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Interview
Was interessiert Sie am schwulen Thomas Mann, Sebastian Schneider?
Ab Donnerstag im Kino: Das verspielte Biopic "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" wirft einen Blick hinter die homosexuellen Fassade des Schriftstellers und in die schillernde Welt seines literarischen Alter Egos Felix Krull.

Sebastian Schneider als junger Thomas Mann in "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" (Bild: mindjazz pictures)
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5. November 2024, 07:11h 4 Min.
Fast 50 Jahre lang arbeitete Thomas Mann an seinem Roman "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Das verspielte Biopic "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" von André Schäfer, das am 7. November 2024 bundesweit im Kino startet, wirft einen Blick hinter die Fassade des schwulen Erzählers und in die schillernde Welt seines literarischen Alter Egos Felix Krull. Aus einem Kaleidoskop aus Originalzitaten und fiktionalen Szenen entsteht eine Hommage an den Menschen hinter dem Mythos Thomas Mann.
In der Hauptrolle brilliert Sebastian Schneider. Der Schauspieler, Jahrgang 1991, lernte sein Handwerk an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Er spielt Theater in Bern, Berlin, München und Leipzig. Im Fernsehen ist er regelmäßig in diversen Krimi-Serien zu sehen, sowie in der Episode "Coming Out" von "Marie fängt Feuer". An der Seite von Emilio Sakraya und Til Schweiger spielt er in "Die Rettung der uns bekannten Welt".
Vor dem Kinostart von "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" konnten wir mit Schneider über den Film sprechen.

Poster zum Film: "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" startet am 7. November 2024 bundesweit im Kino
Herr Schneider, an einer Stelle heißt es: "Ich leide sehr. Weiß auch, dass ich falsch lebe". War Thomas Mann ein unglücklicher Schwuler, der seine wahre Identität versteckte?
Dieser Tagebucheintrag steht im Kontext seiner Arbeit an "Felix Krull". Mann beklagt sich darüber, dass er nicht weiß, wie er neue Arbeit finden soll, und befürchtet, dass der Roman eine Blamage wird. Mich berührt es, dass er in seinem Tagebuch Unsicherheit und Fehlbarkeit zulässt. Diesen Themen widmen wir uns auch im Film – und dem Gefühl sich verstecken zu müssen, ein Geheimnis vor der Welt zu haben, vorzugeben, jemand anderer zu sein. Die Frage, wieviel gebe ich von meiner Identität preis, ist ja eine zentrale Frage im Leben von queeren Menschen.
Was hat Sie an Thomas Mann denn interessiert?
Die Widersprüchlichkeit seiner Person, diese großbürgerliche Fassade, die er nach außen aufrecht hielt, und die Frage, was ist dahinter? Während der Arbeit am Film konnten wir sehr viel von diesem "dahinter" entdecken, das hat mich fasziniert.
Sie spielen viel im Theater und Fernsehen. Diese Hauptrolle in einem Kinofilm ist ein richtiger kleiner Paukenschlag. Wie sind Sie an den "Mann" gekommen?
Ich habe eine E-Mail bekommen, in der ich gefragt wurde, ob ich in einem Hybrid aus Spiel- und Dokumentarfilm mitmachen will. Ob ich Lust hätte, ein Doppelporträt von Thomas Mann und seinem Alter Ego Felix Krull zu verkörpern. Da haben meine Augen geleuchtet, und ich habe zugesagt.
Gibt es da Schnittmengen zwischen Thomas Mann und seinem Darsteller Sebastian Schneider? Oder brauchen Sie die nicht?
Thomas Mann war jemand, der sehr eng verbunden war mit seiner eigenen Arbeit, sich mit ihr identifiziert hat, aber immer wieder mit Zweifeln konfrontiert war. Und das ist auf jeden Fall etwas, was ich auch kenne. Da habe ich mich ihm hin und wieder sehr nahe gefühlt.
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Es gibt die Diskussion, wonach queere Figuren nur von queeren Menschen gespielt werden sollen. Halten Sie die Forderung noch für aktuell oder überholt?
Wäre es nicht das Schönste für unsere Branche, dass man zu einem Casting kommt und es gar keine Rolle spielt, was man für eine Sexualität oder Geschlechtsidentität man hat?
Es gibt einige Intimszenen im Film. Welche Rolle spielt für Sie dabei die Anwesenheit eines Intimacy Coordinators?
Ich bin ein großer Fan davon. Man hat jemanden an Board, der auf die Grenzen der Spielenden aufpasst. Es ist ein Safe Space für Darstellende, weil endlich miteinander gesprochen wird – und sprechen hilft.
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"Queer"-Regisseur Luca Guadagnino möchte als nächstes "Die Buddenbrooks" verfilmen. Was soll die Leute heute an Mann interessieren?
Wahrscheinlich vor allem seine Geschichten. Es war ein so genauer Beobachter der Menschen, ihres Verhaltens und ihres Zusammenlebens. Mich wundert eher, dass Luca Guadagnino erst jetzt darauf kommt, "Die Buddenbrooks" zu verfilmen.
Wenn Thomas Mann jetzt plötzlich vor Ihnen stünde, was würden Sie ihn fragen?
Ich würde ihn wahrscheinlich fragen, ob er Lust hätte, zu unserer Premiere zu kommen. (lacht)
Was möchten Sie, dass die anderen Besucher*innen aus der Premiere mitnehmen?
Ich hoffe, dass die Zuschauenden mit einem neuen Verständnis für Manns Leben und Werk nach Hause gehen und einen kleinen Wow-Effekt erleben. So ging es mir, als ich das erste Mal das Drehbuch gelesen habe. Und ich denke, dass unsere Perspektive auf Thomas Mann eine Nähe schaffen kann zu jemandem, der eigentlich ein großer Meister der Distanz war.
Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann. Biopic. Deutschland 2024. Regie: André Schäfer. Cast: Sebastian Schneider, Nils Rovira-Muñoz. Laufzeit: 91 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: mindjazz pictures. Kinostart: 7. November 2024
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von mindjazz pictures
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