuren.
Und es kommt den großen Fragen, die der Film stellt, zugute. Auf viele, aber sicher nicht auf alle, will "The Room Next Door" eine Antwort geben. So spricht sich Almodóvar dafür aus, dass Sterbehilfe weltweit erlaubt sein sollte. Seine zwei Figuren zeigen, was es heißt, sterben zu wollen, es aber nur mit einer Tablette aus dem Darknet zu können. Dass mit einer Legalisierung jedoch nicht alle Probleme gelöst werden, versteht sich von selbst.
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Sigrid Nunez verliebte sich in Susan Sontags Sohn
Die Handlung verläuft überwiegend linear. Im ersten Drittel jedoch gibt es einige Rückblenden, die das schwierige Verhältnis von Martha und ihrer Tochter erklären. Diese Szenen sind fürs Verständnis zwar wichtig, stören aber den Fluss des Melodramas und wirken nicht ganz motiviert: Als gute Freundin weiß Ingrid das alles, dennoch erzählt Martha es ihr – stellvertretend fürs Publikum, denn irgendjemandem muss sie es ja erzählen. Das ist ein klassisches Problem von vielen Romanadaptionen, wenn sie ohne Erzählstimme auskommen wollen.
In ihrem Roman verarbeitet Sigrid Nunez ihre Zeit an der Seite der großen US-Intellektuellen Susan Sontag. Während ihrer Krebserkrankung Mitte der 1970er Jahre arbeitet Nunez als junge Frau für Sontag, verliebt sich in deren Sohn David Rieff und zieht schließlich bei den beiden ein.
Leben in der Klimakrise
Almodóvar nutzt diese Vorlage, um einen ganz besonderen Film zu machen. So deutlich wie selten positioniert er sich damit auch politisch. Neben Sterbehilfe kommt auch der Klimawandel zur Sprache – und damit eine noch größere Frage: Lohnt es sich zu leben, während unsere Lebensgrundlage zugrundegeht?
Im Wohnzimmer des modernistischen Hauses hängt das Gemälde "People in the Sun" des US-Künstlers Edward Hopper. Die Reproduktion ist so gut, dass die zwei Frauen erst überlegen, ob es das Original ist. Darauf genießen wohlgekleidete Menschen aus der Stadt den Blick auf die Natur aus sicherer Entfernung. Das Bild ist eines der vielen kleinen Details, auf die Almodóvar größten Wert legt. Und das einen Ausblick gibt auf die Zukunft seiner Figuren – und womöglich darüber hinaus.
The Room Next Door. Tragikomödie. Spanien 2024. Regie: Pedro Almodóvar. Cast: Tilda Swinton, Julianne Moore, John Turturro, Alessandro Nivola. Laufzeit: 107 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Warner Bros. Kinostart: 24. Oktober 2024
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