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Antisemitismus?
ILGA World schließt israelische LGBTI-Organisation aus
Wegen ihrer israelischen Herkunft hat die queere Dachorganisation ILGA World die Mitgliedschaft der Tel Aviver Gruppe Aguda ausgesetzt.

Die ILGA World distanziert sich von queeren Israelis (Bild: IMAGO / Depositphotos)
- 4. November 2024, 15:07h 3 Min.
Die Dachorganisation International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA World) hat vergangene Woche mitgeteilt, dass die Mitgliedschaft des israelischen Queer-Vereins Aguda bis auf Weiteres suspendiert sei. Hintergrund sei gewesen, dass sich Aguda für die Austragung eines ILGA-Treffen 2026 oder 2027 in Tel Aviv beworben und dies zu "mehreren Bedenken" geführt habe.
Die Bewerbung für die Austragung der ILGA-Konferenz sei vom Vorstand einstimmig abgelehnt worden, eine Abstimmung zu der Frage werde beim nächsten Treffen in Kapstadt vom 11. bis 15. November nicht zugelassen. Zudem überprüfe man, ob sich Aguda noch an die Grundregeln, die sogenannte ILGA-Verfassung (PDF), halte. Bis die Überprüfung abgeschlossen sei, habe man die Aguda-Mitgliedschaft in der ILGA suspendiert. Als Grund für die Suspendierung nannte ILGA World mögliche Verstöße gegen Artikel C3.1 und C3.2 der Verfassung. Darin heißt es etwa, dass sich alle Mitglieder "für die Gleichbehandlung aller Menschen" einsetzen und internationale Menschenrechtsstandards akzeptieren müssten. Es ist unklar, welche Regeln Aguda konkret gebrochen haben soll.
ILGA entschuldigt sich
Zudem entschuldigte sich ILGA World dafür, Tel Aviv als Austragungsort auch nur in Betracht gezogen zu haben. "Wir wissen, dass der Tel-Aviv-Antrag viel Ärger in unseren Communitys ausgelöst und diesen Schaden zugefügt hat. Unsere Entschuldigung richtet sich an die Mitglieder, die Austragungsorganisationen und unsere globalen Communitys – speziell jene in Südafrika, wo unsere nächste Konferenz stattfinden wird."
In dem Text stellte die ILGA auch die südafrikanische Rassentrennungspolitik mit der Behandlung von palästinensischen Menschen durch Israel gleich: "Wir erkennen die historische Erfahrung mit Apartheid und Kolonialismus in Südafrika an. Schon die Möglichkeit einer Abstimmung von so einem Antrag in diesem Land würde der unmissverständlichen Solidarität mit dem palästinensischen Volk widersprechen."
Aguda kritisierte auf Facebook die Suspendierung scharf: "Die israelische LGBTQ-Identität umfasst sowohl den Dienst am Gemeinwohl als Staatsbürger als auch für die Werte der Demokratie und der Menschenrechte in der Gesellschaft zu kämpfen, in der wir leben. Als Community sollten wir nicht die Verantwortung für jede Regierungsentscheidung tragen müssen. Wir erwarten von der internationalen Gemeinschaft, liberale Stimmen zu unterstützen statt sie zu boykottieren."
Auch ansonsten gab es viel Kritik an der Suspendierung. Publizist Monty Ott, ein Mitbegründer des queer-jüdischen Vereins Keshet Deutschland, beklagte etwa in der "taz": "Sollte das gemeinsame Bedrohtsein der globalen queeren Community nicht zusammenschweißen? Eine hehre Annahme, die von der Wirklichkeit zertrümmert wird."
/ MontyOttIn der vergangenen Woche hat der globale LGBTIQ*-Dachverband ILGA die @AgudaIsraelLGBT suspendiert. Für die @tazgezwitscher habe ich darüber geschrieben. Die Wellen der Entsolidarisierung haben queere Jüdinnen*Juden besonders hart getroffen. https://t.co/scBBANa6Ml
Monty Ott (@MontyOtt) November 4, 2024
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Auch in sozialen Medien gab es scharfe Kritik. Menschenrechtsanwalt Arsen Ostrovsky erklärte etwa auf X (vormals Twitter), dass ILGA World von "verrücktem Judenhass" geleitet sei, wenn es ausgerechnet die queere Organisation aus jenem Land in der Region ausschließe, das queere Menschen nicht verfolgen lasse.
/ Ostrov_AThis is outrageous! Modern, unhinged Jew-hatred on full display!
Arsen Ostrovsky (@Ostrov_A) October 30, 2024
The World LGBTI Organization @ILGAWORLD has suspended Israel's leading #LGBTQ group, Aguda, from membership, and apologized for even considering to host the next World Conference in Tel Aviv, saying this had pic.twitter.com/VCeScKwYnt
Mit ihrem Schritt scheint sich ILGA World an die Seite der sogenannten BDS-Bewegung gestellt zu haben, die einen Komplettboykott von Israel und Israelis fordert und allgemein als antisemitisch gilt. Die Abkürzung steht für "Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen". Die Boykottaufrufe führen beispielsweise zu Boykotts jüdischer Läden, außerdem verkehren viele Anhänger*innen privat oder geschäftlich nicht mit Menschen, die einen israelischen Pass besitzen, unabhängig davon, welche Haltung diese Menschen haben; mit Staatsbürger*innen von Diktaturen haben BDS-Fans indes meist kein Problem. Lose LGBTI-Gruppen – etwa "Queers for Palestine" – werden innerhalb und außerhalb der Community scharf kritisiert, etwa auch vom Ex-Kanzlerkandidaten Armin Laschet (queer.de berichtete). (dk)















