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Roman
Die verdrängte Lust des schwulen Professors
In seinem Debütroman "Tiepolo Blau" erzählt James Cahill die Coming-of-Age-Geschichte eines kauzigen Camebridge-Dozenten, der zum ersten Mal die Freuden des impulsiven Lebens und des homosexuellen Begehrens kennenlernt.

James Cahill brachte fünfzehn Jahre Wissenschaft und Kunst unter einen Hut, indem er neben dem Forschen und Schreiben bei einer Galerie für zeitgenössische Kunst arbeitete (Bild: Darren Wheeler)
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1. November 2024, 11:22h 3 Min.
Schon als Kind legte man ihm seine Schüchternheit als Arroganz aus: Don Lamb ist bornierter Kunstprofessor und verbissener Akademiker, der seine Augen vor dem Leben verschließt. Er zieht sich in die Kunst zurück, in eine artifizielle und transzendentale Schutzhülle, die das echte Leben kaum tangiert. "Die Kunst wurde seine Zuflucht, ein Ort wunderbarer Ruhe und Sicherheit, wo sogar Gewalt und Todeskampf schön waren." (S. 161) Die Gefühlswelten und Leidensausdrücke, die Künstler*innen in ihren Werken zur Sprache bringen, kennt Don bislang nur in diesem übertragenen, allegorischen Sinne.
Er möchte mit einer Abhandlung über die Deckenbilder des venezianischen Künstlers Giovanni Battista Tiepolo triumphieren. Und das, ohne selbst die wahren Farben des Himmels zu kennen, die der Maler des Barock in seinen Fresken beschreibt. James Cahill, selbst als Kunstforscher und -journalist tätig, fühlt sich in seinem Debüt "Tiepolo Blau" (Amazon-Affiliate-Link ) sichtlich wohl mit seinem unsympathischen Protagonisten: Er ergötzt sich in anbiedernden hochgestochenen Monologen, die keinen emotionalen Gehalt zulassen, sondern eine immer-neue Bestätigung einer akademischen Koryphäe anstreben. Don Lamb ist im Roman wie in der eigenen Wahrnehmung durchweg die einzige Hauptfigur – und er liebt es zu reden, und andere Menschen ihn selbst reden hören zu lassen.
Der junge Ben verdreht dem Professor den Kopf

Die deutsche Übersetzung von "Tiepolo Blau" ist im Oktober 2024 im Albino Verlag erschienen
Dieses große Ego wird ihm in "Tiepolo Blau" immer häufiger zum Verhängnis. Er verliert seine Anstellung als Professor an der Cambridge-Universität, und verprellt durch seine misstrauische Art immer mehr Menschen – sowieso schon eine spärliche Anzahl an mehr schlecht als recht ausgearbeiteten Nebenfiguren – aus seinem Leben.
Doch dann trifft er auf Ben, einen hübschen Jüngling, der seine Ansichten auf den Kopf stellt. "Als er Bens Schulterblätter und die leichte Vertiefung mustert, die in der Mitte seines Rückens verläuft, denkt er darüber nach, wie nah Zärtlichkeit grober Brutalität kommen kann. Sein Verlangen zu schauen ist zugleich ein Verlangen zu spüren, zu halten und zu besitzen." (S. 327) Er erkennt in dem jungen Körper seine verpasste Jugend, seine verdrängte Lust, seine vermisste Zärtlichkeit wieder.
Der Professor entdeckt das schwule Nachtleben Londons und verruchte Cruising-Orte, die so diametral seinem akribischen Anspruch auf Würde, Ästhetik und Symmetrie entgegenstehen. Seine durchaus amüsante Prämisse eines schwülstigen Akademikers in seinen mittleren Jahren, der zum ersten Mal die Freuden des impulsiven Lebens und des homosexuellen Begehrens kennenlernt, macht der Roman gleich zu Beginn klar. Leider bietet "Tiepolo Blau" nicht viel mehr als diesen scherzhaften Gegensatz.
Keine Ehrlichkeit zu sich selbst
Der Bruch mit den Gewohnheiten wirkt ungelenk, fast stumpfsinnig – gerade weil der Roman nicht benennt, welche Erkenntnisse Don aus seiner Phase der Selbstfindung zieht. Seine Handlungen sind dem negativen Wind seiner aufgeblasenen Präsentation gegenüber trotzig, mit einem Moment der Ehrlichkeit sich selbst und seinem Umfeld gegenüber konfrontiert er sich nie wirklich.
In seiner – angeblich – neu gewonnenen Freiheit zieht er sich immer mehr in sich selbst zurück und erliegt dabei grotesken Selbstwahrnehmungen. Er entzieht sich wiederholt den Dialogen, die wichtiger und interessanter gewesen wären, und steuert in ein überzogenes Finale, das gerade durch die aufgeblasene Überspitze nichts wirklich aussagt. "Tiepolo Blau" beginnt den Bruch mit dem Status quo, führt ihn aber nicht konsequent zu Ende.
James Cahill: Tiepolo Blau. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Joachim Bartholomae. 448 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 28 € (ISBN 978-3-86300-378-4). E-Book: 19,99 €
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