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Queerfilmnacht

"Close to You": Elliot Pages erste Hauptrolle seit der Transition

Sam fährt zum ersten Mal zu seiner Familie, seit er als trans Mann lebt. Dort begegnen ihm Liebe, Verständnis, aber auch Abneigung. Außerdem holen ihn alte Gefühle ein. "Close to You" ist sicher der persönlichste Film von und mit Elliot Page.


Die rote Mütze als Markenzeichen: Elliot Page in "Close to You" (Bild: Salzgeber)

Der Empfang könnte kaum herzlicher sein: Sams Mutter freut sich hörbar, als ihr Sohn an der Tür klingelt. Sie schließt ihn fest in die Arme. Sam schafft es gar nicht, seine Jacke und seine rote Mütze auszuziehen, weil ihn sein Vater, seine drei Geschwister und deren Partner*innen begrüßen wollen. Es ist ja auch vier Jahre her, dass Sam seine Familie in Cobourg besucht hat. Die Kleinstadt liegt zwar nur eineinhalb Stunden Zugfahrt von Toronto entfernt. Aber das hat gereicht, um den nötigen Abstand zu finden.

Sam wird seine Jacke und sein Markenzeichen, die rote Mütze, auch gar nicht ausziehen. So als wollte er jederzeit zur Flucht bereit sein. Der Geburtstag seines Vaters ist ja nicht irgendeine Familienfeier: Zum ersten Mal seit seiner Transition ist Sam zurück.

Und plötzlich sind die Gefühle für Katherine wieder präsent


Poster zum Film: "Close to You" läuft im November 2024 in der Queerfilmnacht

Und alle, so scheint es zumindest, freuen sich. Seine Mutter vergießt ein paar Tränen vor lauter Rührung, gibt sich sichtlich Mühe, alles richtig zu machen, und entschuldigt sich aufrichtig, als sie Sam doch einmal misgendert. Was Sam aber anscheinend weniger stört als sie. Er hatte wohl mit Schlimmerem gerechnet.

Und als wäre die Familienfeier nicht schon herausfordernd genug, hatte er im Zug auch noch zufällig Katherine getroffen, die er seit der Highschool nicht mehr gesehen hat. Die beiden verbindet eine sehr innige, ambivalente Beziehung, die plötzlich wieder ganz präsent ist – die im Film jedoch nicht ganz überzeugt: Sie wirkt wegen des Altersunterschieds der beiden Darsteller*­innen unglaubwürdig. Außerdem erhält sie so wenig Raum, dass sie nur schemenhaft und mit einer entsprechend schnellen Entwicklung erzählt wird.

Für Elliot Page ist der Film ein "Highlight meiner Karriere"

Sam ist die erste große Leinwand-Rolle von Elliot Page seit seiner Transition, über die er auch in seiner vielfach gelobten Biografie schrieb. Elliot Page ist sicher der bekannteste trans Schauspieler Hollywoods, und so überrascht es doch, dass sein erster Film so – im besten Sinne – ruhig und fast schon unauffällig ist. "Close to You" bezeichnet er als ein "Highlight meiner Karriere als Schauspieler". Das Drama co-produzierte er mit seiner eigenen Produktionsfirma, die Geschichten von und über marginalisierte Menschen erzählen will.

Die Rückkehr zur Familie – und damit meistens aufs Land – ist eine der gängigsten Stoffe des queeren Kinos und der queeren Literatur. Entsprechend klar verteilt sind oft die Rollen wie auch die Handlung: Nach einer schwierigen bis schmerzhaften Jugend lässt eine*n die Stadt die Luft atmen, die man braucht, um man selbst zu werden und sein zu können.

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Die stärkste Szene: Wie stolz Sams Vater auf ihn ist

Der Weg zurück ist dann eine Reise in die Vergangenheit, in die oft negativen Erinnerungen. Doch in ihm kann eben auch ein Moment des Stolzes stecken, wenn man sich bewusst wird, wie viel Kraft es gekostet hat, aller Widrigkeiten zum Trotz die Person zu sein, die man ist.

Auch "Close to You" reiht sich nahtlos in die lange Reihe ähnlicher Geschichten ein, entsprechend vorhersehbar und überraschungsarm ist der Film. Die große Stärke des Dramas des britischen Regisseurs Dominic Savage ist jedoch, dass es dieses ambivalente Gefühl sehr gut vermittelt: Sams Unsicherheit auf der einen, seine Stärke auf der anderen Seite. Die wird ihm auch von außen gespiegelt: In einer der stärksten Szenen lässt ihn sein Vater wissen, wie viele Sorgen er sich früher gemacht hat, weil Sam so ein trauriges Kind gewesen ist, und wie stolz er heute auf ihn, auf seinen Sohn ist. Das ist berührend und geht unter die Haut.

Wie viel bin ich bereit zu ertragen, um den Familienfrieden nicht zu gefährden?

Doch nicht alle am Geburtstagstisch teilen diese Gefühle: Sein Schwager Paul provoziert immer wieder mit unsensiblen bis transfeindlichen Kommentaren. Vor allem diese Familienszenen – mit oft improvisierten Dialogen – überzeugen durch ihren hohen Grad an Authentizität. Die Stimmung ist angespannt, die Gefühle schwanken, und dann folgt ein falsches Wort aufs nächste.

"Close to You" bemüht sich hier nicht um Versöhnungen und eine Happy-Family-Stimmung. Vielmehr stellt das Drama Fragen, die viele queere Menschen in solchen Situationen beschäftigen: Wie viel bin ich bereit zu ertragen, um den Familienfrieden nicht zu gefährden? Wie sehr muss ich zurückstecken, bis zu welchem Grad muss ich mich anpassen, um nicht aufzufallen? Wo sind meine roten Linien? Sam findet darauf eindeutige Antworten.

Infos zum Film

Close to You. Drama. Kanada, USA 2023. Regie: Dominic Savage. Cast: Elliot Page, Hillary Baack, Peter Outerbridge, Wendey Crewson. Laufzeit: 100 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 6. Verleih: Salzgeber. Im November 2024 in der Queerfilmnacht
Galerie:
Close to You
12 Bilder
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